Gefahr durch Hochwasser und Extremwetter – so schützen sich Kommunen in BW

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Wie groß ist die Gefahr durch Hochwasser, Sturzfluten, Erdbeben und Hitze in Baden-Württemberg und: Wie schützen wir uns? Katastrophenforscher Andreas Schäfer und Michael Pfeiffer, OB von Gaggenau, geben Antworten.

In Anbetracht des Klimawandels kann man grundsätzlich sagen [...] dass es tendenziell mehr Extremereignisse geben wird, u.a. auch solche Wetterlagen, die entweder großräumig stark abregnen und dadurch ein Hochwasser wie in Norddeutschland oder im Ahrtal zur Folge haben können oder die sich relativ spontan als extreme Gewitter im Sommer bilden können, wie beispielsweise vor einigen Jahren in Braunsbach, wo sich ein extremes Gewitter über einen Bach direkt abgeregnet hat und eine Flutwelle durch den Ortskern gerauscht ist.

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Katastrophenforscher schätzt Risiko von Naturkatastrophen ein

Katastrophenforscher Andreas Schäfer ist Geophysiker und Bauingenieur am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und schätzt sowohl Risiko als auch mögliche Auswirkungen von Naturkatastrophen ein. Neben der Hochwassergefahr gibt es in Baden-Württemberg auch eine reale Gefahr durch potentielle Erdbeben. Hinzu kommen immer öfter auch Extremwetterereignisse wie Stürme und Hagelschauer.

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Flächenversiegelung als Auslöser für Hochwasser?

"Was trägt unsere hemmungslose Flächenversiegelung mit Pflastersteinen und Asphalt zur Hochwassergefahr bei?" fragt ein SWR1 Hörer per Mail ins Studio. Schäfers Antwort räumt mit einigen Missverständnissen auf. Zum einen gebe es so genanntes "fluviales" Hochwasser – da regnet es über einem sehr großen Gebiet, das Wasser sammelt sich und bringt einen Fluss zum Überlaufen.

In diesem Fall ist die Flächenversiegelung nicht ganz so kritisch, da geht der Regen über Wiesen und Wäldern herunter und es kommt darauf an, wie gesättigt der Boden ist ["Schwammwirkung"]. Flächenversiegelung spielt aber dann eine Rolle, wenn es durch ein Gewitter einen kleinräumigen Sturzregen gibt.

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Ahrtal Hochwasser als Blaupause für das Murgtal?

Das Murgtal sei dem Ahrtal recht ähnlich, sagt Andreas Schäfer – eng, wenig Platz, viel Bebauung. "Da ist kein Platz für das Wasser." Es sei also eine Frage der Raumplanung, wie man Platz schafft für das Wasser. Mit Blick auf das Ahrtal könne man dies sehr konkret nachvollziehen und sich fragen, welche Konsequenzen man daraus zieht. Nicht vergessen dürfe man dabei aus wissenschaftlicher Sicht den Faktor Mensch.

Wie kann man die Menschen davon überzeugen, nicht mehr direkt am Fluss zu bauen? Welche Rolle spielt die Politik dabei? In Neuseeland hat man nach Erdbeben ganze Nachbarschaften an anderen Orten wieder aufgebaut, weil man gesagt hat, "hier ist das zu gefährlich". 

Kosten, Bürokratie, langwierige Genehmigungsverfahren

Nach Angaben des Landes komme man "in Baden-Württemberg mit dem Hochwasserschutz gut voran". Wie gut, davon kann Michael Pfeiffer auf kommunaler Ebene berichten. Der Oberbürgermeister von Gaggenau im Kreis Rastatt engagiert sich seit Jahren für den Hochwasserschutz. Er weiß, wie wichtig - und wie teuer - Schutzmaßnahmen in von Hochwasser gefährdeten Regionen wie dem Murgtal sind.

Wir haben ermittelt, dass wir für die Stadt Gaggenau um die 60 Millionen Euro brauchen, um [unsere] Nebengewässer sicherer zu bekommen – und das ist immer nur eine Sicherheit bis zu einem gewissen Punkt. Und sicherlich kommen nochmal 10 Millionen an der Murg dazu.

Das seien Summen, die man nicht so einfach mal in einem kommunalen Haushalt stemmen könne. Das seien Aufgaben für Jahrzehnte, auch wenn das Land relativ viel beisteuere – nicht zu vergessen die Genehmigungsprozesse und die damit verbundene Bürokratie.

Ich habe [...] erlebt [...] dass [Verfahren] mehr als 10 bis 15 Jahre gedauert haben. Widerstreitende Interessen, Grundwasserschutz, Naturschutz [...] man hat große Schwierigkeiten, im Detail dieses Thema Hochwasserschutz zu bewerkstelligen. 

Hochwasserschutz: kluge Kombination statt einfacher Lösungen

Einfache Lösungen, die eine schnelle Maßnahme - nur das Hochwasser-Rückhaltebecken, nur die Renaturierung, nur die Überlauffläche - nein, das helfe nicht, sagt Andreas Schäfer. Schutz sein nur mit einer klugen, auf die örtlichen Bedürfnisse angepassten Kombination möglich.

Außerdem müssten die Menschen sich und ihre Häuser auch selbst schützen, denn bei Starkregen, der wild über die Täler ablaufe, helfe Gewässerschutz oftmals gar nicht.

Und warum hinterfragen ab einem gewissen Zeitpunkt die Menschen die teuren Investitionen in Hochwasserschutz erneut, warum fehlt plötzlich die Bereitschaft, Gelände abzugeben für Renaturierung oder Rückhaltebecken? Psychologie, sagt Schäfer.

Die Menschen vergessen schnell, das Bewusstsein für Katastrophen nimmt sehr schnell ab.

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