Werteorientierter Führungsstil: So soll Arbeit wieder Sinn ergeben

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Moderator Jens Wolters aus dem SWR1 Team moderiert regelmäßig die Sendung SWR1 Leute mit spannenden und interessanten Gästen (Foto: SWR)
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Redakteur Jörg Witzsch aus dem SWR1 Team behält den Überblick in der SWR1 Online-Redaktion. (Foto: SWR, Foto: Nils Wagner/SWR)

Wie leite in eines der exklusivsten Hotels der Welt, wie führe und motiviere ich Menschen? Ernst Wyrsch weiß das: Er leitete mit seiner Frau das Grand Hotel Belvédère in Davos.

Wir, die wir führen, müssen neu lernen, zu führen. Nicht mehr über die Arbeitsanweisung zu gehen, sondern über die Sinnhaftigkeit und den Nutzen der Anweisung. Dann kann man die Leute zur Leistungserhaltung und Leistungssteigerung bringen. 

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Guter Führungsstil ist mehr als Kommandos und Anweisungen 

Einen Namen machte sich Ernst Wyrsch durch ungewöhnliche Führungsansätze und mutige Entscheidungen, beschritt dabei neue Wege. Heute vermittelt er, was gute Führung seiner Meinung nach bedeutet. Sein Credo: "Vom Vorgesetzten zum Gastgeber". Er ist Dozent an der St. Gallen Business School für Leadership und vermittelt dort die Zukunft von "New Leadership". Führung ist für ihn alles andere als Kommandos und Anweisungen geben. 

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Die 35-Stunden-Woche, "New Work" und der Wert von Arbeit 

In die aktuelle Debatte um Arbeitszeit, Work-Life-Balance, "New Work" und Wohlstand geht Ernst Wyrsch mit einer ganz klaren – und wie er sagt, auch provokanten – Haltung.

Deutschland sollte sich die Frage stellen: "Wollen wir den Wohlstand erhalten?". Wenn man den Wohlstand erhalten will, dann kann man nicht weniger arbeiten. Das ist eine Provokation, das weiß ich. Aber das sollte gesagt werden dürfen.

Er wünsche sich, dass es in Deutschland wieder mehr Leistungsbereitschaft gebe. Die Arbeit sollte seines Erachtens nicht weiter reduziert werden, denn:

Arbeit ist aus meiner Sicht sinnstiftend und nützlich für die Entwicklung einer Person und sollte nicht verteufelt werden. Immer nur davon zu sprechen, wann wieder Wochenende ist, ist der falsche Ansatz. Auch der Wochentag, an dem man arbeitet, kann sinnvoll sein. Der Mensch steigt aus dem Bett nicht wegen Geld, sondern wegen Anerkennung.

Erziehung von Kindern: Vorbereitung aufs Leben 

Mit seinen Ideen von "New Leadership" und dem richtigen Umgang mit Menschen hat sich bei Wyrsch offenbar auch eine Überzeugung entwickelt, was Eltern ihren Kindern mitgeben sollten. "Erziehung zur Selbständigkeit" ist sein Credo: Kinder sollten nicht zu "Klone ihrer Eltern" werden, sondern zu etwas Eigenem, das nicht bei jedem Windstoß umfalle.

Wenn die Eltern das Gefühl haben, sie müssen jedes Problem der Kinder lösen, führt das nicht zu Eigenständigkeit, zu Bildung und zur Erziehung von Kindern, die gesellschaftsfähig sind.

Erziehung Warum Grenzen für Kinder wichtig sind und wie man sie setzt

Erziehungsexpert*innen wie Nora Imlau sind sich einig: Manchmal braucht es ein klares Nein. Aber Grenzen dürfen und müssen auch flexibel sein – und vor allem müssen Eltern ihre eigenen kennen. 

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Ein Großteil der jungen Menschen sei verweichlicht, weil die Eltern ihnen alle Probleme abgenommen hätten. Wyrsch rückt einen seiner Meinung nach grundsätzlichen Fehler in den Fokus: Eltern sollten das Kind stärken, aber nicht zu etwas Besonderem deklarieren. 

Wenn wir glauben, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist, machen wir ihn unglücklich. ... [Wir] lösen wir eine Erwartungshaltung aus, die das Kind nicht erfüllen kann.

Ex-US-Präsident Bill Clinton als beeindruckendes Vorbild  

Im Grand Hotel Belvédère begegnete Ernst Wyrsch nicht nur Kofi Annan, Bill Clinton, Bono, Richard Gere, Angelina Jolie, Angela Merkel oder Claudia Schiffer. Mehr als 100 Staatspräsidenten, mehr als 1.000 CEOs und Chairmen der größten Firmen weltweit, mehr als 70 Nobelpreisträger und Hollywood-Stars hat er während seiner 15 Jahre als Belvédère-Chef getroffen und betreut. Besonders der ehemalige US-Präsident Bill Clinton blieb ihm im Gedächtnis – die beiden Männer freundeten sich sogar an und halten noch heute Kontakt. 

Das Charismatische an ihm [Clinton] ist: Er ist einer, der mehr fragt als erzählt. Und im Gegensatz zu vielen Leuten: Er hört auch zu.

Kraft sammeln durch "Ich-Zeit"

Besonders in Erinnerung blieben Wyrsch Clintons Taktik, sich täglich "herunterzufahren": Mehrmalige fünfminütige Auszeiten, um Kraft zu sammeln.

[Diese] "Ich-Zeit" ist: Langeweile aushalten. Auf die Toilette gehen ohne Handy, die Augen 'runterfahren, die Reizüberflutung 'runterfahren für fünf Minuten, um in die Entspannung zu gehen und um dem Körper zu sagen: "Du darfst jetzt mal nichts leisten". 

Ganz wichtig ist Ernst Wyrsch eines: "Hinhören um zu verstehen, nicht um zu antworten". Das ist einer seiner Leitsätze. Zum Abschluss sagt er in SWR1 Leute: 

Ich will nicht recht haben. Ich will anregen.

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