EM-Fazit mit Markus Babbel: Deshalb wurde Deutschland nicht Europameister

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Jens Wolters
Moderator Jens Wolters aus dem SWR1 Team moderiert regelmäßig die Sendung SWR1 Leute mit spannenden und interessanten Gästen
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Jörg Witzsch
Redakteur Jörg Witzsch aus dem SWR1 Team behält den Überblick in der SWR1 Online-Redaktion.

1996 wurde Ex-Fußballprofi Markus Babbel selbst Europameister: Der ideale Mann, um auf die Fußball-EM 2024 zurückzublicken und das Ausscheiden von Deutschland im Viertelfinale zu analysieren.

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Spanien mit großartigem Fußball verdient Europameister

[Der EM-Titel für Spanien] war absolut gerechtfertigt. Das war mit Abstand die beste Mannschaft, die kontinuierlich vom ersten bis zum letzten Spiel immer die bessere Mannschaft war.

Bis auf eine kleine Ausnahme, meint Babbel: in der 60. Minute gegen Deutschland hätten die Spanier große Probleme gehabt. Aber sonst hätten sie "wirklich großartigen Fußball gespielt" und verdient den Europameister-Titel gewonnen. 

England spielte anfangs "Antifußball"

Markus Babbel hatte die Engländer vor dem Turnier als einen seiner Favoriten gesetzt, musste dann aber "drei wirklich gruselige Gruppenspiele ansehen, wo sie Antifussball gezeigt haben". Durch viele gute individuelle Qualitäten der Spieler, ein Quäntchen Glück und immer bessere Spiele habe er sich dann aber doch gefreut, dass es die Engländer ins Finale geschafft hätten. 

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Schulnote 3 für die deutsche Nationalmannschaft

Welche Schulnote bekommt das deutsche Team? Eine Drei, sagt Babbel. Man müsse das anders betrachten, begründet er die Benotung, die Emotionen herausnehmen und die Leistung der Nationalmannschaft "rein faktisch" ansehen.

Du gewinnst 5:1 gegen Schottland – das war die schwächste Mannschaft im Turnier. Gegen Ungarn war schon so 'Ouh Là Là' und gegen die Schweiz hatten wir nur Glück: Wenn der Rubén Vargas seine Zehennägel schneidet, ist er nicht im Abseits, dann fällt das 2:0 und dann ist das Spiel wahrscheinlich vorbei – da hast Du Glück, wenn Du ein Unentschieden erreichst. Gegen Dänemark war dann auch wieder Zehennägelschneiden wichtig.

Im Viertelfinale gegen Spanien, so Babbel, hätte die deutsche Mannschaft sich bis zum ersten Tor extrem schwer getan. Mit dem 1:0 der Spanier hätten sie aber dann "die Fesseln fallen lassen, toll dagegen gehalten" und Spanien wirklich an der Rand der Niederlage gebracht.

Markus Babbel fordert mehr Chancen für junge Talente

Das also die "rein faktische" Bewertung von Markus Babbel. Und dann nimmt er die Emotionen doch wieder dazu und freut sich an dem, was die neue Nationalmannschaft auf dem Platz gezeigt hat: "Da haben sie mich wieder gecatcht".

Ich hab' jetzt ein paar Jahre hinter mir, wo ich mir die Nationalmannschaft so gut wie nicht mehr angeschaut hab', weil mich das völlig gelangweilt hat. Das haben sie jetzt wieder geschafft, dass ich das Gefühl hatte, da ist eine Mannschaft auf dem Platz, die alles dafür tut, um zu gewinnen – und das hat mir Freude bereitet.

Sein Wunsch für die Zukunft der Nationalmannschaft: Die jungen Talente "laufen zu lassen" und den Mut haben, sie einzubauen – das hätten die Spanier uns bei dem EM 2024 deutlich vorgemacht. 

Kein deutscher Verein, keine Nationalmannschaft würde sich trauen, einen 16-Jährigen auf den Platz zu stellen, weil er besser ist wie andere. Wir hätten da tausende Ausreden! Da müssen wir dranbleiben, weil, wir haben Talente, wir müssen nur den Mut haben, sie zu bringen!

Deutschlands EM-Leistung: Lag's an der Kabinen-Musik?

Der Ex-Fußballprofi Babbel arbeitet mittlerweile auch als DJ und zelebriert auf seinem Instagram-Kanal den Music-Friday mit ordentlich Gitarren-Geschrammel.

Ich weiß nicht, ob sie meinen Musik-Tipp verinnerlicht haben – Don't stop believin’ von Journey. Die Jungs haben meist einen anderen Musikgeschmack, Rock und Metal werden nicht so hoch stehen im Kurs. Deshalb gehe ich mal davon aus, dass es an der Musik lag.

Keine Kabinen-DJs bei der EM 1996

Markus Babbel erinnert sich an seine EM 1996: Da liefen im Mannschaftsbus Songs der Neuen Deutschen Welle, die Spider Murphy Gang und Songs, bei denen jeder mitgrölen kann. Das hätten sie dann auch immer sehr laut und schief gemacht, so Babbel.

Matthias Sammers Lieblingslied, 'Ein bisschen Frieden' von Nicole, sei allerdings nie im Bus gelaufen. "Da hätten wir ihn rausgeschmissen und er hätte hinter dem Bus herlaufen müssen." An einen "Kabinen-DJ", wie heute üblich, kann Babbel sich nicht erinnern.

Bei uns in der Kabine war's so ruhig, da hättest Du eine Stecknadel fallen hören. Wenn da einer gewagt hätte, Musik an zu machen, den hätte Oliver Kahn persönlich aus dem Stadion geschmissen.

War die Fußball EM wieder ein Sommermärchen?

Was die Fans 2024 auf die Beine gestellt hätten, sei grandios gewesen, nur eben anders als 2006: "Das kannst Du nicht toppen und auch nicht wiederholen. Eine Kopie ist immer schlechter als das Original", sagt Babbel und ist ganz klar in seinem Urteil über die EM 2024.

Es wäre nur eine Kopie des Sommermärchens gewesen. Die Stimmung damals ist einfach so entstanden. Man hatte nicht das Gefühl, es wäre geplant. Es war einfach aus der guten Laune heraus, die Mannschaft hat Spaß gemacht, das Wetter hat gepasst.

Markus Babbel über die Bundesliga-Vereine aus BW in der Saison 24/25

VfB Stuttgart
"Es wird keine leichte Saison, aber sie werden es hinbekommen. Und mit dem Höhepunkt Champions League, das ist natürlich ein Traum."

TSG 1899 Hoffenheim
"Ich werd' aus dem Verein nicht so richtig schlau. Alex Rosen stellt immer eine Top-Mannschaft zusammen und ich hab' immer das Gefühl, sie bringen ihre PS nicht auf den Platz. Es könnte viel mehr gehen."

1.FC Heidenheim
"Die Gallier in der Bundesliga – ich würd's ihnen von Herzen wünschen. Was die da leisten, ist sensationell. Aber ich hab' ein bisschen Bedenken, weil sie haben jetzt vier ganz wichtige Stammspieler verloren, [dazu kommt noch] die Erwartungshaltung: Ich hab' ein bisschen Sorge, dass es wieder eine Etage 'runter geht."
 
SC Freiburg
"Julian Schuster [neuer Trainer beim SC]: Ein fantastischer Typ, ein blitzgescheiter Kerl, dem trau ich das definitiv zu. Geht wahrscheinlich nur in Freiburg, weil: Wenn Du nach so einer Legende [Christian Streich] kommst, dann ist es normalerweise zum Scheitern verurteilt. Julian trau' ich es zu, weil der ganze Verein überzeugt ist, dass sie es hinbekommen – die Qualität dazu haben sie."

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Prof. Dr. Simon Meier-Vieracker Die Sprache des Fußballs: "Das Runde muss ins Eckige"

Linguistikprofessor Simon Meier freut sich auf die EM, beobachtet aber genauso gespannt Liveticker und Kommentare. Er beschäftigt sich mit der Sprache des Fußballs und der Fans.

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Süchtig nach Sportwetten: Alexander Jacob lebte ein Parallelleben, hatte hohe Schulden und Suizidgedanken. Heute klärt er über Glücksspiel und Spielsucht auf.

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