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Flüchtlingsdrama „Me, we“ – Wem helfen die Helfer?

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Wenn im europäischen Film von Flucht erzählt wird, dann zumeist aus der Perspektive der Flüchtenden. Der österreichische Film „Me, we“ von David Clay Diaz dreht die Perspektive um und erzählt von vier Menschen, die helfen wollen, an ihre Grenzen stoßen und problematische Entscheidungen treffen. Ein starker und differenzierter Film, findet SWR2 Filmkritikerin Julia Haungs, und keinesfalls eine billige Abrechnung mit dem „Gutmenschentum“.

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Moralischer Anspruch und Realität klaffen auseinander

Gerald leitet mit viel Engagement ein Wiener Flüchtlingsheim, das von der Schließung bedroht ist. Die Redakteurin Petra adoptiert den minderjährigen Flüchtling Mohammed aus Syrien und kümmert sich um dessen Integration. Die Studentin Marie geht als Freiwillige nach Griechenland, um Menschen aus dem Mittelmeer zu retten. All diese Vorhaben entpuppen sich als schwieriger denn gedacht.

 

Filmstill (Foto: FOUR GUYS Film Distribution)
Marie (Verena Altenberger), eine junge Freiwillige, kommt voller Ideale nach Griechenland. Sie will die Bootsflüchtlinge nicht länger aus der Ferne bedauern, sondern aktiv werden und tatkräftig helfen. FOUR GUYS Film Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Sie arbeitet in einem inoffiziellen Empfangs-Camp auf von Lesbos, wo Flüchtlinge versorgt und dann weiter zu den Flüchtlingslagern geschickt werden. Doch seit Wochen kommt niemand und Langeweile macht sich breit. FOUR GUYS Film Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Marcel (Alexander Srtschin) und seine halbstarken Freunde zwischen 12 und 18 Jahren sehen, aufgestachelt durch aufgebauschte Medienberichte und rechtsnationales Gedankengut, ihre Heimat durch Zuwanderung bedroht. Übergriffe von Asylwerbern auf österreichische Frauen scheinen sich zu häufen. FOUR GUYS Film Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Gerald (Lukas Miko), Betreuer in einem Asylheim, legt Wert auf Mitmenschlichkeit im Umgang mit seinen Schützlingen. Aber auch das Einhalten von Regeln ist im wichtig, zumal die Existenz seiner Einrichtung auf der Kippe steht. Nach vielen Beschwerden über das Verhalten seiner Bewohner droht das Ministerium mit der Schließung. FOUR GUYS Film Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Die Wiener TV-Redakteurin Petra (Barbara Romaner) adoptiert den unbegleiteten, minderjährigen Flüchtling Mohammed. Voller Tatendrang verkennt sie, dass Integration auch bedeutet, individuelle Grenzen zu respektieren. FOUR GUYS Film Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Auf den ersten Blick haben die vier Protagonist*innen nichts miteinander zu tun. In Bezug auf ihre politischen Haltungen, ihre Bildung und ihr soziales Umfeld trennen sie Welten. Und dennoch sind sie miteinander durch eine Thematik verbunden, der sich niemand von uns entziehen kann ... FOUR GUYS Film Distribution Bild in Detailansicht öffnen
Die Flüchtlingsrealität zwingt uns, Position zu beziehen und zu definieren, wer wir sind und wer wir in Zukunft sein wollen. Nicht nur zum Blick auf uns selbst sind wir gezwungen, sondern auch zum Blick auf die Welt. Ein tragikomischer Film über den Zustand Europas. FOUR GUYS Film Distribution Bild in Detailansicht öffnen

Alle wollen helfen, aber warum und wie geht das?

Die vier Protagnist*innen wollen helfen, haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was das heißt und wem hier eigentlich geholfen werden muss. Vor allem die vierte Geschichte des Episodenfilms „Me, we“ bekommt eine andere Stoßrichtung. Während sich Gerald, Marie und Petra für Flüchtlinge engagieren, hat der halbstarke Marcel das Gefühl, er muss österreichische Mädchen vor vermeintlich übergriffigen Migranten beschützen. Zusammen mit ein paar Kumpels gründet er „Die Schutzengel“, einen Begleitschutz für Frauen.

Auch die Helfer sind in ihren Vorurteilen gefangen

Regisseur David Clay Diaz stellt die Geschichten gleichberechtigt nebeneinander, ohne das Verhalten der Charaktere zu bewerten. Mit einer genauen Beobachtungsgabe für die kleinen Gesten und Zwischentöne erzählt er davon, wie schwierig das gesellschaftliche Mammutprojekt Integration nach wie vor ist. Gleichzeitig zeigt er, wie selbst diejenigen, die helfen wollen, in ihren Vorurteilen und Wertvorstellungen gefangen sind. Eine Begegnung auf Augenhöhe findet im Grunde in keiner der Geschichten statt.

Keine Abrechnung mit dem „Gutmenschentum“

Je länger der Film geht, desto klarer wird, wieviel Macht die Helfenden über diejenigen haben, von denen sie im Gegenzug Dankbarkeit und Wohlverhalten einfordern. Selten ist das Helfen so selbstlos, wie es auf den ersten Blick wirkt. Dennoch ist der Film keine Abrechnung mit dem, was von rechten Kräften als „Gutmenschentum“ abgetan wird.

„Me, we“ ist eine Sammlung genauer Charakterstudien und wirft einen schmerzhaft genauen Blick auf eine gesellschaftliche Realität, die ein Großteil der Bevölkerung erfolgreich von sich fernhält, während andere, die Position beziehen, daran verzweifeln.

Dass die Handlung ausgerechnet vor dem Hintergrund der Fußball-Europameisterschaft 2020 spielt, gehört zur feinen Ironie dieses starken Films: ein Europa, das sich selbst für ein länderüberspannendes Turnier feiert, während es gleichzeitig die Außengrenzen dicht macht.

Trailer „Me, we“, ab 6.10. im Kino

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