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Die neuen Impfstoffe gelten als Hoffnungsschimmer, um die Corona-Pandemie möglichst schnell zu beenden. Doch was ist, wenn man trotz Impfung noch andere anstecken kann?

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Laut den Impfstudien versprechen die aktuellen Impfstoffe einen hohen Schutz – vor allem schwere Covid-19-Verläufe können verhindert werden. Doch wie sollen sich die Geimpften dann verhalten? Können sie sich wirklich nicht mehr anstecken? Können sie trotz Impfung andere Menschen anstecken? Wichtige Fragen, bei denen Antworten meist noch schwerfallen.

Zum Impfstoff von Biontech und Pfizer gibt es seit Ende Februar vielversprechende Neuigkeiten: Laut der Nachrichtenagentur Reuters konnte das Mittel in einer israelischen Studie die Infektionsrate bei Geimpften im Schnitt um rund 90 Prozent senken. Bei Fällen mit Krankheits-Symptomen war der Effekt sogar noch besser und lag bei knapp 94 Prozent.

Gut einen Monat später veröffentlichte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC ähnliche Zahlen aus einer eigenen Studie mit fast 4000 Probanden: Nach der empfohlenen zweifachen Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer oder dem von Moderna sei das Infektionsrisiko 90 Prozent niedriger. Allein durch die erste Impfung sank in dieser Studie das Risiko um 80 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich auf einen Zeitpunkt zwei Wochen nach der Impfung und schließen asymptomatische Verläufe mit ein.

Impfung kann schwere Verläufe von Covid-19 verhindern

Es sieht so aus, als ob alle aktuellen Corona-Impfstoffe schwere Covid-19-Erkrankungen verhindern können. Aber der Impfstoff muss deshalb nicht vor einer Infektion schützen. So könnten Geimpfte zwar selbst nicht krank werden, aber das Virus im Körper zumindest kurzfristig tragen und weitergeben:


“Es gibt aus den Tierversuchen keinen guten Hinweis darauf, dass wir wirklich eine sterile Immunität erreichen können."

Prof. Klaus Cichutek, Paul-Ehrlich-Institut
Es gibt bislang wenig Erkenntnisse darüber, ob man trotz Impfung noch andere anstecken kann. Auch in Tierversuchen konnte die sogenannte "sterile Immunität" bislang nicht nachgewiesen werden. (Foto: Imago, imago images/Kyodo News)
Es gibt bislang wenig Erkenntnisse darüber, ob man trotz Impfung noch andere anstecken kann. Auch in Tierversuchen konnte die sogenannte "sterile Immunität" bislang nicht nachgewiesen werden. Imago imago images/Kyodo News

Versuche an Affen deuten auf mögliche Schwächen der Impfstoffe

Überwacht werden die Impfstoffstudien in Deutschland vom Paul-Ehrlich-Institut. Mehrere Studien – unter anderem mit Affen – liefern zumindest Hinweise zu der möglichen Schwäche der aktuellen Impfstoffe. Obwohl ein Teil der Affen geimpft wurde, haben Forscher in der Nase der geimpften Tiere genauso viele Viren gefunden wie bei den Nicht-Geimpften.

Fraglich, ob Tierversuche im Labor auf Menschen übertragbar sind

Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass eine Impfung nicht die Infektiosität verhindert. Aber man muss auch sehen, dass die Affen im Versuch vergleichsweise viele Viren direkt in die Nase bekommen haben – wahrscheinlich viel mehr als bei einer natürlichen Infektion – also über eine klassische Tröpfcheninfektion. Noch ist also unklar, inwiefern sich die Hinweise aus den Tierversuchen unter Laborbedingungen wirklich auf den Menschen und die Praxis übertragen lassen. Erst in den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob Geimpfte andere Menschen anstecken können.

Masken und Abstand halten wird uns möglicherweise trotz Corona-Impfung noch eine ganze Weile im Alltag begeiten. (Foto: Imago, imago images/Ralph Peters)
Masken und Abstand halten wird uns möglicherweise trotz Corona-Impfung noch eine ganze Weile im Alltag begeiten. Imago imago images/Ralph Peters

Virus könnte sich trotz Impfung in der Nase und im Mund vermehren

Und genauso ist es schon mal gekommen: So konnte der erste Impfstoff gegen die Kinderlähmung nur die Geimpften vor der Krankheit schützen, eine Ansteckung jedoch nicht verhindern. Expert*innen vom Robert-Koch-Institut (RKI) halten das auch beim Coronavirus für denkbar. So könnte sich das Virus trotz Impfung in der Nase und im Mund vermehren. Der Geimpfte könnte dann ansteckend sein. Aber wahrscheinlich nicht mehr so stark wie ohne Impfung, sagt Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut:

“Wir gehen allerdings davon aus, dass bei einer Verminderung der schweren Verläufe doch auch zumindest eine Reduktion der Viruslast in den oberen Atemwegen passiert.”

Prof. Klaus Cichutek, Paul-Ehrlich-Institut
Im Großbritannien fanden die ersten Covid-19-Impfungen statt. (Foto: Imago, imago images/i Images)
Wahrscheinlich wird die Viruslast nach einer Covid-19-Impfung verringert. Das könnte auch dazu führen, das Geimpfte weniger ansteckend sind. Imago imago images/i Images

So lesen sich auch Passagen aus einem Bericht des Robert-Koch-Instituts, das mit der Krankheitsüberwachung beauftragt ist. Den Analysebericht verschickte das RKI am Ostermontag an die Länder, er liegt der Deutschen Presse-Agentur vor. Demnach sei das Risiko, das Coronavirus weiterzugeben, bei Geimpften wahrscheinlich mindestens genauso gering wie bei Personen mit negativem Antigen-Schnelltest.

Abstands- und Hygieneregeln auch weiterhin wichtig

Doch reicht das für einen kompletten Impfschutz gegen die Krankheit und die Ansteckung? Weil diese Frage noch nicht abschließend beantwortet ist, müssen Geimpfte laut Ständiger Impfkommission auch weiterhin Masken tragen und sich an Abstands- und Hygieneregeln halten.

Was bedeutet das für die Herdenimmunität?

Immer wieder heißt es, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung sich impfen müssten, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Doch wenn zumindest einige Menschen trotz Impfungen ansteckend sind, müssten sich womöglich noch mehr Menschen impfen lassen. Nur dann wäre eine Herdenimmunität erreichbar.

Weihnachts-Shopping in der Fußgängerzone Stuttgart (Foto: Imago, imago images/Arnulf Hettrich)
Eine Herdenimmunität kann nur dann erreicht werden, wenn sich möglichst viele Menschen gegen das neue Coronavirus impfen lassen und diese auch möglichst wenig andere Menschen anstecken. Imago imago images/Arnulf Hettrich

Sind über Mund oder Nase verabreichte Impfstoffe vielleicht wirksamer?

Sollten die aktuellen Impfstoffe nicht vor Ansteckungen schützen, dann könnten eventuell andere Impfstoffe, die gerade noch entwickelt werden, später einen kompletten Impfschutz ermöglichen. Zur Zeit sind weltweit mehrere Impfstoffe in der Entwicklung, die über den Mund oder die Nase verabreicht werden können.

Möglicherweise könnte so eine Infektion besser simuliert werden und Ansteckungen vielleicht vermieden werden. Ob wir wirklich auf alternative Impfstoffe angewiesen sein werden, ist noch unklar.

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