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Covid-19-Impfstoffe sollen die Pandemie eindämmen. Aber auch sie bieten keinen absoluten Schutz. Das zeigt derzeit der Corona-Ausbruch in einem Heidenheimer Pflegeheim.

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Im "Haus der Pflege" in Heidenheim haben sich 25 Personen mit dem Coronavirus infiziert. Das teilte die Heimleitung am 18. Mai mit. Darunter seien Bewohnerinnen und Bewohner sowie Pflegekräfte. Teilweise waren sie bereits zweimal geimpft. Die Impfstoffe versprechen laut den Impfstudien einen hohen Schutz. Sie schützen aber nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion. So ist der Impfstoff von Biontech beispielsweise gegen Erkrankungen zu 95 Prozent wirksam. Das bedeutet, dass für 100 Ungeimpfte, die erkranken, nur fünf Geimpfte erkranken. Nach einer Impfung bekommen also deutlich weniger Menschen Covid-19, aber es gibt immer wieder Fälle.

Auch vor einem schweren Verlauf schützt die Impfung nicht zu 100 Prozent. Zahlen hierzu gibt es für die USA: Dort zählt die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC, wie viele Menschen sich trotz Impfung infizieren und schwere Verläufe haben. Demnach gab es seit Beginn der Impfkampagne knapp 850 Menschen, die trotz Impfung mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden – bei fast 100 Millionen Geimpften. Die allermeisten Erkrankungen trotz Impfung verlaufen milder.

Zwischen den Impfstoffen gibt es hier nur geringe Unterschied. Selbst wenn die Prozentangaben zur Wirksamkeit des Impfstoffes auseinander gehen, schützen die Impfstoffe ungefähr gleich gut vor schweren Verläufen.

Erste gute Nachrichten zum Impfstoff von Biontech/Pfizer

Zum Impfstoff von Biontech und Pfizer gibt es seit Ende Februar vielversprechende Neuigkeiten: In einer israelischen Studie konnte das Mittel die Anzahl symptomloser Infektionen bei Geimpften im Schnitt um rund 90 Prozent senken.

Eine noch nicht von Expert*innen gegengeprüfte britische Studie kommt auf einen sehr ähnlichen Wert – nämlich 86 Prozent.

Vielversprechende Daten auch zum Moderna-Mittel

Ende März veröffentlichte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC wiederum ähnliche Zahlen aus einer eigenen Studie mit fast 4000 Probanden: Nach der empfohlenen zweifachen Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer oder dem von Moderna sei das Infektionsrisiko 90 Prozent niedriger. Allein durch die erste Impfung sank in dieser Studie das Risiko um 80 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich auf einen Zeitpunkt zwei Wochen nach der Impfung und schließen sowohl sympomatische als auch symptomlose Verläufe mit ein.

Packung mit dem Moderna-Impfstoff (Foto: Imago, imago images / ZUMA Wire)
Auch zum Impfstoff von Moderna gibt es inzwischen vielversprechende Studienergebnisse, was die Infektionsrate nach der Impfung betrifft. Imago imago images / ZUMA Wire

Für den Moderna-Impfstoff liegt außerdem eine Modellrechnung vor, die die Ansteckungsrate nach der ersten Impfung schätzt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass diese schon dann um mindestens 61 Prozent verringert wird. Allerdings ist diese Untersuchung noch nicht von unabhängigen Forschenden gegen-geprüft worden.

Auch Impfstoff von Astrazeneca verhindert Ansteckungen

Der Astrazeneca-Impfstoff soll asymptomatische Infektionen nach der ersten Impfung laut einer ebenfalls noch nicht überprüften Untersuchung um rund 67 Prozent verringern.

Eine andere – auch noch nicht gegengeprüfte – Studie kommt auf 65 Prozent weniger symptomlose Infektionen nach der ersten Impfung. Und zwar sowohl beim Impfstoff von Astrazeneca, als auch auch beim Mittel von Biontech/Pfizer.

Insgesamt ist die Studienlage zu diesem Thema ist noch etwas bruchstückhaft. Immerhin muss jeder einzelne Impfstoff untersucht werden. Für den von Johnson&Johnson ist die Datenlage bisher noch dünn.

Im Großbritannien fanden die ersten Covid-19-Impfungen statt. (Foto: Imago, imago images/i Images)
Geimpfte sind durchschnittlich weniger ansteckend. So viel steht fest. Imago imago images/i Images

Geimpfte stecken sich vergleichsweise selten an

Klar ist aber, dass sich geimpfte Menschen deutlich seltener infizieren als Ungeimpfte. In den Meldewochen 25 bis 28, also zwischen dem 21. Juni und 18. Juli 2021, gab es in Deutschland laut RKI rund 24.000 gemeldete Corona-Neuinfektionen. In der Zeit seien 1542 sogenannte Impfdurchbrüche registriert worden. Das heißt, diese Menschen waren vollständig geimpft und infizierten sich trotzdem. Prozentual gesehen gingen also rund 93,5 Prozent der Fälle auf Ungeimpfte oder Personen ohne kompletten Impfschutz zurück. 6,5 Prozent der Neuinfizierten hatten einen vollständigen Corona-Impfschutz. Dabei waren in diesen Wochen schon etwa 40% der Deutschen vollständig geimpft.

Allerdings muss man bei dieser Rechnung beachten, dass nicht klar ist, wie oft sich Ungeimpfte und Geimpfte haben testen lassen. Es könnte beispielsweise sein, dass sich geimpfte Menschen sicherer fühlen, sich deshalb seltener testen lassen und die Zahl der Infektionen unter Geimpften deshalb untererfasst wird. Das RKI weist außerdem darauf hin, dass "die Angaben zu den Impfungen der COVID-19 Fälle teilweise unvollständig sind und somit eine Untererfassung der geimpften COVID-19-Fälle wahrscheinlich ist."

Geringere Viruslast bei Geimpften

Außer den Erkenntnissen zu den Infektionen nach einer Impfung gibt es aber auch Untersuchungen, die sich mit der Viruslast von infizierten Geimpften beschäftigt haben. Das Ergebnis: Sie tragen eine im Durchschnitt geringere Viruslast in sich als Ungeimpfte. Bei einer Infektion nach einer Biontech-Impfung ist sie laut einer weiteren noch nicht geprüften Untersuchung etwa vierfach verringert. Außerdem hält die Infektiosität nicht so lange an. Das bestätigt eine Studie zum Impfstoff von Astrazeneca.

Zusammenfassend schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) deshalb: 

"Aus Public-Health-Sicht erscheint das Risiko einer Virusübertragung durch Impfung in dem Maß reduziert, dass Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung keine wesentliche Rolle mehr spielen."

Lockerungen für Geimpfte?

Das RKI betont aber auch, dass eine Virusübertragung nicht komplett ausgeschlossen ist. Geimpfte sollen deshalb trotzdem Maske tragen, Abstand halten und auf Hygiene achten. 

Masken und Abstand halten wird uns möglicherweise trotz Corona-Impfung noch eine ganze Weile im Alltag begeiten. (Foto: Imago, imago images/Ralph Peters)
Masken tragen und Abstand halten wird uns trotz Corona-Impfung noch eine ganze Weile im Alltag begeiten. Imago imago images/Ralph Peters

Allerdings erscheinen aufgrund der Aussagen des RKI Erleichterungen in anderen Gebieten durchaus wahrscheinlich:

"Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist das Risiko einer Virusübertragung durch Personen, die vollständig geimpft wurden, spätestens zum Zeitpunkt ab dem 15. Tag nach Gabe der zweiten Impfdosis geringer als bei Vorliegen eines negativen Antigen-Schnelltests bei symptomlosen infizierten Personen."

Geimpfte werden daher mancherorts schon jetzt mit negativ getesteten Menschen gleichgesetzt.

Gelten diese Daten auch für die Delta-Variante?

All diese zuvor genannten Studien haben das Infektionsgeschehen mit früheren Varianten des Virus untersucht. Inzwischen herrscht in Deutschland Delta vor. Laut dem RKI ist sie seit Ende Juni die Variante, die den größten Anteil der Neuinfektionen ausmacht.

Einer schottischen Erhebung zufolge ist der Impfschutz vor einer Infektion bei der Delta-Variante offenbar verringert: Anstatt zu 92 Prozent schützte der Biontech-Impfstoff dann nur noch zu 79 Prozent. Beim Mittel von Astrazeneca fiel die Wirksamkeit von 73 auf 60 Prozent.

Eine israelische Analyse des Gesundheitsministeriums von Anfang Juni zeigt außerdem, dass die Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs gegen Infektionen und Erkrankungen dort auf 64 Prozent gesunken ist. Der Rückgang wurde gleichzeitig mit der Verbreitung der Delta-Variante in Israel beobachtet. Die Wirksamkeit des Impfstoffs zur Verhinderung von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen wird aber auf 93 Prozent geschätzt.

Daten einer britischen Studie zeigen ebenfalls, dass der Schutz vor einer Erkrankung wohl vergleichsweise wenig schwächer ausfällt: Die Forschenden kamen hier auf rund 88 anstatt 94 Prozent Wirksamkeit bei Biontech und 67 anstatt 75 Prozent beim Astrazeneca-Impfstoff.

Entscheidend für die Übertragung des Coronavirus ist aber auch die Viruslast. Erste Erkenntnisse aus China deuten darauf hin, dass diese bei einer Infektion mit Delta deutlich erhöht ist. Die Studie wurde allerdings noch nicht von unabhängigen Forschenden gegengeprüft.

Weihnachts-Shopping in der Fußgängerzone Stuttgart (Foto: Imago, imago images/Arnulf Hettrich)
Eine Herdenimmunität kann nur dann erreicht werden, wenn sich möglichst viele Menschen gegen das neue Coronavirus impfen lassen. Imago imago images/Arnulf Hettrich

Was bedeuten die Erkenntnisse für die Herdenimmunität?

Immer wieder hieß es, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung sich impfen müssten, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Schon als wir es mit der ansteckenderen Alpha-Variante von SARS-CoV-2 zu tun hatten, schätzten Expert*innen die Schwelle zur Herdenimmunität eher auf 80 oder 90 Prozent.

Mit der Delta-Variante als Dominante und wenn wir davon ausgehen, dass Geimpfte zumindest gelegentlich noch ansteckend sind, müssten sich wohl noch mehr Menschen impfen lassen. Nur dann wäre eine Herdenimmunität erreichbar. Das RKI hält das Erreichen einer Herdenimmunität im Sinne einer Auslöschung des Virus daher nicht mehr für realistisch.

Anmerkung der Redaktion:
In einer früheren Version des Artikels hatten wir für unsere Berechnung zu Impfdurchbrüchen für die Meldewochen 25 bis 28 eine falsche Zahl an Corona-Neuinfektionen zugrunde gelegt. Das wurde nun korrigiert.

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