Die Omikron-Virusvariante ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen. (Foto: imago images, imago images/agrarmotive)

Corona-Pandemie

Omikron: Das weiß man über die neue Virusvariante

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Eine neue Variante des Coronavirus namens Omikron scheint sich weltweit auszubreiten. Sie ist möglicherweise ansteckender als die aktuelle Delta-Variante. Wir fassen zusammen, was man aktuell darüber weiß:

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Erst Ende November haben südafrikanische Virologen die Welt vor der Omikron-Variante des Coronavirus gewarnt – und schon jetzt steigen die Fallzahlen auch in Europa sprunghaft an: In London sind mehr als 40 Prozent der Infektionen auf die Omikron-Variante zurückzuführen und auch in Dänemark steigen die Zahlen rasant. Wie sind die Aussichten für Deutschland?

Wie sieht es mit der Omikron-Variante in Deutschland aus?

Angesichts der steigenden Infektionszahlen in Europa, beraten Bund und Länder am Dienstag (21.12.21), inwieweit Maßnahmen getroffen werden müssen, um die Omikron-Variante ein wenig aufzuhalten.

Der Freiburger Immunologe Christoph Neumann-Haefelin rechnet damit, dass Omikron schon Mitte Januar 2022 die dominierende Variante bei uns sein wird. Anderen Fachleute wollten sich bei einem Pressebriefing des Science Media Center noch nicht so genau festlegen. Jedoch sind alle sicher, dass Omikron sehr bald und schnell auch über Deutschland hereinbrechen wird.

Dirk Brockmann vom Robert Koch-Institut sagt, er ist deshalb „außerordentlich besorgt“ und fordert Notfallpläne von der Politik. Er geht davon aus, dass Hochrechnungen aus England sich auch auf Deutschland übertragen lassen: Demnach könnte sich innerhalb von nur vier Monaten rund die Hälfte der Bevölkerung mit Omikron infizieren. Brockmann warnt, dass eine solche Infektionswelle auch bei medizinischem Personal zu sehr vielen Krankheitsfällen führen könnte – das würde die Kliniken extrem belasten.

Die Omikron-Virusvariante ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen. (Foto: imago images, imago images/Christian Ohde)
Die Omikron-Virusvariante ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen. imago images/Christian Ohde

Wo ist die Omikron-Variante erstmals aufgetaucht?

Das erste Mal nachgewiesen wurde die Variante B.1.1.529 Ende November 2021 in Botswana. Seitdem scheint sie sich vor allem in Südafrika verbreitet zu haben. Besonders viele Fälle wurden in der Provinz Gauteng nachgewiesen.

Bei der Untersuchung von 77 Stichproben in der südafrikanischen Provinz stellte sich heraus, dass alle Infektionen durch die bis dahin unbekannte Variante ausgelöst wurden. Experten gehen davon aus, dass sie die dort zuvor vorherrschende Variante Delta innerhalb von etwa 20 Tagen fast komplett verdrängt hat. Bei Delta dauerte es dagegen ungefähr 4-mal so lang bis die Variante so weit verbreitet war. Viele Länder, darunter auch Deutschland, schränken jetzt die Einreise aus Südafrika ein, um die Verbreitung der Virusvariante einzudämmen.

Wie unterscheidet sich die Omikron-Variante von den anderen?

Mit Sorge schauen Fachleute vor allem auf die genetischen Veränderungen des Virus. B.1.1.529 weist im Vergleich zum ursprünglichen Virus etwa 50 Mutationen auf – allein auf dem Spike-Protein sind es etwa 30. Das Spike-Protein spielt eine wichtige Rolle, damit das Virus in die menschlichen Zellen eindringen und sie so infizieren kann. Mutationen am Spike-Protein machten bereits die Delta-Variante ansteckender.

Ein weiteres Problem: Durch die aktuell zugelassenen Impfstoffe wird das Immunsystem darauf trainiert, das Spike-Protein zu erkennen. Wenn sich dieses Protein jedoch stark verändert, könnte das die Wirksamkeit der Impfungen reduzieren. Ob die Impfstoffe gegen die neue Variante wirksam sind, ist ungewiss.

Corona Modell der Variante B1.1.529 (Foto: imago images, IMAGO / Steinach)
Die neue Corona Variante B. 1.1.529 breitet sich von Südafrika auf der Welt aus. IMAGO / Steinach

Wie gefährlich ist die neue Virusvariante?

Über den Krankheitsverlauf bei einer Ansteckung mit der neuen Omikron-Variante ist derzeit wenig bekannt: Angélique Coetzee, Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbands, sagte der BBC, dass die bisher in ihrem Land festgestellten Fälle nicht schwerwiegend seien. Die Untersuchungen zu dieser Variante seien allerdings noch in einem sehr frühen Stadium. Allerdings sagte sie der Zeitung "Telegraph", man müsse sich Sorgen machen, dass die neue Variante ältere Menschen, die zusätzlich an Diabetes oder Herzkrankheiten litten, viel härter treffen könnte. 

Die Beobachtung von Wissenschaftlern aus Norwegen spricht auch eher für einen milden Verlauf. In Norwegen gab es den bislang größten Omikron-Ausbruch außerhalb Südafrikas - und zwar bei einer Weihnachtsfeier Ende November rund 120 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Etwa die Hälfte von ihnen wurde positiv auf Omikron getestet. Die meisten hatten eher mildere Symptome oder Symptome wie Fieber, Husten, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Müdigkeit.

Nach Ansicht der norwegischen Covid-Experten Frode Forland könnte sich die hochgradig übertragbare, aber „mildere“ Omikron-Variante als „bestes Szenario“ erweisen: Wenn sich viele Menschen mit mildem Verlauf infizieren, könnte das die „natürliche Immunität“ stärken und das Ende der Pandemie könnte vielleicht näher rücken.

Hartmut Hengel, Leiter der Virologie am Uniklinikum Freiburg, nimmt diese Virusvariante sehr ernst, warnt jedoch vor Alarmismus. Der Virologe Christian Drosten und der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach sehen in Bezug auf Omikron bislang noch keinen Anlass zur Entwarnung. 

Der Wissenschaftler Hartmut Hengel und eine andere Wissenschaftlerin im Labor. (Foto: Uniklinikum Freiburg, Jürgen Brandel)
Die neue Virusvariante verbreitet sich schneller, sagt der Freiburger Virologe Hartmut Hengel. Uniklinikum Freiburg, Jürgen Brandel

In Bezug auf schwere oder tödliche Verläufe bei Geimpften gehen die meisten Forscher aber bisher davon aus, dass der Schutz hier längst nicht so stark zurückgeht – Genaueres weiß man aber noch nicht.

Helfen die verfügbaren Impfstoffe gegen die neue Virusvariante?

Der Schutz vor schwerem Krankheitsverlauf ist bei dreifach Geimpften wohl auch bei Omikron sehr hoch, da waren sich die Fachleute einig. Wer erst zweimal geimpft ist, ist laut ersten Daten aus Südafrika immerhin noch zu rund 70 Prozent vor Einweisung ins Krankenhaus geschützt, das sind aber nur vorläufige Zahlen.

Und wenn es um Ansteckung und Weiterverbreitung geht, schützt die doppelte Impfung kaum vor Omikron. Geboosterte sind dagegen wohl deutlich besser vor Infektion geschützt – dieser Schutz nimmt jedoch nach zwei bis drei Monaten deutlich ab, so die Virologin Sandra Ciesek. Biontech-Gründer Ugur Sahin hatte kürzlich sehr viel optimistischere Daten zum Boosterschutz bei Omikron vorgestellt – aber sein Team hatte Proben vier Wochen nach der dritten Impfung untersucht, Ciesek hat nach drei Monaten geschaut.

Viele der Omikron-Mutationen kennt man bereits von anderen Varianten. Doch bisher kann noch niemand sicher sagen, was der neue Mutations-Mix für die Verbreitung, die Schwere der Krankheit oder den Immunschutz bedeutet. Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe an der Universität Hamburg, glaubt allerdings nicht, dass diese Variante den Impfschutz komplett aushebeln kann:

Das kann irgendwann passieren, ich sehe es aber als nicht sehr wahrscheinlich jetzt in, sage ich mal, einer überschaubaren Zeit, dass das passiert.

Zur Eindämmung der Omikron-Virusvariante gibt es Reisebeschränkungen aus den betroffenen Gebieten.  (Foto: imago images, imago images/Christian Ohde)
Zur Eindämmung der Omikron-Virusvariante gibt es Reisebeschränkungen aus den betroffenen Gebieten. imago images/Christian Ohde

Wichtig sei jetzt, bei der Impfkampagne nicht nachzulassen, so Hartmut Hengel, Leiter der Virologie am Uniklinikum Freiburg. Auch andere Experten fordern neben der genauen Beobachtung der Ausbreitung des Virus weitere Anstrengungen, um die Impfquote deutlich zu heben.

Denn während bisher die Impfungen mit den zugelassenen Covid-19-Impfstoffen der ersten Generation gegen die bekannten Varianten wirkten, fürchten Experten nun, dass Omikron möglicherweise den Abwehrwall überwinden kann. Zumindest hat die neue Variante Mutationen an mehreren dafür entscheidenden Stellen.

Jemand wird geimpft. (Foto: imago images, IMAGO / Laci Perenyi)
In den kommenden Wochen gibt der Impfstoffhersteller BioNTech bekannt, ob sein Impfstoff auch gegen die südafrikanische Virusvariante wirkt. IMAGO / Laci Perenyi

Wie schnell kann ein neuer und variantenangepasster Impfstoff entwickelt werden?

In den letzten Monaten haben Biontech, Moderna und Astra Zeneca im Labor bereits geübt, wie sie ihre Impfstoffe an Varianten wie Beta und Delta anpassen können. Biontech zum Beispiel hat eine Anpassung an die Beta-Variante im Impfstoff vorgenommen und ist damit in der Erprobungsphase II/III.

Nun spielt diese Variante weltweit keine große Rolle im Infektionsgeschehen mehr, doch das Ziel war vor allem, gemeinsam mit den Zulassungsbehörden einen Prozess zu entwickeln, wie solche Anpassungen im Notfall schnell durchgeführt werden können. Der Notfall tritt dann ein, wenn eine Variante auftaucht, die der durch Impfungen ausgelösten Immunantwort tatsächlich vollständig entkommen kann.

Die Omikron-Virusvariante ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen. (Foto: imago images, imago images/MiS)
Die vorhandenen Impfstoffe schützen wahrscheinlich auch bei der Omikron-Virusvariante vor schweren Verläufen. Dennoch wird bereits untersucht, ob die Impfstoffe angepasst werden müssen. imago images/MiS

Ein Biontech-Sprecher versicherte nun, wenn nötig, dann könne der Impfstoff innerhalb von sechs Wochen gegen die Variante Omikron angepasst werden und die ersten Chargen könnten innerhalb von 100 Tagen ausgeliefert werden. Schon im Juni hatten die beiden Unternehmen Biontech/Pfizer erklärt, ihren Impfstoff innerhalb von 100 Tagen auf eine sogenannte „Fluchtvariante“ anpassen und auf den Markt bringen zu können.

Wie schnell kann ein angepasster Impfstoff zugelassen werden?

Die mRNA in den Impfstoffen von Biontech und Moderna oder die Anpassung der Vektorviren bei Astrazeneca kann im Labor in wenigen Wochen verändert werden.

Zur Zeit aber gelten Vorschriften, die für eine Markteinführung erst monatelange klinische Studien voraussetzen.

Schwierig ist dabei auch, die Wirksamkeit der angepassten Impfstoffe in der Bevölkerung zu untersuchen. Denn wenn bereits viele Menschen geimpft oder genesen sind, wird es aufwändig große Teilnehmerzahlen für die Studien zu rekrutieren. Möglicherweise werden daher vor allem Laborwerte zur Bewertung der angepassten Impfstoffe herangezogen.

Eigentlich sollte hier eine kürzere und einfachere Zulassungsprozedur eingeführt werden, um ähnlich wie bei den Grippeimpfstoffen eine Anpassung schnell und kostengünstig möglich zu machen.

Falls sich herausstellt, dass die vorhandenen Impfstoffe tatsächlich nicht oder nur sehr gering gegen Omikron wirken, wird dieser Prozess möglicherweise beschleunigt.

Corona Tests (Foto: imago images, IMAGO / CTK Photo)
Mit PCR Tests lässt sich die neue Virusvariante feststellen. IMAGO / CTK Photo

Wie gut schützen neue Impfstoffe wie von Novavax oder Valneva vor Omikron? 

Demnächst könnten in der EU auch neue Impfstoffe von Novavax oder Valneva zugelassen werden. Ob diese proteinbasierten - oft als Totimpfstoffe bezeichneten Impfstoffe gegen Omikron wirken ist ungewiss. Prof. Dr. Florian Krammer, Impfstoff-Experte an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in den USA, äußerte sich dazu besorgt: “Ich würde annehmen, dass die Wirksamkeit der Immunantwort durch die Impfung bei ihnen am stärksten abnimmt.” 

Inaktivierte Impfstoffe sind laut Krammer nicht so gut geeignet, eine T-Zell-Reaktion auszulösen und erzeugen auch weniger neutralisierende Antikörper. Es sei aber wichtig, dass man sich bei einer Infektion auf verschiedene Antworten des Immunsystems verlassen kann. Je niedriger der Ausgangsstatus sei – also je weniger Antikörper und je weniger T-Zell-Antwort man habe – desto leichter wird es für die neue Variante Omikron sein, eine Krankheit auszulösen. T-Zellen unter anderem, dass sich das Virus im Körper weiterverbreitet und spielen bei der Schwere der Erkrankung eine Rolle. 

Was kann ich in der Zwischenzeit tun? 

Der Berliner Modellierer Dirk Brockmann prognostiziert eine düstere Zeit: "Eine aktuelle britische Modellierung gehe von 400.000 bis 700.000 Neu-Infektionen pro Tag aus – „trotz Maßnahmen“. Dies würde bedeuten, dass sich rund die Hälfte der britischen Bevölkerung in der Zeit zwischen Dezember und April nächsten Jahres infizieren würde, das wären 30 bis 40 Millionen Menschen. „Das lässt sich grob auf Deutschland übertragen." Bisher habe die Politik immer zu lange gezögert und jetzt komme es darauf an schnell vorausschauend zu handeln.

Möglichst viel testen und so viele Menschen wie möglich rasch boostern halten die Fachleute zusätzlich für sehr wichtig. Sandra Ciesek kritisiert das Ende der Testpflicht für Geboosterte – damit würden sich Menschen in falscher Sicherheit wiegen. Die Virologin plädiert für freiwilligen Verzicht: Alle sollten jetzt überlegen, ob man wirklich noch Veranstaltungen besucht und viele Kontaktpersonen trifft.

Außerdem empfiehlt Prof. Dr. Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfforschung der Charité in Berlin, einen Termin zur Boosterimpfung auszumachen. Eine Boosterimpfung (also in der Regel eine dritte Impfdosis) kurbelt das Immunsystem wieder an, Antikörper zu produzieren. 

Im niederösterreichischen Landesimpfzentrum in Tulln werden Erwachsene mit Biontech-Pfizer oder Moderna geimpft oder oder bekommen die dritte Impfung als Booster. Seit Kurzem werden auch Kinder Off-Label geimpft und erhalten 13 der Dosis für Erwachsene. (Foto: imago images, IMAGO / photonews.at)
Kinder haben nur selten schwere Verläufe bei Covid-19. Daher sollte bei ihnen Risiken und Nutzen einer Covid-19-Impfung immer genau abgewogen werden. IMAGO / photonews.at

Kann die neue Omikron-Variante mit den gängigen Testverfahren nachgewiesen werden?

Die Gesellschaft für Virologie und Immunologie schreibt dazu in einer Adhoc Stellungnahme:

Nach derzeitigem Kenntnisstand können die gängigen PCR-Verfahren zum Nachweis von SARS-CoV-2 auch die Omikron-Variante detektieren. Auch Antigenschnelltests sollten geeignet sein. Wie umfänglich dies gilt, wird derzeit noch überprüft.

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