Nach monatelangen Spekulationen, viel Kritik und Verzögerungen steht nun fest: Naomi Beckwith wird die Documenta 2027 in Kassel leiten. Als derzeitige Senior-Kuratorin des Guggenheim Museums in New York tritt sie ein schwieriges Erbe an. Angesichts der Kontroversen rund um die documenta 15 wird die kommende Ausstellung in Kassel weltweit genau beobachtet werden.

Die Wahl der US-Amerikanerin erfolgte durch eine sechsköpfige internationale Findungskommission, die erst im Juli 2024 ins Amt berufen wurde. Ihre Vorgängerinnen und Vorgänger waren acht Monate zuvor aufgrund von Antisemitismusvorwürfen zurückgetreten.
Antisemitismus auf der documenta 15
Kaum ein anderes kulturelles Großereignis führte 2022 zu ähnlich heftigen wie Kontroversen Auseinandersetzungen wie die documenta 15. Der Skandal um Kunstwerke mit antisemitischer Bildsprache beschädugte nicht nur das Ansehen der zeitgenössischen Kunstausstellung in Kassel ungemein. Das Beben, ausgehend von eben diesem Epizentrum, war bis in den deutschen Bundestag spürbar.
Eigentlich könnte man sich freuen, wenn im Plenarsaal ausnahmsweise mal eifrig über die Funktion und Intention von Kunst diskutiert wird. In diesem Fall jedoch nicht: Verhandelt wurde über nicht weniger als die Freiheit der Kunst, kuratorische Verantwortung, die öffentliche Zurschaustellung von Antisemitismus und die Nähe der Kunstszene zur Israel-Boykott-Bewegung BDS.

Mit ruangrupa übernahm erstmal ein Kunstkollektiv die Leitung der documenta
Mit ruangrupa, einem zehnköpfigen Verbund aus Kreativen aus dem indonesischen Jakarta, wurde die fünfzehnte Ausgabe der documenta erstmals von einem Künstler*innenkollektiv geleitet. Die achtköpfige Findungskommission begründete ihre einstimmige Wahl wie folgt:
Wir ernennen ruangrupa, weil sie nachweislich in der Lage sind, vielfältige Zielgruppen – auch solche, die über ein reines Kunstpublikum hinausgehen – anzusprechen und lokales Engagement und Beteiligung herauszufordern.
Tatsächlich sollte die documenta 15 ein Ort des kreativen Austausches sein. Nicht das Künstlergenie sollte im Fokus stehen, sondern die kreative Arbeit im Kollektiv. Viele Kunstwerke entstanden in diesem Sinne auch erst auf der documenta. Im Prinzip wurde die Stadt Kassel zur sozialen Plastik – ganz im Sinne von Joseph Beuys’ Leitsatz: „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

Ein Skandal in Kassel jagte den nächsten
Doch schon vor der Eröffnung warnten deutsche Künstler*innen und Intellektuelle vor möglichen antisemitischen Tendenzen. Die Kritik richtete sich vor allem gegen die Auswahl des indonesischen Kollektivs ruangrupa als Kuratoren, da einige der eingeladenen Künstler*innen und Organisationen Verbindungen zu antizionistischen Positionen oder zur BDS-Bewegung haben sollen.

Die antisemitisch konnotierten Darstellungen in dem Werk „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi entfachten letztlich den Skandal. Das großformatige Banner zeigte unter anderem eine Figur mit stereotyp antisemitischen Zügen wie Schläfenlocken und Vampirzähnen, die einen Hut mit SS-Runen trug.
Stellungnahme des Kuratorenkollektivs „Ruangrupa“
Beckwith will an globaler Ausrichtung der documenta festhalten
Ganz klar, Beckwith wird in der sechzehnten documenta Vertrauensarbeit leisten müssen. Damit geht eine Gradwanderung einher. In ihrer Rede zur Ernennung betonte sie, dass sie keine Zensorin der Kunst sein wolle. Gleichzeitig machte die 48-Jährige deutlich, dass sie Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus nicht tolerieren werde.

Um dies zu gewährleisten und gleichzeitig eine globale Ausrichtung der Schau zu realisieren, möchte sie ständig im Austausch mit den Künstlerinnen und Künstlern stehen. Kein Werk soll bei der Eröffnung gezeigt werden, das sie nicht zuvor gesehen hat.
Es wird keine Überraschungen geben. Ich kenne die Objekte, ich kenne die Projekte, ich werde die Denkweise der Kunstschaffenden kennen.
Freiheit der Kunst trifft auf verantwortliches Handeln
Mit Naomi Beckwith wird es 2027 voraussichtlich keine fehlenden Verantwortungstrukturen mehr geben. Das erscheint sinnvoll, wenn man bedenkt, dass das Konzept der Dezentralisierung und Machtabgabe der documenta 15 maßgeblich zum Verhängnis wurde. Das hat ein vom Aufsichtsrat der documenta eingesetztes Expertengremium in seinem Abschlussbericht zur Bewertung der documenta 15 festgestellt.
Auch steht sie, folgt man Dlf-Chefkulturkorrespondent Stefan Koldehoff, für eine „solide Kuratorenarbeit“. In ihrem Fall heißt das: Große Experimente wird sie kaum wagen, aber sehr interessante Themen, eine gute Mischung aus „Nummer sicher“ und dem, was derzeit in der Kunstwelt gefragt ist. Viele ihrer Arbeiten und Publikationen widmen sich dem Einfluss schwarzer Kultur auf die zeitgenössische Kunst.

Zu ihren gefeierten Ausstellungen zählen „Howardena Pindell: What Remains to Be Seen“ (2018, MCA Chicago) und „The Freedom Principle: Experiments in Art and Music, 1965 to Now“ (2015, MCA Chicago). Strukturell sind damit bereits die Weichen für die sechzehnte documenta gestellt. Ihre inhaltlichen Pläne wird die neue künstlerische Leiterin in etwa einem halben Jahr vorstellen.
Die documenta 16 soll vom 12. Juni bis 19. September 2027 in Kassel stattfinden.