Konditorin Johanna Orth starb bei der Flutkatastrophe im Ahrtal.

Eltern von Opfer kritisieren Behörden

Die Wut nach der Flut: "Tod von Johanna war unnötig"

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AUTOR/IN
Christina Nover
Autorin Christina Nover

Die 22-jährige Johanna Orth gehört zu den 67 Todesopfern der Flut aus der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. Hätte ihr Tod verhindert werden können? Die Eltern sagen: Ja.

Die große Engelsfigur auf dem Friedhof in Bad Neuenahr ist schon von Weitem zu erkennen. Sie thront über dem Grab von Johanna Orth. Von einer Stele lächelt die junge Frau schüchtern herab - liebevoll drückt sie auf dem Foto eine Katze an sich.

Darunter steht auf einem Bett von weißen Steinen ein großer, frischer Strauß roter Rosen. Sie stammen von Johannas Freund. Die beiden waren erst wenige Monate ein Paar, als das Hochwasser dem jungen Glück ein tragisches Ende bereitete.

"Man hätte es verhindern können… ihr Tod war komplett unnötig."

15. Juli 2021 - das ist der Todestag von Johanna Orth, die gerade mal 22 Jahre alt wurde. "Man hätte es verhindern können… ihr Tod war komplett unnötig", sagt ihre Mutter Inka Orth voller Bitterkeit in der Stimme.

Engelsgrab von Johanna Orth auf dem Friedhof in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Über dem Grab von Johanna Orth thront eine große Engelsfigur.

Im Hochwasser vermisst: Suche nach Tochter vergebens

Sechs Monate ist es jetzt her, dass sich ihre Hoffnung, die Tochter könnte die Flutnacht doch noch überlebt haben, in Luft auflöste. Zwei Tage lang hatten sie und ihr Mann Ralph Krankenhäuser abtelefoniert und Notunterkünfte abgesucht - bis der Anruf der Polizei kam und eine Welt zusammenbrach.

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Storytelling-Podcast Die Flut – Warum musste Johanna sterben?

Juli 2021: Die 22-jährige Johanna Orth aus Bad Neuenahr-Ahrweiler ist auf dem besten Weg in eine erfüllte Zukunft. Gerade fertig mit der Ausbildung, frisch verliebt und mit der Aussicht auf eine eigene Konditorei. Dann reißt sie die Flutwelle aus dem Leben. Der Host Marius Reichert ist selbst in Bad Neuenahr-Ahrweiler zu Hause und berichtete als Reporter aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz über die Flut. Er kennt die Schicksale der Betroffenen - auch die Geschichte von Johanna. Zusammen mit ihren Eltern begibt sich Marius auf die Suche nach Antworten rund um die Ereignisse dieser verhängnisvollen Nacht: Wie kam Johanna ums Leben? Wie konnte es so weit kommen? Warum wurde Johanna nicht früher gewarnt? Wer trägt Verantwortung? Johanna soll den mehr als 180 Todesopfern der Flut ein Gesicht geben, so der Wunsch der Eltern, denn der Schrecken dieser Katastrophe darf nicht in Vergessenheit geraten. Mithilfe verschiedener Gesprächspartner - Betroffene, Angehörige, Politiker:innen, Einsatzkräfte, Expert:innen - geht Marius Reichert diesen Fragen auf den Grund. Die ersten sechs Folgen sind am 1. Juli 2022 erschienen. Ein Update zum zweiten Jahrestag erscheint am 7. Juli 2023: Wie geht es den Orths zwei Jahre nach der Katastrophe und wie steht es um die Aufarbeitung? 

Der Podcast ist eine Produktion von SWR und WDR. 

Hier noch eine Warnung: In diesem Podcast werden die Todesumstände von Johanna und der Umgang mit ihrem Tod explizit beschrieben. Wenn euch Themen wie Tod, Trauer oder Suizid belasten oder ihr selbst von den Ereignissen betroffen wart und traumatisiert seid, dann hört euch den Podcast besser nicht an oder nicht allein. Hilfe findet ihr z.B. bei der Telefonseelsorge oder beim Traumhilfe-Zentrum im Ahrtal: www.thz-ahrtal.de

Seitdem hat sich das Ehepaar Orth, das in Bad Neuenahr-Ahrweiler durch seine Arbeit und sein soziales Engagement (Bunter Kreis Rheinland) bekannt ist, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die Familie, sie ist nicht mehr komplett - und das merken die Eltern jeden Tag.

"Ich gucke immer noch morgens aufs Handy und denke: Da sollte eigentlich eine Nachricht von ihr stehen."

Die Bindung zu ihrer Tochter war groß, jeden Tag meldete Johanna sich mehrfach, rief an oder schickte Sprachnachrichten. "Ich gucke immer noch morgens aufs Handy und denke: Da sollte eigentlich eine Nachricht von ihr stehen."

Johanna Orth war Konditorin aus Leidenschaft

Johanna musste oft früh raus - sie war Konditorin aus Leidenschaft. Ihre Meisterprüfung hatte sie erst im April 2021 bestanden, sie war drauf und dran, sich ihren Traum von einem eigenen Café zu verwirklichen.

Johanna Orth mit ihren Eltern Inka und Ralph Orth. Sie wohnen ebenfalls in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Johanna Orth mit ihren Eltern Inka und Ralph Orth.

Das Logo dafür war schon entwickelt, auch einen Laden hatte sie ins Auge gefasst und erste Ideen zur Einrichtung gesammelt. Das Café sollte den Namen ihrer Großmutter tragen und unbedingt in Bad Neuenahr-Ahrweiler sein - ihrer Heimatstadt.

Eigene Wohnung in der Nähe der Ahr

Nach ihrer Ausbildung in Trier war Johanna zur Freude ihrer Eltern zurückgekehrt und hatte sich eine kleine Wohnung gesucht. "Leider da unten...", sagt Inka Orth und blickt durch die große Fensterfront ihres Esszimmers hinab ins Tal.

Die ehemalige Wohnung ihrer Tochter liegt Luftlinie keinen Kilometer entfernt, etwa 300 Meter weg von der Ahr. "Wenn wir früher am Fluss spazieren gegangen sind, habe ich immer gedacht, wie traumhaft hier es doch ist. Wie gut wir es haben, hier leben zu können. Jetzt werde ich die Ahr nie wieder schön finden können", sagt die Mutter.

"Es wäre noch so viel Zeit gewesen, die Leute zu evakuieren."

Als der Fluss am 14. Juli anfing, über die Ufer zu treten, waren sie und ihr Mann auf Mallorca. Sie verfolgten die Nachrichten, bekamen erste Videos von der oberen Ahr zugeschickt und telefonierten mehrfach mit ihrer Tochter. "Es wäre noch so viel Zeit gewesen, die Leute zu evakuieren", meint Ralph Orth.

Feuerwehr riet den Menschen, zu Hause zu bleiben

Doch die Gefahr sei vollkommen unterschätzt worden. Die Feuerwehr riet demnach am Abend noch über Lautsprecherdurchsagen dazu, zu Hause zu bleiben, Türen und Fenster geschlossen zu halten und lediglich Keller zu meiden. "Ein fataler Tipp", so Orth.

So hoch stand das Wasser bei der Flutkatastrophe: Nachbarhaus von Johanna Orth
An diesem Haus lässt sich noch erkennen, wie hoch das Wasser der Ahr in der Flutnacht in der Straße stand, in der Johanna Orth wohnte.

Johanna wohnte im Erdgeschoss. Das letzte Lebenszeichen ihrer Tochter war ein Anruf gegen 0:30 Uhr. Da stand das Wasser schon in der Wohnung, brachte Möbel zum Wackeln und verhinderte, dass Johanna die Tür zum Treppenhaus öffnen konnte. "Johanna war panisch", erinnert sich Inka Orth. Die Eltern versuchten ihre Tochter noch zu beruhigen, ihr aus der Ferne beizustehen, doch nach eineinhalb Minuten brach die Verbindung ab.

Ertrunken im Hochwasser der Ahr

Was danach passierte, werden die Eltern nie genau wissen. Sie vermuten, dass die Tochter versuchte, sich über die Terassentür ins Freie zu retten - und dann von der Strömung weggerissen wurde. Die Feuerwehr fand ihren Körper zwei Tage später in der Tiefgarage des Wohnkomplexes.

"Wir sind zutiefst enttäuscht von den Behörden."

Der Verlust des geliebten Kindes hat seine Spuren bei Inka und Ralph Orth hinterlassen. Auch sechs Monate nach der Flut ist ihr Schmerz greifbar. Zu der Trauer hat sich aber auch Wut gemischt. Unter anderem über das Handeln von Landrat Pföhler und seinem Krisenstab. "Wir sind zutiefst enttäuscht von den Behörden", sagt der Vater.

Für ihn und seine Frau ist nach all dem, was sie in den letzten Monaten über die Tage rund um die Katastrophe herausgefunden haben, unverständlich, dass der Kreis nicht entsprechend reagiert hat: "Es sind so viele Menschen gestorben, das hätte nicht passieren dürfen", betonen die beiden unisono.

67 Todesopfer wohnten in Bad Neuenahr-Ahrweiler

67 der Todesopfer der Flutkatastrophe kamen nach Angaben des Landes aus der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. Darunter viele ältere Menschen, die sich in ihrer Wohnung in Sicherheit wiegten. Aber eben auch Johanna, die zierliche junge Frau, die ihre Mitmenschen mit ihren Torten und Pralinen verzauberte.

Ihre Eltern hoffen jetzt, dass die Ermittlungen zur Katastrophe Klarheit bringen und jemand die Konsequenzen dafür trägt, was getan - oder eben auch nicht getan wurde: "Natürlich wird davon niemand wieder lebendig, aber es wäre nur fair, wenn einer die Verantwortung tragen würde", meint Ralph Orth.

Katze überlebte die Flut auf dem Küchenschrank

Das Gebäude, in dem Johanna gewohnt hat, wird derzeit saniert. Der Putz im Erdgeschoss ist entfernt, die Fenster mit Holzplatten verschlossen. Das Wasser stand am Ende etwa 20 bis 30 Zentimeter unter der Zimmerdecke, wie Ralph Orth berichtet.

Flutopfer Johanna Orth mit ihrem geliebten Kater Liam
Johanna Orth liebte ihre Katzen über alles.

Eine der beiden Katzen von Johanna überlebte die Flutnacht, weil sie auf einen Küchenschrank geklettert war. Inka und Ralph Orth nahmen das verstörte Tier am Tag nach der Flut auf. "Es ist schön, sie noch zu haben - Johanna hat ihre Katzen abgöttisch geliebt", sagt Inka Orth.

"Wir hoffen einfach, dass alles dafür getan wird, dass so eine Katastrophe nicht nochmal passiert."

Die Katze ist mittlerweile bei Johannas älterem Bruder. Er hat sich in Heimersheim ein Haus gekauft. Die Eltern sehen das mit gemischten Gefühlen. "Wir hoffen einfach, dass alles dafür getan wird, dass so eine Katastrophe nicht nochmal passiert. Und wenn doch wieder so eine Flut kommt, dass alle besser geschult sind und die richtigen Entscheidungen treffen", sagt Inka Orth. Sie und ihr Mann wollen in der Stadt bleiben, auch weil hier das Grab ihrer Tochter steht. Auf dem Bergfriedhof, weit weg von der Ahr.

Das Schicksal von Johanna Orth ist auch Thema im Podcast "Die Flut - Warum musste Johanna sterben". Einer Koproduktion von WDR und SWR.

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Der Podcast ist eine Produktion von SWR und WDR. 

Hier noch eine Warnung: In diesem Podcast werden die Todesumstände von Johanna und der Umgang mit ihrem Tod explizit beschrieben. Wenn euch Themen wie Tod, Trauer oder Suizid belasten oder ihr selbst von den Ereignissen betroffen wart und traumatisiert seid, dann hört euch den Podcast besser nicht an oder nicht allein. Hilfe findet ihr z.B. bei der Telefonseelsorge oder beim Traumhilfe-Zentrum im Ahrtal: www.thz-ahrtal.de

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