Edda Kurz Architektin (Foto: Edda Kurz Architektin)

Architektin spricht über die bauliche Zukunft an der Ahr

Wie das Ahrtal wieder aufgebaut werden kann

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AUTOR/IN
Johannes Baumert

Etwa 9.000 Gebäude hat die Flut im Ahrtal vor einem Jahr zerstört. Architektin Edda Kurz erklärt, wie ein Leben entlang der Ahr wieder möglich ist - und welche Chancen der Wiederaufbau bietet.

SWR Aktuell: Frau Kurz, wie muss ein Haus aussehen, damit es in Zukunft eben nicht zu so einem großen Schaden kommt, wie jetzt an vielen Häusern im Ahrtal?

Edda Kurz: Das Wesentliche ist, dass man sich beim Bauen und beim Wiederaufbauen immer der Bedrohung und der Gefahr bewusst ist, die die Lage am Flussufer bietet. Wenn über längere Zeit so ein Hochwasserereignis nicht eingetreten ist, ist es ja allzu menschlich, auch etwas zu verdrängen und aus den Augen zu verlieren.

SWR Aktuell: Waren wir da in der Vergangenheit zu sorglos, was Bauen in Hochwassergebieten betrifft?

Kurz: Ganz bestimmt. Wenn man sich die historischen Karten anschaut, kann man die Siedlungsentwicklung von Rheinland-Pfalz erkennen. Dann sieht man in den Flusstälern regelmäßig die alten, gewachsenen Ortschaften und auch gleichzeitig den Abstand, den die Ortskerne vom Flusslauf gehalten haben. Erst in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts sind dann plötzlich diese Siedlungen ausgeweitet worden und Häuser und Gebäude haben sich immer mehr an den Fluss herangewagt.

"Häuser und Gebäude haben sich immer mehr an den Fluss herangewagt."

Nachvollziehbar, weil es natürlich auch interessant ist, direkt am Fluss zu wohnen oder direkt am Fluss ein Panorama-Restaurant zu betreiben. Da sind dann häufig auch aus offenen Terrassen-Bauten mehr und mehr feste Gebäude geworden. Und tatsächlich hat man damit die Gefahr unterschätzt.

SWR Aktuell: Was gibt es dann für Möglichkeiten, dem Hochwasser in Zukunft zu trotzen?

Kurz: Man kann dem Hochwasser ausweichen. Beispielsweise, indem man erst oberhalb der Hochwasserlinie Wohngeschosse anordnet. Die unteren Stockwerke können dann Lagerräume, Garagen oder Ähnliches sein. Dazu gehört dann auch, dass diese Stockwerke aus Materialien gebaut werden, die man leicht reinigen kann.

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Das bedeutet auch, dass man eben nicht unbedingt Wärmedämmung verwendet, die sich dann voll Wasser saugt, dass man Putz nimmt, der wasserverträglich ist. Außerdem sollte man in den Durchflutungsbereichen keine Technik anordnen, wie Stromverteiler oder Heizungsanlagen. Zum einen, um die Anlagen zu schützen aber zum anderen auch, weil von diesen Anlagen bei Hochwasser natürlich große Gefahren ausgehen.

SWR Aktuell: Wenn Betroffene aber beispielsweise nicht den Platz oder die Möglichkeit haben auszuweichen, was können die tun?

Kurz: Dann kann man sich natürlich auch abschotten und kann die Bereiche, die dann innerhalb der Überflutungsflächen liegen, so ausrüsten, dass man die Fenster und Türen mit speziellen Klappen verschließen kann. Das bedeutet dann aber natürlich auch, dass man in einer wasserundurchlässigen Beton-Bauweise arbeiten muss und sämtliche Leitungsdurchführungen auch entsprechend abdichten muss. Das ist sehr teuer und aufwendig.

SWR Aktuell: Wie wird das Ahrtal ihrer Meinung nach wieder aussehen, wenn der Aufbau abgeschlossen ist?

Kurz: Die historischen Häuser sind natürlich der Ausgangspunkt, die Keimzelle für die Identifikation der Menschen, die dort wohnen. Es ist nicht nur eine touristische Kulisse, sondern wirklich auch ein Stück von dem, was Heimat ausmacht. Und daran erkennt man die Regionen innerhalb von Deutschland. Jede Region baut anders, weil sie eben mit den Materialien gebaut hat, die vor Ort vorhanden waren. Und die machen diesen Wiedererkennungswert aus.

SWR Aktuell: Also wünschen Sie sich, dass auch weiterhin mit diesen Techniken gearbeitet wird?

Kurz: Es ist unser Plädoyer als Architekten, dass man auch bei Bauten, die man jetzt neu bauen und ergänzen muss, sich sehr genau besinnt auf die typischen Materialien, auf die Ressourcen, die vor Ort da sind. Das hat zum einen was mit Nachhaltigkeit zu tun, aber eben auch mit Gestaltung und Bezug zum Ort. Und das vermittelt dann harmonisch zwischen neuen Gebäuden und Denkmälern oder historischen Gebäuden. Um es ganz deutlich zu sagen: Historisierendes Bauen oder Nachahmen der alten Häuser ist damit nicht gemeint. Es geht darum, Charakteristisches zu identifizieren und auf zeitgemäßes Bauen zu übertragen.

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Gleichzeitig sollte man das, was von den historischen Gebäuden noch da ist, auch erhalten - als Ankerpunkt für die weitere Entwicklung - und man kann sagen: Die Denkmäler haben auch zum Teil sehr gute Resilienz gezeigt. Traditionelle Kalk-Putze können zum Beispiel ohne Weiteres wieder trocknen. Die Naturstein-Wände, die dort oftmals im Sockelbereich verwendet wurden, können ebenfalls die Feuchtigkeit wieder abgeben, wenn sie mal durchnässt waren. Daher sollte man durchaus genau hinschauen, bevor man vorschnell irgendetwas abbricht oder abträgt. Die Materialien können teilweise die Feuchte da sehr gut aushalten.

SWR Aktuell: Kann die Katastrophe also zu einer Renaissance alter Bautechniken führen?

Kurz: Im Ahrtal ist der Verein "Historisches Ahrtal" unterwegs, der auch alte Handwerkstechniken wieder vermittelt. Wenn das Holz-Fachwerk selbst noch steht und beispielsweise Gefache neu ausgebaut werden müssen, dann vermitteln die Mitglieder des Vereins, wie man die Ausfachungen in traditioneller Lehmbautechnik wieder einbauen kann. Und damit ist zumindest ein sehr gutes Verständnis für die historischen Techniken da. Ob es eine durchgehende Renaissance geben wird? Natürlich nicht, denn wir haben gleichzeitig ja auch das Problem des Fachkräftemangels und im Moment das Problem der eingeschränkten Lieferketten.

SWR Aktuell: Bietet der Wiederaufbau auch Chancen?

Kurz: Er bietet Chancen, wenn man entsprechend mit Weitsicht, mit interdisziplinärer Planung aller Fachbereiche herangeht. Wenn man sich die Zeit für diese Abwägungsprozess nimmt, dann kann eben auch etwas sehr Gutes daraus entstehen, was dann auch wieder zukunftsfähig für die Leute ist, die dort wohnen und auch für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Man kann natürlich da auch jetzt Dinge neu ausrichten, und darin sind ja immer auch Potenziale zu sehen.

"Dass man jetzt Dinge gesamtheitlich neu gestalten kann, ist eine unglaubliche Möglichkeit."

SWR Aktuell: Zum Beispiel?

Kurz: Ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor war ja immer der Tourismus im Ahrtal. Das kam ja auch mit dem Boom des Kururlaubs in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da ist aber teilweise dann auch ein bisschen in dieser Zeit und in diesen Standards stehen geblieben. heute heißt es da neu zu überlegen: Welches Publikum möchten wir ansprechen? Was sind die Bedarfe von ganz neuem Publikum oder Gästen, Gruppen, die man da erreichen kann? Was sind die gesellschaftlichen Bedürfnisse? Wenn man jetzt Dinge gesamtheitlich neu gestalten kann, dann da auch entsprechend positive Wendungen reinzubringen - das finde ich eine unglaubliche Möglichkeit.

Das Interview führte SWR-Aktuell Reporter Johannes Baumert.

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Johannes Baumert