Psychologe Christian Falkenstein hilft Menschen im Ahrtal die Flut zu verarbeiten. (Foto: SWR)

Psychologe aus Dernau im Interview

Trauerhilfe für Flutbetroffene im Ahrtal wird immer wichtiger

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Sabrina Droste

Ein Jahr nach der Flut im Ahrtal gestehen sich immer mehr Menschen ein, dass sie psychologische Hilfe brauchen. Das Erlebte muss verarbeitet, Trauer realisiert werden. Therapieplätze sind rar.

Einige Psychotherapeuten bewerben sich deswegen seit Monaten um Sondergenehmigungen, um im Ahrtal Kassenpatienten aufnehmen zu können. So wie Diplom-Psychologe Christian Falkenstein. Er hat im Frühjahr eine Praxis für Psychotherapie in Kalenborn im Kreis Ahrweiler eröffnet. Binnen kürzester Zeit waren alle Therapieplätze und auch die Warteliste der Praxis voll. Die Wartezeiten für einen Therapieplatz seien nicht nur bei ihm mittlerweile auf bis zu einem Jahr angewachsen, sagt Falkenstein im SWR-Interview. Ein Jahr - genauso lang, wie die Flut mittlerweile her ist.

SWR Aktuell: Herr Falkenstein, was macht der Jahrestag mit den Menschen?

Christian Falkenstein: Ich glaube, dass da jeder ganz anders mit umgeht. Ich weiß aber aus Erzählungen, dass der 15. jeden Monat schwer ist. An jedem 15. werden die Menschen daran erinnert und sehen, wie wenig seit der Flut passiert ist. Und ich kann mir auch vorstellen, dass der Jahrestag für viele sehr schwer wird, weil der Mensch nun mal auf solche Symbole reagiert. Vor allem, wenn ein Mensch jemanden verloren hat, ist ein Jahrestag sehr schwer. Und hier wurden ja nicht nur geliebte Menschen verloren, hier wurde eine ganze Heimat verloren. Ich rechne damit, dass der eine oder andere da dran noch mal schwer zu knabbern hat.

SWR Aktuell: Wie geht es den Menschen, die jemanden verloren haben?

Falkenstein: Das ist so eine Mischung aus Trauma und Trauer. Ich habe Patientinnen und Patienten, die zwar keine Verwandten, dafür aber die Nachbarn verloren haben. Und das ist extrem traumatisch. Nicht nur, weil sie erleben, dass dieser Mensch nicht mehr da ist, sondern weil sie gehört haben, wie die Leute ertrinken. Erst haben sie um Hilfe gerufen und dann haben sie aufgehört. Und am nächsten Tag lagen diese Leute in ihren Wohnungen. Mein Eindruck ist, dass sich bei vielen Menschen hier im Tal die Trauer um die verlorenen Menschen, um die verlorene Heimat, um die verlorenen Erinnerungen mischen.

SWR Aktuell: Können Sie da ein Beispiel nennen?

Falkenstein: Ich betreue unter anderem einen älteren Herrn, der nach der Flut seine Frau verloren hat. Der wirkt im Grunde aber gar nicht so bekümmert, wie man es bei jemanden erwarten würde, der 50 oder 60 Jahre lang verheiratet war. Aber der hat gleichzeitig seine Gesundheit, seine Heimat und sein Haus verloren. Alles weg. Wo soll man denn da anfangen?

"Was ich zu allen Patienten sagen kann, ist, dass sie nicht auf Knopfdruck trauern."

SWR Aktuell: Wie gehen Sie mit solchen Menschen um?

Falkenstein: Was ich zu allen Patienten sagen kann, ist, dass sie nicht auf Knopfdruck trauern. Sie trauern dann, wenn es gerade passt oder wenn es nicht passt. Beispielsweise auf einer Familienfeier triggert irgendetwas und man ist schlecht drauf. Ja, das ist schwer und das wird auch so weitergehen.

SWR Aktuell: Trauern die älteren Menschen anders als die jüngeren?

Falkenstein: Ja. Die Älteren stellen fest, dass sie nicht mehr aufbauen können. Die trauern nicht nur um die Mauern, die sie verloren haben, sondern auch um die Perspektive. Die Alten trauern im Grunde genommen um ihre letzten Jahre, sie trauern um das Tal und sie trauern, weil sie das nie wieder in irgendeiner fertigen Form sehen werden. Viele Menschen im Rentenalter denken sich: "Wir sind zu jung, um aufzuhören und zu alt, um wieder aufzubauen, weil wir nicht mehr die Kraft haben in dem Tempo aufzubauen."

SWR Aktuell: Wie ist es mit den anderen Generationen?

Falkenstein: Die Kinder trauern um ihre Freunde oder um ihre Schule oder das, was sie üblicherweise hatten. Die Kinder müssen seit der Flut abenteuerliche Wege fahren, um zur Schule zu kommen. Das ist auch schwierig.

SWR Aktuell: Und die Generation dazwischen?

Falkenstein: Nehmen wir die Elterngeneration der jetzt Schulpflichtigen. Die fühlen sich teilweise überfordert, weil an ihnen ganz viel hängen bleibt. Ich bin dafür selbst kein Experte, aber ich habe immer wieder auch Anrufe in der Praxis, bei denen ich von Eltern höre: "Mein Kind fängt jetzt an, darüber zu reden, wird ja Zeit." Also die Kinder kriegen das natürlich mit. Selbst wenn die Kinder die Flut noch nicht so mitbekommen haben, dann bekommen sie aber die Reaktion der Eltern darauf mit. Im Grunde genommen wird da ein Trauma von den Eltern auf die Kinder übertragen oder weitergegeben.

"Keine Ahnung, wie lange die Menschen trauern werden."

SWR Aktuell: Kann man sagen, wie lange die Menschen im Ahrtal noch trauern werden?

Falkenstein: Die Frage ist relativ einfach und doch unbefriedigend zu beantworten. Wann hatten wir die letzte Flut dieses Ausmaßes? Keine Ahnung. Keine Ahnung, wie lange die Menschen trauern werden. Einen Anhaltspunkt kann vielleicht geben, dass eine wirkliche Trauer- oder Traumabewältigung dann erst nachhaltig passieren kann, wenn ich den Menschen von dem Auslöser der Trauer wegbringe.

SWR Aktuell: Was meinen Sie damit?

Falkenstein: Solange das hier so aussieht, werden Trauer und Trauma nicht weggehen. Und solange die gröbsten Wunden nicht geheilt sind, werden der Jahrestag und die Trauer immer groß sein. Das Alte, das Gewohnte ist weg, aber das Neue ist noch nicht da. Wir erfahren noch täglich, wann wo welche Häuser hier abgerissen werden, von denen wir es noch nicht wussten. Das dauert noch. Wann wird die Trauer bewältigt sein? Bestimmt nicht, bevor wir hier so was ähnliches wie ein neues, normales Ahrtal haben.

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SWR Aktuell: Was möchten Sie den Menschen mitgeben?

Falkenstein: Alles, was ich den Menschen sagen könnte, würde für mich wie eine leere Durchhalteparole klingen. Der einzige Hinweis, den ich Menschen geben kann, ist immer bei sich zu bleiben, auf sich selbst zu achten, auch wenn es schwer fällt. Weil ein kaputtes Haus kann man abreißen und vielleicht auch wieder aufbauen.

Aber einen kaputten Körper und eine kaputte Seele baue ich nicht wieder auf. Und wenn ich an meinem Ehrgeiz wieder aufzubauen, zugrunde gehe, dann habe ich nichts davon. Dann habe ich zwar hinterher vielleicht wieder ein schönes Haus dastehen, aber ich bin kaputt. Und deswegen, glaube ich, ist es wichtig, dass die Menschen Pausen machen. Das klingt blöd, das will auch keiner hören. Aber, dass die Menschen Pausen machen, ist wichtig.

Das Interview führte SWR Aktuell-Reporterin Sabrina Droste.

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Sabrina Droste