In einer vierteiligen Serie "Mensch & Natur - Neuanfang an der Ahr" stellt der SWR Projekte vor, die beispielhaft für den Klimaschutz beim Wiederaufbau an der Ahr stehen. (Foto: SWR)

Wiederaufbau nach der Flut

Fachwerkhäuser im Ahrtal - krumm, schief und standhaft

STAND

Die Flut an der Ahr ließ vielerorts keinen Stein auf dem anderen. Unzählige Gebäude wurden zerstört - Fachwerkhäuser erwiesen sich hingegen zum Teil als sehr robust.

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Familie Beu aus Walporzheim (Bad Neuenahr-Ahrweiler) hat vor 30 Jahren ein Fachwerkhaus gekauft und etwa drei Jahre daran gewerkelt. Dann kam vor einem Jahr die Flut, das uralte Haus lief bis ins erste Geschoss voll. Das Wasser spülte den Lehm weg, nur die Balken blieben noch stehen. Jetzt heißt es restaurieren, reparieren, wieder aufbauen. Denn Fachwerkhäuser sind langelebig, fast als wären sie für die Ewigkeit gebaut.

Das Ding hat drei Flutwellen überstanden, warum sollte man das nicht erhalten?

Nach der Flut seien auf vielen Fachwerkhäusern im Ort Abrisszeichen gemacht worden, erzählt Architekt Fritz Vennemann. Er engagiert sich hier mit dem Verein "Historisches Ahrtal", gemeinsam bauen sie das alte Fachwerkhaus wieder auf. Als Abrisskandidaten hat er das etwa 300 Jahre Fachwerkhaus von Familie Beu nicht gesehen: "Das Ding hat schon drei Flutwellen überstand, warum sollte man das nicht erhalten?"

Architekt Fritz Vennemann engagiert sich in RLP im Ahrtal beim Wiederaufbau von beschädigten Fachwerkhäusern. (Foto: SWR)
Architekt Fritz Vennemann

Der Architekt erklärt, warum Fachwerkgebäude nachhaltig, standhaft und erhaltungswürdig sind: "Der Lehm ist der einzige Baustoff, den man nach 300 Jahren wieder aktivieren kann und weiterverwenden kann." Zudem seien Fachwerkhäuser flexibel. Alte Fachwerkhäuser seien oft krumm und schief und hätten ganz schiefe Decken. "Das wurde mit Sicherheit nicht so gebaut, aber die gehen fast jede Verwerfung mit, jede Neigung - und bleiben trotzdem stehen."

Fachwerkhäuser - einfach nie abrissreif

Wäre in dem konkreten Fall der Lehm nicht belastet gewesen, dann hätte man diesen einfach rausnehmen, mit Wasser und neuem Lehm vermengen und dann wieder verbauen können. "Das ist nachhaltiges Bauen: es gibt faktisch nicht wirklich Abfall", sagt Vennemann. Er ist überzeugt, dass man jedes Fachwerkhaus reparieren kann. Man brauche dafür nur einen Zimmermann und einen Lehmbauer.

Zimmermann Max ist auf der Walz und hilft jetzt in Walporzheim bei der Restauration. Er tauscht marode Holzbalken aus - ihr Zustand hat aber nicht unbedingt immer etwas mit der Flut zu tun. Auch er ist von der Langlebigkeit dieser alten Bauweise überzeugt. So ein Fachwerkhaus halte auf jeden Fall länger als ein Betonhaus. "Ich sage mal, das Holz, das wir da jetzt rein machen, hält bestimmt nochmal 100 Jahre."

Der junge Zimmermann Max ist in RLP auf Walz im Ahrtal. Dort hilft er, ein Fachwerkhaus in Stand zu setzen. (Foto: SWR)
Zimmermann Max empfindet seine Arbeit als sehr erfüllend: "Ein Stück Holz einzusetzen und zu wissen, das überlebt mich auf jeden Fall, das ist schon ein schönes Gefühl."

So ein Fachwerk wieder herrichten zu lassen, das kostet viel Geld. Familie Beu hat Glück, dass sie vom Verein "Historisches Ahrtal" unterstützt wird. Vom Land haben die Beus noch kein Geld bekommen. Den erforderlichen Antrag konnten sie erst vor Kurzem stellen, weil sie lange keinen Gutachter finden konnten. Mit ähnlichen Problemen kämpfen auch andere Betroffene aus dem Ahrtal, die deshalb vor wenigen Tagen in Mainz gegen die bürokratischen Hürden und Mühlen demonstriert haben.

Die Vision von flutsicheren Häusern

Viele Menschen im Ahrtal hat die Flutkatastrophe noch härter getroffen als Familie Beu - sie müssen komplett neu bauen. Dabei spielt natürlich auch die Frage eine Rolle: Wie baut man in einer Region, die von Überschwermmungen bedroht ist, besser, sicherer, nachhaltiger? Darüber machen sich unter anderem in Frankfurt Experten Gedanken. Einer von ihnen ist Heinrich Lessing, Professor für Baukonstruktion und Entwerfen an der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS).

Professor Heinrich Lessing beschäftigt sich unter anderem mit Fragen zum nachhaltigen Bauen und sicheren Bauen im Ahrtal (Foto: SWR)
Professor Heinrich Lessing

Wie umgehen mit künftigen Fluten? Wie plant man ein Gebäude, das direkt an der Ahr steht, sicher oder geht das gar nicht? Architektur-Studierende entwarfen beispielsweise ein Gebäude mit einem Erdgeschoss, das geflutet werden kann.

Leben an der Ahr - drei Optionen für die Sicherheit

Lessing hält das für einen möglichen Ansatz, um künftig im Ahrtal den baulichen Schutz vor dem Wasser sicherzustellen. Die Gebäudeteile müssten dann so geplant sein, dass sie einer Flutung auch standhalten und es müsse genau überlegt werden, welche Nutzung in diese Gebäudeteile verlegt werde. Es gibt aber noch andere Optionen, um Gebäude vor Wasser zu schützen. Lessing bringt Stelzenbauten ins Spiel. Allerdings verändere das ein Stadtbild sehr, genauso wie die Nutzung der Stadträume. Er meint: Stelzenbauten - "eher schwer vorstellbar."

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Eine dritte Variante hält der Architekt mit Blick auf das Ahrtal für die schmerzlichste. Da tauche dann nämlich die Frage auf: "Wie viel Raum geben wir dem Fluss?" Der Mensch habe immer näher an den Fluss heran gebaut. Enorme Schäden und viel Menschenleid seien die Folge. "Wie nah gehen wir an den Fluss ran, wie können wir Siedlungsflächen so organisieren, dass der Fluss den Platz hat, den er braucht?"

Eine Kernfrage, über die mit Blick auf das Ahrtal bereits intensiv diskutiert wird - und die wohl noch nicht beantwortet ist.

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