Hausmeister Andreas Riedner liest dem Schulleiter Ulrich Diehl die neuesten Beleidigungen vor: "... ist ein Arschloch." Regelmäßig entfernt er Schmierereien in den Schultoiletten der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Mannheim. Auch "… ist eine Bitch, eine dumme Kuh und eine Tussi" wischt er mit Scheuerlappen und Desinfektionsmittel weg. Tiefere Spuren hinterlassen die Beleidigungen, die selbst die Kleinsten ihren Lehrkräften mittlerweile direkt ins Gesicht schreien.
Der Lehrerberuf sei deutlich anstrengender geworden, psychisch belastender, erklärt Schulleiter Ulrich Diehl. Einzelne Kinder von Klasse eins bis vier würden immer wieder "platzen", weil sie sich nicht mehr kontrollieren könnten: "Die hatten vielleicht schon in der Pause einen Konflikt, das nehmen sie mit ins Klassenzimmer. Und dann will der Lehrer noch irgendwas. Dann explodieren die Kinder." Sie sagen "Arschloch" oder "fick dich", berichtet Diehl.

Umfrage zu Zuständen in Schulen: Verbale Gewalt gehört zum Alltag
Mittlerweile ist das Alltag an vielen Schulen, das ergab eine aktuelle, repräsentative Umfrage unter 252 Schulen in Baden-Württemberg, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) durchgeführt hat. 61 Prozent der befragten Schulleitungen haben angegeben, dass die Gewalt an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. "Das soziale Klima ist in den letzten Jahren spürbar rauer geworden", sagt Gerhard Brand, Vorsitzender des VBE. Das spiegele sich auch in den Schulen wider. Dort beobachtet der Vorsitzende, "dass der Respekt gegenüber schulischen Autoritäten abnimmt und es regelmäßig zu Grenzüberschreitungen kommt."
Es kam in Baden-Württemberg binnen fünf Jahren an über 1.000 Schulen zu körperlichen Angriffen auf Lehrkräfte. Dies bedeutet, dass an jedem einzelnen Schultag mindestens eine Lehrkraft körperlich angegriffen wird.
Von psychischer Gewalt berichten 59 Prozent der Schulleitungen. Das heißt, bei ihnen gab es in den letzten fünf Jahren Fälle, in denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. An jeder dritten Schule kam es laut Umfrage zu Vorfällen, in denen Lehrkräfte über das Internet angegriffen wurden. Von körperlichen Angriffen berichtet jede vierte Schulleitung. Gerhard Brand vom VBE ist besonders besorgt über die niedrige Hemmschwelle, Lehrkräfte auch körperlich zu attackieren. Durch eine Hochrechnung der Prozentangaben aller Schulen kommt er zu dem Schluss: "Es kam in Baden-Württemberg binnen fünf Jahren an über 1.000 Schulen zu körperlichen Angriffen auf Lehrkräfte. Dies bedeutet, dass an jedem einzelnen Schultag mindestens eine Lehrkraft körperlich angegriffen wird."
Konfliktlösung statt Wissensermittlung
An der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Mannheim gebe es zum Glück selten körperliche Angriffe auf Lehrkräfte, sagt Schulleiter Ulrich Diehl. Es könne jedoch passieren, dass eine Lehrkraft versuche, zwischen den Kindern zu schlichten und dann auch etwas abbekomme, mehr aber nicht, so Diehl. Doch die verbalen Attacken hätten spürbar zugenommen.
Auf harmlose Störungen gingen er und seine Kolleginnen und Kollegen mittlerweile gar nicht mehr ein. "Sonst könnten wir unseren Kernauftrag nicht mehr erledigen", sagt Diehl. Hauptziel solle bleiben, dass die Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern Grundfertigkeiten in den Fächern Deutsch und Mathematik beibringen könnten - dazu seien sie schließlich auch ausgebildet worden. Doch mittlerweile sei das Alltagsgeschäft stark überlagert von herausforderndem Verhalten. Viele Kinder könnten sich gar nicht mehr ruhig verhalten. Über 380 Kinder werden an der Mannheimer Grundschule unterrichtet. Ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft. Davon rasteten 10 bis 15 Kinder regelmäßig aus, so Diehl.
Viele Erstklässler spielen schon gewaltverherrlichende Spiele.
Ursachen der zunehmenden Gewalt an Schulen sind vielfältig
Die eine Ursache für die Zunahme der Gewalt gebe es nicht, so Schulleiter Diehl: "Es ist ein vielfältiger Mix von dem, was Kinder schon ertragen müssen. Da ist die mangelnde Wertschätzung, die mangelnde Liebe. Da ist auch Gewalt in der Familie." Manche Eltern seien auch mit der Erziehung der Kinder überfordert, täten sich schwer damit, klare Grenzen zu ziehen. Auch der unbegrenzte Zugang zu sozialen Medien sei mit ein Grund dafür. Zuletzt stellt der Schulleiter fest: "Viele Erstklässler spielen schon gewaltverherrlichende Spiele."
Laut der Befragung des VBE gehen körperliche Attacken hauptsächlich von den Schülerinnen und Schülern aus. Allerdings berichtet jede zehnte Schulleitung auch von Vorfällen, bei denen Eltern die Lehrerinnen und Lehrer körperlich angegriffen haben. Beim Cybermobbing sind es hauptsächlich Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte diffamieren und beleidigen. Psychische Gewalt hingegen werde häufiger von den Eltern ausgeübt, aber auch Schülerinnen und Schüler seien zu einem hohen Prozentsatz Täter.
Schulleiter: Ohne die Eltern geht gar nichts
Schulleiter Ulrich Diehl lässt die Grundschülerinnen und -schüler nach verbalen Attacken erst mal bei sich im Büro "ausdampfen", wie er es selbst ausdrückt. Diese Streitigkeiten oder Konflikte zu regeln, sei ein Großteil seines Jobs. Er versuche dann mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen, wie es dazu gekommen sei. Im Anschluss rede er dann mit den Eltern. Doch nicht alle Eltern seien zu Gesprächen bereit. Das sei wiederum ein Riesenproblem für die Kinder, findet Diehl: "Wir stoßen dann an unsere Grenzen. Wenn Eltern nicht bereit sind, den nächsten Schritt zu gehen - sprich, sich Hilfe zu holen." Seitens der Schule stehe immer das Kind im Mittelpunkt, so Diehl. Wenn Eltern sich der angebotenen Hilfe jedoch verweigerten, "haben wir eigentlich kaum eine Chance", sagt der Mannheimer Schulleiter.
Um die Eltern vielleicht doch dazu zu bewegen, Hilfe anzunehmen, müsste man es ihnen leichter machen, findet Diehl. Dafür bräuchte es niederschwelligere Angebote direkt an der Schule. Zum Beispiel Logopäden oder auch Ergotherapeuten. Denn die Eltern verließen ihr gewohntes Umfeld oft kaum, an die Schule kämen sie jedoch täglich, stellt Schulleiter Diehl fest: "Hier wären Hilfsangebote leichter zugänglich."

VBE fordert viel mehr Unterstützung durch Fachpersonal
Auch der VBE unterstützt das. Er fordert außerdem: Das Thema Gewalt müsse in allen drei Phasen der Lehrerbildung (Studium, Referendariat, Fortbildung) Thema sein, damit Lehrkräfte auch in Konfliktsituationen handlungsfähig blieben. Betroffene Lehrkräfte müssten die volle Unterstützung des Dienstherrn erfahren. Jede zweite Schulleitung nehme Gewalt gegen Lehrkräfte aktuell als ein Tabu-Thema wahr.
Bis heute gibt es bei Gewaltvorfällen gegen Lehrkräfte keine Anzeige von Amts wegen. Stattdessen werden die Lehrkräfte mit dem Problem allein gelassen und müssen privat Anzeige erstatten.
Offenbar hätten viele Schulleitungen das Gefühl, dass die Meldung von Gewaltvorfällen seitens der Schulbehörden gar nicht gewünscht sei, so Brand. Doch die Fürsorgepflicht des Dienstherrn dürfe nicht dort enden, wo es unangenehm werde. "Bis heute gibt es bei Gewaltvorfällen gegen Lehrkräfte keine Anzeige von Amts wegen. Stattdessen werden die Lehrkräfte mit dem Problem allein gelassen und müssen privat Anzeige erstatten", sagt Gerhard Brand.
Außerdem fordert sein Verband einen flächendeckenden Einsatz psychologisch geschulter Fachkräfte und Schulsozialarbeiter. Da sind sie an der Käthe-Kollwitz-Schule schon weiter. Dort gibt es wie fast überall an Mannheimer Grundschulen eine Schulsozialarbeiterin. Sie ist jeden Tag für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und deren Eltern ansprechbar. Doch das hilft nur, wenn ihre Unterstützung und die Angebote der Schule auch angenommen werden. Von den Kindern und ihren Eltern.