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„Petrov's Flu – Petrow hat Fieber“ von Kirill Serebrennikov: Dauergrippe als Metapher

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, politischer Dissident und Kriegskritiker, hat einen russischen Bestseller verfilmt: „Petrow's Flu“ nach dem gleichnamigen Roman von Alexei Salnikov erzählt von Russland und zeigt ein hartes Bild der russischen Gesellschaft der 90er Jahre, das unverhohlen auch auf die Gegenwart zielt.

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Hollywoodthriller in postsowjetischer Version

Ein harter Anfang, fast wie in einer postsowjetischen Version eines Hollywood-Thrillers: Ein Terrorakt, bei dem eine Handvoll Anzugträger wird von einer bewaffneten Bande an die Wand gestellt und getötet wird.

Die Botschaft für die Zuschauer*innen: Absolute Hilflosigkeit. Alles ist möglich! In der Welt und in diesem Film. Das setzt den Ton im neuen großartigen Film des Russen Kirill Serebrennikov, auch wenn sich dieser Auftakt schnell nur als die erste von lauter Fieberphantasien der Hauptfigur entpuppt.

Filmstill (Foto: Farbfilm Verleih)
Eine von Grippe geplagte Familie im postsowjetischen Russland lebt ihre gewöhnlichen Tage mit außergewöhnlichen Geheimnissen aus. Petrova (Chulpan Khamatova) und Petrov (Semyon Serzin). Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Petrov (Semyon Serzin), der Ehemann, ist ein Klempner, der Alltagsmomente in wunderbar seltsame Mangas verwandelt. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Petrova (Chulpan Khamatova), seine Frau, eine Bibliothekarin, hat ein Faible für das Töten ausfällig gewordener Männer mit einem Küchenmesser. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
„Ich las das Buch gleich, als es herauskam. Ich erinnere mich, dass ich es im Flugzeug las und es für ein witziges Werk eines sehr talentierten Autors hielt. Ich habe sogarso sehr gelacht, dass die Flugbegleiter mich baten, leiser zu sein“, erinnert sich Chulpan Khamatova. „Und als Kirill Serebrennikov mir verriet, dass er das Buch verfilmen wolle und mir die Rolle der Petrova anbot, sagte ich mit großer Freude zu.“ Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
„Chulpan hat noch nie eine Rolle dieser Art gespielt: Sie spielt meistens gute Menschen, und hier musste sie eine Verrückte sein, fast eine Superfrau. Ich dachte, es wäre interessant, ihr diese Rolle anzubieten. Sogar die Filmcrew am Set war manchmal erstaunt über ihre Petrova, die übrigens nicht ganz so aussah, wie sie im Roman beschrieben wird“, sagt Regisseur Kirill Serebrennikov über seine Hauptdarstellerin. Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Kirill Serebrennikov über Iwan Dorn (Sergej): „Als ich Ivan, der Musiker ist, bat, Sergej zu spielen, fragten mich alle, ob ich verrückt sei. Sie sagten, er würde es nie schaffen, weil er sich nicht nur schauspielerisch, sondern auch technisch alles merken und eine 18-minütige Szene in einer einzigen Einstellung ohne Schnitt an zehn verschiedenen Orten spielen müsste... Und das hat er auch, und er war außergewöhnlich gut. Ivan ist ein sehr subtiler und talentierter Schauspieler.“ Farbfilm Verleih Bild in Detailansicht öffnen

Szenen zwischen Surrealismus, Absurdität und Nostalgie

Petrov, die Hauptfigur, ist ein Karikaturist und Mechaniker, der kurz vor seiner Scheidung steht. Er hat Grippe und darum halluziniert er. Von Anfang an überträgt sich das auf die Bilder selbst. Aber in Wahrheit dehnt der Film diesen albtraumhaften Zustand auf alle Bereiche aus, und macht ihn zur korrekten Beschreibung der russischen Welt.

Wir erleben wir eine mentale Reise durch Petrovs Heimatstadt, die östliche Provinzmetropole Jekaterinburg und durch die Geschichte seines Landes, von seiner Kindheit in den 1970er Jahren bis zu der Zeit nach dem Untergang der UdSSR in den späten Neunzigern. Zusammengehalten werden diese Episoden zwischen Surrealismus, Absurdität und Nostalgie schwankend durch die Titelfigur.

Romanvorlage von Alexei Salnikov

„Petrow´s Flu- Petrow hat Fieber" ist zumindest formal die Verfilmung des gleichnamigen Roman eines anderen Unruhestifters, des erst 43-Jährigen russischen Autors Alexei Salnikov. Serebrennikovs Verfilmung hatte 2021 beim Festival von Cannes Premiere und ist ein faszinierender, erschütternder Fiebertraum. Die Kamera ist virtuos und perfekt, die Musik so schön wie die altmodische Farbgebung und das Produktion-Design dieser Alltagshölle des Materialismus.

Von der chaotisch aufgeplatzten Geschichte versteht man dagegen nur Fragmente. Und so soll es auch sein. So muss es sein. Serebrennikov zeigt ein hartes Bild der russischen Gesellschaft der 90er Jahre, das unverhohlen auch auf die Gegenwart zielt. Dabei gelingt ihm gelingt ästhetisch herausragendes Achterbahnkino und ein rebellisches Manifest gegen den nationalistischen Geist, nicht nur den russischen.

Trailer „Petrov's Flu- Petrow hat Fieber“, ab 26.1. im Kino

Film Zwei Filme von Kirill Serebrennikov auf dem Filmfest München

Der Russe Kirill Serebrennikov arbeitet als Regisseur auf der Opern- und Theaterbühne und auch fürs Kino. Jahrelang wurde er vom Putin-Regime drangsaliert, wegen angeblicher Steuerhinterziehung mit Prozessen überzogen und unter Hausarrest gesetzt. So konnte er zweimal nicht zur Premiere seiner Filme bei den Filmfestspielen von Cannes reisen. Seit einigen Monaten lebt er in Deutschland und zeigt auf dem Filmfest München seine zwei neuesten, sehr unterschiedlichen Filme.

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Rüdiger Suchsland