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„Igor Levit – No Fear“: Kinodoku über das rastlose Leben eines Ausnahmepianisten

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AUTOR/IN
Kirsten Liese

Er gilt als eine der interessantesten Musikerpersönlichkeiten seiner Generation: der 35-jährige Pianist Igor Levit, der auch für seine Einmischungen ins Politische und Soziale bekannt wurde. Die Dokumentarfilmerin Regine Schilling hat ihn über zwei Jahre mit der Kamera begleitet.

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Beethovens Musik kannte keine Angst

Mit gebeugtem Oberkörper sitzt Igor Levit am Flügel, den Kopf nah an den Tasten. Die Kamera zoomt dicht an ihn heran, wenn er anfängt zu spielen. Die gesanglichen Melodien in Beethovens Waldstein-Sonate zaubern ihm ein Lächeln ins Gesicht, in den dramatischen kraftstrotzenden Passagen tropft ihm der Schweiß von der Nase.

Die Faszination des Pianisten für Ludwig van Beethoven, dessen 32 Klaviersonaten er 2019 eingespielt hat, bildet den Ausgangspunkt des Dokumentarfilms „Igor Levit – No Fear“. Auf einer öffentlichen Präsentation seiner Plattenedition begründet Levit seine starke Verbundenheit mit dem Komponisten: Beethovens Musik ist frei von Angst, sagt er.

Filmstill (Foto: zero one film)
Der Film begleitet den Pianisten bei der Suche nach neuen Herausforderungen, nach seiner Identität als Künstler und Mensch. Man kann ihn beobachten bei der Aufnahme neuer Werke und der Zusammenarbeit mit seinem kongenialen Tonmeister Andreas Neubronner. zero one film Bild in Detailansicht öffnen
Igor Levit, Mitte dreißig, ist ein Ausnahmekünstler im mitunter etwas gediegenen Universum der klassischen Musik. Er will mehr als konzertieren – und gleichzeitig sind es seine einzigartigen, intensiven Konzerte, in denen er ganz bei sich zu sein scheint. zero one film Bild in Detailansicht öffnen
Igor Levit spielt auch bei Eiseskälte im Dannenröder Forst aus Protest gegen dessen Rodung. Er ist Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und erhielt 2020 für seine politische Haltung das Bundesverdienstkreuz. zero one film Bild in Detailansicht öffnen
Mit acht Jahren kam er mit seiner Familie als jüdischer Einwanderer russischer Abstammung nach Deutschland. Seit er auf den großen Bühnen steht, meldet er sich immer wieder auch politisch zu Wort. zero one film Bild in Detailansicht öffnen

Rastloses Leben

Filmemacherin Regina Schilling hat Levit über zwei Jahre begleitet. Sie zeigt ihn bei Konzerten, Plattenaufnahmen, PR-Terminen, auf Reisen oder beim Einkaufen in einer Boutique. Und immer in Bewegung.

Das große politische Engagement des 1987 geborenen Künstlers, der im Alter von acht Jahren als jüdischer Einwanderer russischer Abstammung nach Deutschland kam, seinen Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung bildet der Film am Rande ab. Im Zentrum steht der Pianist.

Schilling lässt Levit in langen Einstellungen einzelne Sätze ganz ausspielen. Seine Interpretationen dokumentieren sein beseeltes Spiel und seine technische Könnerschaft, aber auch die mit den Kraftakten verbundenen körperlichen Anstrengungen.

Befreiung aus dem Hamsterrad durch den Lockdown

Viel Zeit für Entspannung lässt ihm sein übervoller Terminkalender jedoch nicht. Für das Beethoven-Jahr 2020 hatte sich Levit für 108 Konzerte verpflichten lassen, sagt er auf einer Fahrt im Taxi. Levit will ein anderes Leben. Nicht nur immer Beethoven spielen.

Der Lockdown im März 2020 reißt ihn unwillkürlich aus seinem Hamsterrad heraus. Auf einen Schlag werden weltweit Konzerte abgesagt. Das weckt die Experimentierfreude des gefragten Weltstars. Er streamt als Erster Hauskonzerte auf Twitter und Instagram.

Der Tonmeister als Komplize und wichtigster Kritiker

Das größte Geschenk im Film sind die von einer berührenden Intimität getragenen Begegnungen mit dem Tonmeister Andreas Neubronner. Wie ein Kind kuschelt sich Levit beim Abhören zärtlich an ihn. Auf einmal erscheint der sonst eher unnahbare Künstler durchlässig und verletzbar in seinem Bedürfnis nach menschlicher Nähe.

Seinen hohen Anspruch begründet der Film aber schon allein mit dem großen Raum, den er der Musik gibt, die sich in anderen Künstlerporträts meist auf kurze Schnipsel reduziert. In der schönsten Sequenz zeichnen Levit und Neubronner mit schwingenden Armen den von Busoni bearbeiteten Bachchoral „Nun komm der Heiden Heiland“ plastisch nach, den Levit so spielt, wie Neubronner ihn treffend beschreibt: als einen endlos schönen Gesang.

Trailer „Igor Levit – No Fear“, ab 6.10. im Kino

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