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Kampf gegen Corona

Covid-19: Wo steht die Medikamentenentwicklung?

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Pascal Kiss, David Beck, Anja Braun
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Antonia Weise, Nina Kunze

Einigkeit bei Experten: Ein Ausweg aus der Pandemie kann nur eine erfolgreiche Impfkampagne liefern. Medikamente könnten eine Erleichterung schaffen. Doch welche stehen zur Verfügung?

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Seit Beginn der Pandemie waren immer wieder viele Medikamente als mögliche Therapie gegen Covid-19 im Gespräch. Viele, zum Beispiel Hydroxychloroquin und Remdesivir, zeigten kaum oder gar keine Wirkung. Andere, wie Dexamethason oder handelsübliches Aspirin, stellten unter Beweis, dass sie in der Lage sind, das Leiden von Corona-Infizierten zu senken.

Antivirale Medikamente sind schwer zu entwickeln

Krankheiten, die durch Viren ausgelöst werden, sind nur schwer medikamentös behandelbar. “Breitband-Virostatika”, die mit Antibiotika gegen Bakterien vergleichbar wären, gibt es nicht, beziehungsweise sie sind bei weitem nicht so effektiv wie Antibiotika. Eine effektive medikamentöse Behandlung gegen HIV zum Beispiel gab es erst ungefähr 15 Jahre nach Ausbruch der Pandemie – und diese ist sehr komplex und führt immer noch zu teils schweren Nebenwirkungen.

Deswegen wurde bei der Suche nach wirksamen Medikamenten gegen das Coronavirus, neben der Entwicklung neuer Medikamente, auch schnell ein großes Augenmerk auf bereits bekannte antivirale Medikamente gelegt – Remdesivir wurde zum Beispiel ursprünglich als Ebola-Medikament entwickelt. Andere Medikamente bekämpfen gar nicht das Virus selbst, sondern nur Symptome, die es hervorruft.

Mitarbeiterin selektierte Antikörper mit einer Pipette (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich)
Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin überprüft in einem sterilen Bereich selektierte Antikörper mit einer Pipette. Ein Schritt bei Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19. picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich

Grundsätzlich lassen sich die untersuchten medikamentösen Therapien in diese Gruppen einteilen:

  • Antivirale Medikamente: bekämpfen das Virus direkt, indem sie es zum Beispiel daran hindern, in Zellen einzudringen oder sich zu vermehren. Beispiele: Remdesivir, Hydroxychloroquin, Kombinationsbehandlung mit Lopinavir/Ritonavir
  • Stärkende Immunmodulatoren: unterstützen das Immunsystem im Kampf gegen das Virus. Das kann besonders bei immungeschwächten Patienten wichtig sein. Beispiele: Plasma von Genesenen, Antikörpertherapie
  • Dämpfende Immunmodulatoren: drosseln das Immunsystem. Was sich kontraproduktiv anhört, kann wichtig sein, um Überreaktionen des Immunsystems, wie den lebensgefährlichen Zytokinsturm, zu verhindern. Beispiele: Dexamethason, Tocilizumab
  • Blutverdünner: Gerade Patienten, die lange liegen, haben ein erhöhtes Thromboserisiko. Aber es ist auch möglich, dass das Coronavirus direkt oder indirekt Blutgerinnsel auslöst. Dadurch entstehende Komplikationen können durch Blutverdünner minimiert werden. Beispiele: Aspirin, Heparin
  • Dann gibt es noch eine Reihe anderer Medikamente, die Symptome einer Covid-19-Erkrankung, vor allem der Lungenentzündung, mindern und so Patienten helfen könnten, sich schneller zu erholen.
Medikamentenpackung Remdesivir (Foto: SWR)
Die Wirksamkeit von Remdesivir gegen das Coronavirus wurde widerlegt

Vier Medikamente haben Zulassung

Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat inzwischen für vier dieser Medikamente eine Zulassung zur Behandlung von Covid-19 empfohlen. Ob sie tatsächlich verabreicht werden, hängt vom Verlauf der Infektion und der bisherigen Behandlung ab.

Remdesivir (Handelsname: Veklury) soll die Vermehrung des Virus hemmen – die Wirksamkeit ist allerdings umstritten und die EMA sprach hier nur eine bedingte Empfehlung aus. Positive Studienergebnisse, die in den USA zu einer Notfallzulassung führten, wurden in der großangelegten Solidarity-Studie der Weltgesundheitsorganisation widerlegt. Forschende gehen heute davon aus, dass Remdesivir kaum oder keine Wirkung auf das Virus hat.

Regdanvimab (Handelsname: Regkirona) und die Kombination Casirivimab/Imdevimab (Handelsname: Ronapreve) sind künstlich hergestellte Antikörper, die Coronaviren an sich binden und somit unschädlich machen sollen. Sie können laut Empfehlung der EMA in frühen Stadien der Infektion verabreicht werden. Regkirona eigne sich für infizierte Erwachsene, die noch keinen Sauerstoff benötigen, Ronapreve für Infizierte ab zwölf Jahren mit einem hohen Risiko für einen schweren Verlauf.

Das Medikament Tocilizumab (Handelsname: Roactemra) dagegen soll einer Überreaktion des Immunsystems entgegenwirken. Dafür blockieren Antikörper den Entzündungsmediator Interleukin-6. Diese kommen bereits bei der Behandlung bestimmter rheumatischer Erkrankungen zum Einsatz. Nach Empfehlung der EMA soll Roactemra an Patienten verabreicht werden, die bereits mit anderen Entzündungshemmern, sogenannten Corticosteroiden, behandelt werden und zusätzlichen Sauerstoff benötigen oder künstlich beatmet werden.

Anwendung weiterer Medikamente empfohlen

Darüber hinaus empfiehlt die EMA die Anwendung weiterer Medikamente, auch wenn sie noch nicht ausdrücklich für die Behandlung von Covid-19 zugelassen wurden. Dazu gehören der antivirale Wirkstoff Molnupiravir (Handelsname: Lagevrio), dessen mögliche Zulassung gerade von der EMA beurteilt wird, der Entzündungshemmer Dexamethason, sowie weitere synthetische Antikörper gegen das Coronavirus.

Der antivirale Wirkstoff Ritonavir (Handelsname: Paxlovid) ist das zuletzt von der EMA empfohlene Medikament gegen Covid-19. Und es ist das erste, welches oral eingenommen werden kann. Laut EMA könne es bei Patienten eine schwere Erkrankung nach einer Corona-Infektion verhindern. Bereits eine Million Packungen von Paxlovid wurden, nach Angaben des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD), geordert.

Antikörpermedikament Bamlanivimab (Foto: IMAGO, IMAGO / Christian Grube)
Auch das künstlich hergestellte Antikörpermedikament Bamlanivimab – in Kombination mit Etevesimab – gehört zu den von der EMA empfohlenen Medikamenten ohne Zulassung. Es wird auch in Deutschland eingesetzt. IMAGO / Christian Grube

Antikörper aus dem Plasma Genesener wenig hilfreich

Eine Behandlung von Covid-19 mit Antikörpern aus dem Plasma Genesener wurde zwar auch vielfach untersucht. Jedoch lehnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Behandlung von Covid-Patienten mit Plasma von Genesenen inzwischen ab. Nach aktueller Studienlage hätten Covid-19-Patienten weder eine bessere Überlebenschance, noch senke die Transfusion mit Plasma das Risiko, dass sie beatmet werden müssen.

Im Fachblatt British Medical Journal schreibt die WHO, dass sie dazu 16 Studien mit mehr als 16.000 Patienten ausgewertet hat. Das Fazit: Die Behandlung mit dem Blutplasma Genesener sei für Menschen mit leichter oder mittelschwerer Corona-Erkrankung nicht hilfreich. Stattdessen sei es kostspielig und zeitaufwendig. Eine kleine Unsicherheit bliebe allerdings bei besonders schweren Fällen. Die Experten erklären daher, im Rahmen von klinischen Studien könne die Anwendung von Blutplasma Genesener bei dieser Gruppe weiter untersucht werden.

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Bundesregierung unterstützt Entwicklung von Covid-19 Medikamenten

In Deutschland unterstützt die Bundesregierung Unternehmen, die Covid-19-Medikamente entwickeln. Dafür gibt es drei Strategien:

Strategie 1: Das Virus beim Vermehren stoppen

Sind Corona-Infizierte schwer krank, hat sich das Virus zu stark ausgebreitet. Entzündungen entstehen und am Ende reagiert das Immunsystem über, was dem Virus in die Karten spielt. Das überschießende Immunsystem schadet dem eigenen Körper. Um das alles zu verhindern, versuchen Forschungsteams das Virus rechtzeitig zu stoppen – die Replikation, also die Vermehrung des Virus in den menschlichen Zellen zu stören.

Ein Forschungsteam der Tübinger Firma Atriva Therapeutics versucht mit einem Protein das Virus beim Vermehren zu stoppen. Das Protein hemmt das menschliche Enzym ATR-002, das das Coronavirus für sich ausnutzt, um sich in den menschlichen Zellen zu vermehren.

Der Wirkstoff ist eigentlich gegen das Grippevirus entwickelt worden, wird nun aber auch gegen das Coronavirus getestet. Anfang 2021 ist die klinische Phase-II-Studie gestartet. Der Wirkstoff wird stationär behandelten Patienten mit mittelschweren bis schweren Covid-19-Symptomen verabreicht. Noch ist aber unklar wie gut der Wirkstoff das Coronavirus stoppen kann. Zumindest im Tierversuch reduzierte der Wirkstoff Zapnometinib bereits die Viruslast und Schäden an der Lunge.

Derzeit werden verschiedene Medikamente gegen Covid-19 klinisch erforscht. (Symbolfoto) (Foto: IMAGO, imago images/Bihlmayerfotografie)
Derzeit werden verschiedene Medikamente gegen Covid-19 klinisch erforscht. imago images/Bihlmayerfotografie

Strategie 2: Das Virus mit Antikörpern blockieren

Die Antikörper gelangen per Infusion ins Blut und sollen die Coronaviren hier blockieren – also neutralisieren, ganz ähnlich wie bei der Impfung – allerdings verschwinden die Antikörper wieder nach einiger Zeit, weil der Körper die Antikörper nicht selbst herstellen kann. Nur nach einer Impfung kann das Immunsystem dann selbstständig reagieren – und nicht nur mit Antikörpern, sondern mit allen Möglichkeiten des Immunsystems.

Forschungsteams hoffen aber, dass auch Antikörper-Medikamente das Virus ausreichend stoppen können oder zumindest den Krankheitsverlauf entscheidend abschwächen können. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Antikörper im Labor selbst herstellen – möglichst optimiert, abgestimmt auf das Virus – oder Möglichkeit zwei: Antikörper von bereits Infizierten gewinnen, also aus dem Blutplasma von Genesenen. Das macht das Deutsche Rote Kreuz zusammen mit Forschenden.

Die aus dem Blut gewonnenen Antikörper können das Virus zumindest teilweise blockieren – so die Hoffnung. Doch die Antikörper müssen möglichst früh gegeben werden, wenn die Patienten und Patientinnen nur leichte Symptome haben. In der Regel sind sie dann noch nicht beim Arzt oder bei der Ärztin. Sie wissen möglicherweise gar nicht, dass sie sich mit dem Virus infiziert haben.

Aus diesem Grund arbeitet ein Forschungsteam der Tübinger Uniklinik zusammen mit der Braunschweiger Firma Corat Therapeutics an Antikörpern, die auch noch ein bisschen später verabreicht werden können. Die Antikörper werden im Labor hergestellt. Die Tübinger haben die Antikörper speziell so designt, dass sie das Immunsystem nicht zusätzlich in Stress versetzen. Das ist nämlich eine gefürchtete Nebenwirkung bei den Antikörper-Medikamenten.

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Strategie 3: Lungenfunktion unterstützen

Andere Forschungsteams konzentrieren sich darauf, die Folgen einer Corona-Infektion abzumildern – und vor allem die Lunge zu unterstützen.

Wenn die Lunge den Gasaustausch zwischen Atemluft und Blut nicht mehr richtig gewährleisten kann, wird es gefährlich – vor allem wenn viele Lungenzellen absterben. Das möchte die Heidelberger Firma Apogenix mit ihrem Medikament verhindern. Der Wirkstoff Asunercept ist eigentlich für die Behandlung von Krebspatienten entwickelt worden.

Bei einer Covid-19-Erkrankung soll der Wirkstoff möglichst verhindern, dass Zellen in der Lunge sterben. Dazu wird ein wichtiges Signalprotein in den Lungenzellen gehemmt. Das Signalprotein kann den Zelltod einleiten. Der Wirkstoff hemmt das Signalprotein, weniger Lungenzellen sollen so absterben. Das Medikament wird in Spanien und Russland in ausgewählten Kliniken getestet.

Ein Arzt hält ein gedrucktes Röntgenbild in der Hand, das die bei Covid-19-Patienten typische Doppellungenpneumonie zeigt. (Foto: IMAGO, IMAGO / ZUMA Wire)
Covid-19 kann bei Menschen zu einer akuten Lungenentzündung führen. IMAGO / ZUMA Wire

Generell fördert die deutsche Bundesregierung aktuell nur Projekte, die schon in einer fortgeschrittenen klinischen Studie sind – die meisten haben das Medikament schon an zumindest hundert Patienten und Patientinnen getestet.

Alle Projekte hätten laut dem Paul Ehrlich-Institut Potenzial. Doch in den nächsten Monaten ist wahrscheinlich mit keinem Durchbruch zu rechnen – zumindest nicht aus Deutschland. Für Anfang 2022 wird mit ersten konkreten Ergebnissen gerechnet und dann könnten die Medikamente recht schnell eingesetzt werden – mit einer Art Notfallzulassung.

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