Ukrainerinnen erinnern sich an den Kriegsbeginn

Drei Schicksale: In Friedrichshafen Schutz gefunden

Drei Ukrainerinnen erinnern sich an Kriegsbeginn

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Martin Hattenberger
SWR-Redakteur Martin Hattenberger Autor Bild

Vor einem Jahr hat sich in der Ukraine das Leben grundlegend verändert. Die Nachricht, dass ein Krieg begonnen hat, konnten viele zunächst kaum glauben. Drei Ukrainerinnen erzählen vom Kriegsbeginn und ihrer Flucht.

Die Welt war für Ukrainerinnen und Ukrainer über Nacht eine andere geworden. Die meisten hörten die Nachricht vom Beginn des Krieges am Morgen im Radio. Drei Ukrainerinnen, die in Friedrichshafen einen sicheren Ort gefunden haben, erzählen, wie sie den Kriegsbeginn erlebt haben. Und sie erzählen, wie sie aus den unterschiedlichen Regionen der Ukraine die Flucht nach Deutschland geschafft haben.
SWR-Reporter Martin Hattenberger hat die Frauen getroffen. 

"Ich muß meine Kinder retten"

Lesia Shevchuk macht derzeit mit anderen Geflüchteten einen Sprachkurs in Friedrichshafen. Ihr Zuhause war bis zum Kriegsbeginn die Stadt Schytomyr in der Nähe zur belarussischen Grenze. Sie konnte es zunächst nicht richtig wahrhaben, dass in ihrem Land tatsächlich Krieg ausgebrochen war.

"Ich konnte einfach nicht glauben, dass bombardiert wird, dass es Opfer gibt - wir leben im 21. Jahrhundert. Ich konnte nicht glauben, dass es im Zentrum von Europa möglich war."

Nachdem sie mit eigenen Augen gesehen hatte, wie die Schule und das Krankenhaus in ihrer Heimat zerstört worden waren, brach Lesia Shevchuk am 8. März auf. 'Ich muss meine Kinder retten', war ihr Gedanke. Die Flucht sei beschwerlich gewesen, 24 Stunden habe sie an der Grenze zu Polen in der Kälte anstehen müssen - immer zu Fuß mit ihren beiden Kindern. Der Zufall habe sie in einen Bus nach Friedrichshafen gelenkt.

Bombardierung von Butscha kurz nach Flucht

Kateryna Moskanlenko lebte zu Kriegsbeginn in Butscha nahe der Hauptstadt Kiew. Sie habe sich schon am zweiten Tag mit ihren Kindern im Auto auf die Flucht gemacht: zunächst zu ihren Eltern nach Kiew, danach über die Grenze.

"Nach einem Monat bekam ich die Nachricht, dass eine Rakete oder eine Bombe in meinem Haus gelandet ist. Freunde haben mir Bilder geschickt. Da steht keine Türe mehr, keine Fenster - gar nichts."

Die eigene Sprache nicht mehr sprechen dürfen

Oxana Tsyomkalo erlebte den Beginn des Krieges rund 80 Kilometer von Hafenstadt Mariupol entfernt. An ihrem Haus in Berdjansk direkt am Asowschen Meer seien gleich am ersten Tag des Krieges Panzer vorbeigefahren. Weil die ukrainische Armee sich auf die Verteidigung von Mariupol konzentrierte, haben in ihrer Stadt keine Kämpfe stattgefunden. Trotzdem sei die Angst da gewesen.

"Wir hatten große Angst davor, was als Nächstes passieren würde. Und ob die Russen sich ruhig verhalten oder ob doch noch militärische Aktionen kommen.“

Oxana Tsyomkalo erzählt, dass sie noch einen Monat geblieben sei. Dann habe sich die Möglichkeit zur Flucht in einem abgesicherten Fluchtkorridor geboten. In ihrer Heimatstadt sei kein normales Leben mehr möglich gewesen:

"Es war wie im Gefängnis. Man konnte seine Sprache nicht mehr sprechen. Man wusste nicht, was man noch tun und sagen darf. Wir hatten Angst vor dem Militär, das war überall."

Drei Frauen, drei Fluchtschicksale. Auch wenn es ihnen in Friedrichshafen gut geht - die Nachwirkungen des Kriegserlebens seien noch zu spüren, sagt zum Beispiel Lesia Shevchuk. Ihre Kinder fürchteten sich noch immer vor Flugzeugen. Und trotzdem geben alle drei die Hoffnung nicht auf, bald wieder zurück in ihre Heimat zu können, in die Ukraine.

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