Corona-Pandemie

Hirn-Thrombosen nach Astrazeneca-Impfung: Das wissen wir darüber

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Blutgerinnsel in den Hirnvenen sind eine mögliche, aber seltene Nebenwirkung des Covid-19-Impfstoffes von Astrazeneca. Im März 2021 kam es deswegen zu einem viertägigen Impfstopp mit diesem Vakzin. Jetzt empfiehlt die Ständige Impfkommission das Mittel nur noch für Menschen ab 60 Jahren. Was wissen wir dazu?

Nach einem Impfstopp Mitte März wird das Impfen mit dem Mittel von Astrazeneca jetzt für Unter-60-Jährige gestoppt. Diamit reagieren Bund Länder auf eine neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Sie empfiehlt den Astrazeneca-Impfstoff nur noch für Menschen ab 60 Jahren. Bei Jüngeren sei das Risiko für gefährliche Hirnvenenthrombosen – auch Sinusthrombosen genannt – zu gefährlich, vor allem bei jungen Frauen.

Dem Paul-Ehrlich-Institut waren bis zum 29. März 31 solcher Fälle nach einer Astrazeneca-Impfung gemeldet worden. Sie betrafen Frauen zwischen 20 und 63 Jahren, außerdem zwei Männer (36 und 57 Jahre alt). Zunächst hatten deshalb einzelne Bundesländer und Landkreise die Impfungen bei Frauen unter 60 beziehungsweise 55 Jahren ausgesetzt. Es wird nämlich wahrscheinlicher, dass die gemeldeten Fälle tatsächlich durch einen Teil des Impfstoffs von Astrazeneca ausgelöst wurden.

Jüngere Menschen sollen deshalb künftig mit anderen Mitteln geimpft werden und ältere eher mit dem von Astrazeneca. Die Hoffnung: Das mögliche Risiko wird minimiert und zwar ohne dass die Impfkampagne gefährdet wird.

Was bedeutet das für diejenigen, die schon mit AstraZeneca geimpft sind?

Sollte die STIKO den Impfstoff künftig nur noch für über 60-Jährige empfehlen, könnten jüngere schon Geimpfte als zweite Dosis möglicherweise einen mRNA-Impfstoff erhalten. Zu diesem sogenannten Mix and Match-Vorgehen laufen aktuell Studien.

Außerdem sollten Geimpfte, die sich nach mehr als vier Tagen nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen, unverzüglich zum Arzt gehen. Dabei geht es insbesondere um starke und langanhaltende Kopfschmerzen oder punktförmige Hautblutungen.

Warum hatte Deutschland die Impfungen mit AstraZeneca für mehrere Tage komplett ausgesetzt?

Mit diesem Schritt folgte das Bundesgesundheitsministerium einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts. Bei einer Pressekonferenz am 15. März sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass ein Zusammenhang von gefährlichen Venenthrombosen im Gehirn mit Astrazeneca-Impfungen nicht ausgeschlossen werden könne.

Die Impfpause sei, wie auch in anderen Ländern, eine Vorsichtsmaßnahme. Zu diesem Zeitpunkt waren in Deutschland sieben (Stand 15. März 2021) solcher Fälle bei über 1,6 Mio. Impfungen aufgetreten. Das waren sehr wenige, aber laut Gesundheitsminister Spahn eben mehr, als man normalerweise in der Bevölkerung erwarten würde. Damit geklärt werden konnte, ob diese Häufung etwas mit den Impfungen zu tun hatte, wurden diese vorsorglich gestoppt.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA prüfte daraufhin nochmals die Sicherheit des Astrazeneca-Vakzins, war aber letzten Endes am 18. März 2021 davon überzeugt, dass die Vorteile der Impfung die Risiken überwiegen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfahl am 17. März bis auf Weiteres die Fortsetzung der Impfungen mit dem Corona-Impfstoff von Astrazeneca.

Wie entstehen im Körper Thrombosen?

Bei einer Thrombose bilden sich im Körper Blutgerinnsel. Diese bilden sich sehr häufig in Blutbahnen des Beines. Diese Gerinnsel lösen sich dann mit der Zeit von den Gefäßwänden, werden größer und verstopfen dann an anderen Stellen des Blutkreislaufs wichtige Gefäße – zum Beispiel in der Lunge oder im Gehirn. Das passiert vor allem bei Menschen, bei denen das Blut schneller gerinnt. Und: Das Risiko kann sich auch durch Medikamente erhöhen, die den Stoffwechsel des Körpers so beeinflussen, dass das Blut schneller gerinnt. Das ist zum Beispiel bei der Antibabypille so.

Bei den aufgetretenen Thrombose-Fällen in den Hirnvenen handelt es sich um eine sehr seltene Art von Gerinnsel, die sich wahrscheinlich direkt im Gehirn bildet. Es verstopft dann ein Gefäß, das das Blut aus dem Gehirn transportieren soll. Die Blockade sorgt für viel Druck in diesem Blutgefäß und so kann ein Platzen der Ader und damit ein Schlaganfall die Folge sein.

Betroffene klagen dann über starke und über Stunden und Tage anhaltende Kopfschmerzen. Zusätzlich zu der Thrombose im Gehirn berichtet das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut auch über punktförmige Hautblutungen. Diese sind wahrscheinlich eine Folge der Thrombose und ein weiteres wichtiges Indiz für solch eine Erkrankung nach der Impfung.

Deutschland hat die Impfungen mit AstraZeneca vorläufig ausgesetzt. Grund dafür sind vereinzelte Fälle von Thrombosen in den Hirnvenen, die weiter untersucht werden müssen. (Foto: IMAGO, imago images/focalpoint)
Deutschland hatte die Impfungen mit AstraZeneca vorläufig ausgesetzt. Grund dafür waren vereinzelte Fälle von Thrombosen in den Hirnvenen, die weiter untersucht werden mussten. imago images/focalpoint

Wie häufig sind solche Erkrankungen?

Diese spezielle Art von Thrombose ist auf jeden Fall sehr selten. Zu der genauen Häufigkeit gibt es unterschiedliche Angaben: Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich von einer Millionen Menschen zwei an dieser Thrombose-Art erkranken – mindestens. Eine Studie aus Australien geht von einer höheren Inzidenz aus: Demnach gibt es pro Jahr bis zu 15 Fälle pro eine Million.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer und jüngere Personen haben ein höheres Risiko als ältere. Vor allem 30- bis 40-Jährige sind von dieser Art von Thrombose betroffen. Schwangere Frauen in den Wochen vor der Entbindung haben grundsätzlich das höchste Risiko für diese Erkrankung. Und auch bei Frauen, die die Antibabypille einnehmen, werden die Sinusvenenthrombosen häufiger beobachtet.

Auch bei COVID-19-Patienten wurde diese Thrombosen in ganz seltenen Fällen beobachtet. Wie genau es zu den Verstopfungen im Gehirn durch eine COVID-19-Erkrankung kommt, ist noch unklar – wahrscheinlich ist eine Überreaktion des Immunsystems der Grund dafür. Auf die Frage, wie der Impfstoff eine solche Thrombose auslösen kann, meinen Forschende der Universität Greifswald eine Antwort gefunden zu haben. Die durch den Impfstoff hervorgerufenen Antikörper aktivieren demnach in äußerst seltenen Fällen Thrombozyten (Blutplättchen), was diese zum Verklumpen bringt - obwohl es eigentlich keinen Anlass für die Blutgerinnung gibt.

Was bedeutet es, dass der Impfstoff in diesen Fällen für die Bildung der Blutgerinnsel verantwortlich ist?

Das bedeutet zunächst mal nur, dass er eine weitere Nebenwirkung auslöst, die auf dem Beipackzettel des Impfstoffs jetzt auch vermerkt wird. Da zunächst nur ein Fall auf 250.000 Geimpfte auftrat (Stand 15. März), wurde sie als sehr seltene Nebenwirkung eingestuft. Für die Anwendung des Impfstoffs war das aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts ein noch vertretbares Risiko – vor allem wenn man bedenkt, wie gefährlich eine Coronainfektion sein kann. Inzwischen sind mehr Fälle aufgetreten – etwa einer pro 90.000 Impfungen. Die STIKO verändert deshalb wahrscheinlich ihre Impfempfehlung. Möglicherweise werden dann nur noch Menschen U60 mit dem Astrazeneca-Mittel geimpft.

Covid-19-Impfung einer Frau im mittleren Alter (Foto: IMAGO, IMAGO / Karina Hessland)
Nach erfolgter Überprüfung bekommen nun auch bereits Erstgeimpfte die zweite Dosis des Astra-Zeneca-Impfstoffes. IMAGO / Karina Hessland

Was sprach dafür, die Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff trotz Nebenwirkungen fortzusetzen?

Alle Medikamente und Impfstoffe haben Nebenwirkungen. Deswegen stellt sich immer die Frage, ob der Nutzen das Risiko überwiegt. Den Sinusvenenthrombosen steht das individuelle Risiko eines schweren Verlaufs einer Coronainfektion gegenüber – bei dem auch eine erhöhte Gefahr von Thrombosen besteht. Außerdem gibt es noch das kollektive Risiko der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie. Diese Risiken und deren Auswirkungen betreffen uns alle.

Das Aussetzen der Impfungen mit Astrazeneca über einen längeren Zeitraum hätte zur Folge gehabt, dass das ohnehin schon langsame Impftempo in Deutschland weiter gesunken wäre. Das hätte bedeutet: mehr Coronafälle und mehr Coronatote. Und nicht nur für diejenigen, die durch die Impfung hätten geschützt werden können, sondern auch für diejenigen, die weiter hinten in den Infektionsketten stehen – Infektionsketten, die durch das Fortsetzen der Impfungen unterbrochen werden können. Nach wie vor ist der Vektorimpfstoff von Astrazeneca sehr gut wirksam und verhindert schwere Erkrankungen mit ähnlicher Effizienz wie die mit ihm konkurrierenden mRNA-Impfstoffe. Er verfügt über eine nachgewiesene Wirksamkeit gegen die ansteckenderen Virusvarianten und er ist gut verträglich – trotz möglicher, sehr seltener Nebenwirkungen.

Bei auffälligen Nebenwirkungen nach einer Covid-19-Impfung sollte man möglichst ärztlichen Rat einholen. (Foto: IMAGO, imago images/ZUMA Wire)
Bei auffälligen Nebenwirkungen nach einer Covid-19-Impfung sollte man möglichst ärztlichen Rat einholen. imago images/ZUMA Wire

Was sprach dafür, die Impfung mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff vorläufig auszusetzen?

Vertrauen – das war das wichtigste Argument für einen vorübergehenden Stopp der Impfungen mit Astra Zeneca. Nur wenn sich die Bürger und Bürgerinnen sicher sein können, dass mögliche schwere Nebenwirkungen genauestens dokumentiert und untersucht werden, bleibt das Vertrauen in Impfstoff und Behörden intakt. Deshalb plädierte auch der Marburger Virologe Prof. Stephan Becker für eine Impfpause: „Das ist eine sehr unglückliche Situation, aber wenn so ein Verdacht im Raum steht, dann muss dem nachgegangen werden und solange muss die Impfung angehalten werden“.

Auch der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar hatte sich im ARD-Fernsehen dafür ausgesprochen, die Impfungen mit Astrazeneca auszusetzen. Sein wichtigstes Argument: Bei einer Impfung muss die Messlatte für die Sicherheit besonders hoch liegen. Das sei anders als bei einem Medikament für schwer kranke Patienten: Wenn jemand dringend einen bestimmten Wirkstoff braucht, sind auch riskante Nebenwirkungen unter Umständen vertretbar. Bei Impfungen aber werden Millionen komplett gesunder Menschen geimpft – auch solche, bei denen eine Corona-Infektion vermutlich harmlos verlaufen würde. Da könnten selbst seltenste Nebenwirkungen problematisch sein.

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