STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Blutgerinnsel in den Hirnvenen sind eine mögliche, aber seltene Nebenwirkung des Covid-19-Impfstoffes von AstraZeneca. Im März 2021 kam es deswegen zu einem viertägigen Impfstopp mit diesem Vakzin.

Audio herunterladen (2,3 MB | MP3)

Warum hatte Deutschland die Impfungen mit AstraZeneca für mehrere Tage ausgesetzt?

Mit diesem Schritt folgte das Bundesgesundheitsministerium einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts. Bei einer Pressekonferenz am 15. März sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass ein Zusammenhang von gefährlichen Venenthrombosen im Gehirn mit AstraZeneca-Impfungen nicht ausgeschlossen werden könne.

Die Impfpause sei, wie auch in anderen Ländern, eine Vorsichtsmaßnahme. Zu diesem Zeitpunkt waren in Deutschland sieben (Stand 15. März 2021) solcher Fälle bei über 1,6 Mio. Impfungen aufgetreten. Das waren sehr wenige, aber laut Gesundheitsminister Spahn eben mehr, als man normalerweise in der Bevölkerung erwarten würde. Damit geklärt werden konnte, ob diese Häufung etwas mit den Impfungen zu tun hatte, wurden diese vorsorglich gestoppt.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA prüfte daraufhin nochmals die Sicherheit des Astra-Zeneca-Vakzins, war aber letzten Endes am 18. März 2021 davon überzeugt, dass die Vorteile der Impfung die Risiken überwiegen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfahl am 17. März bis auf Weiteres die Fortsetzung der Impfungen mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca.

Wie entstehen im Körper Thrombosen?

Bei einer Thrombose bilden sich im Körper Blutgerinnsel. Diese bilden sich sehr häufig in Blutbahnen des Beines. Diese Gerinnsel lösen sich dann mit der Zeit von den Gefäßwänden, werden größer und verstopfen dann an anderen Stellen des Blutkreislaufs wichtige Gefäße – zum Beispiel in der Lunge oder im Gehirn. Das passiert vor allem bei Menschen, bei denen das Blut schneller gerinnt. Und: Das Risiko kann sich auch durch Medikamente erhöhen, die den Stoffwechsel des Körpers so beeinflussen, dass das Blut schneller gerinnt. Das ist zum Beispiel bei der Antibabypille so.

Bei den aufgetretenen Thrombose-Fällen in den Hirnvenen handelt es sich um eine sehr seltene Art von Gerinnsel, die sich wahrscheinlich direkt im Gehirn bildet. Es verstopft dann ein Gefäß, das das Blut aus dem Gehirn transportieren soll. Die Blockade sorgt für viel Druck in diesem Blutgefäß und so kann ein Platzen der Ader und damit ein Schlaganfall die Folge sein.

Betroffene klagen dann über starke und über Stunden und Tage anhaltende Kopfschmerzen. Zusätzlich zu der Thrombose im Gehirn berichtet das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut auch über punktförmige Hautblutungen. Diese sind wahrscheinlich eine Folge der Thrombose und ein weiteres wichtiges Indiz für solch eine Erkrankung nach der Impfung.

Deutschland hat die Impfungen mit AstraZeneca vorläufig ausgesetzt. Grund dafür sind vereinzelte Fälle von Thrombosen in den Hirnvenen, die weiter untersucht werden müssen. (Foto: Imago, imago images/focalpoint)
Deutschland hatte die Impfungen mit AstraZeneca vorläufig ausgesetzt. Grund dafür waren vereinzelte Fälle von Thrombosen in den Hirnvenen, die weiter untersucht werden mussten. Imago imago images/focalpoint

Wie häufig sind solche Erkrankungen?

Diese spezielle Art von Thrombose ist auf jeden Fall sehr selten. Zu der genauen Häufigkeit gibt es unterschiedliche Angaben: Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich von einer Millionen Menschen zwei an dieser Thrombose-Art erkranken – mindestens. Eine Studie aus Australien geht von einer höheren Inzidenz aus: Demnach gibt es pro Jahr bis zu 15 Fälle pro eine Million.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer und jüngere Personen haben ein höheres Risiko als ältere. Vor allem 30- bis 40-Jährige sind von dieser Art von Thrombose betroffen. Schwangere Frauen in den Wochen vor der Entbindung haben grundsätzlich das höchste Risiko für diese Erkrankung. Und auch bei Frauen, die die Antibabypille einnehmen, werden die Sinusvenenthrombosen häufiger beobachtet.

Auch bei COVID-19-Patienten wurde diese Thrombosen in ganz seltenen Fällen beobachtet. Wie genau es zu den Verstopfungen im Gehirn durch eine COVID-19-Erkrankung kommt, ist noch unklar – wahrscheinlich ist eine Überreaktion des Immunsystems der Grund dafür. Auf die Frage, wie der Impfstoff eine solche Thrombose auslösen kann, meinen Forschende der Universität Greifswald eine Antwort gefunden zu haben. Die durch den Impfstoff hervorgerufenen Antikörper aktivieren demnach in äußerst seltenen Fällen Thrombozyten (Blutplättchen), was diese zum Verklumpen bringt - obwohl es eigentlich keinen Anlass für die Blutgerinnung gibt.

Was bedeutet es, dass der Impfstoff in diesen Fällen für die Bildung der Blutgerinnsel verantwortlich ist?

Das bedeutet zunächst mal nur, dass er eine weitere Nebenwirkung auslöst, die auf dem Beipackzettel des Impfstoffs jetzt auch vermerkt wird.. Da bislang ein Fall auf 250.000 Geimpfte auftrat (Stand 15. März), wird sie als sehr seltene Nebenwirkung eingestuft. Für die Anwendung des Impfstoffs ist das aus Sicht de Paul-Ehrlich-Instituts ein noch vertretbares Risiko – vor allem wenn man bedenkt, wie gefährlich eine Coronainfektion sein kann.

Covid-19-Impfung einer Frau im mittleren Alter (Foto: Imago, IMAGO / Karina Hessland)
Nach erfolgter Überprüfung bekommen nun auch bereits Erstgeimpfte die zweite Dosis des Astra-Zeneca-Impfstoffes. Imago IMAGO / Karina Hessland

Was bedeutet das für diejenigen, die schon mit AstraZeneca geimpft sind?

Sollten Geimpfte sich nach mehr als vier Tagen nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen, sollten sie laut Paul-Ehrlich-Institut unverzüglich zum Arzt gehen. Dabei geht es insbesondere um starke und langanhaltende Kopfschmerzen oder punktförmige Hautblutungen.

Was sprach dafür, die Impfung mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff trotz Nebenwirkungen fortzusetzen?

Alle Medikamente und Impfstoffe haben Nebenwirkungen. Deswegen stellt sich immer die Frage, ob der Nutzen das Risiko überwiegt. Sollte die Häufigkeit der Sinusvenenthrombosen auch künftig im Rahmen dessen liegen, was wir bisher wissen – ein Fall bei ungefähr 250.000 Geimpften – dann würde es bei der Einstufung als sehr seltene Nebenwirkung bleiben.

Demgegenüber steht das individuelle Risiko eines schweren Verlaufs einer Coronainfektion – bei dem auch eine erhöhte Gefahr von Thrombosen besteht – und das kollektive Risiko der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie. Diese Risiken und deren Auswirkungen betreffen deutlich mehr als eine von 250.000 Personen. Sie betreffen uns alle.

Audio herunterladen (1 MB | MP3)

Das Aussetzen der Impfungen mit AstraZeneca über einen längeren Zeitraum hätte zur Folge gehabt, dass das ohnehin schon langsame Impftempo in Deutschland weiter gesunken wäre. Das hätte bedeutet: mehr Coronafälle und mehr Coronatote. Und nicht nur für diejenigen, die durch die Impfung hätten geschützt werden können, sondern auch für diejenigen, die weiter hinten in den Infektionsketten stehen – Infektionsketten, die durch das Fortsetzen der Impfungen unterbrochen werden können. Nach wie vor ist der Vektorimpfstoff von AstraZeneca sehr gut wirksam und verhindert schwere Erkrankungen mit ähnlicher Effizienz wie die mit ihm konkurrierenden mRNA-Impfstoffe. Er verfügt über eine nachgewiesene Wirksamkeit gegen die ansteckenderen Virusvarianten und er ist gut verträglich – trotz möglicher, sehr seltener Nebenwirkungen.

Bei auffälligen Nebenwirkungen nach einer Covid-19-Impfung sollte man möglichst ärztlichen Rat einholen. (Foto: Imago, imago images/ZUMA Wire)
Bei auffälligen Nebenwirkungen nach einer Covid-19-Impfung sollte man möglichst ärztlichen Rat einholen. Imago imago images/ZUMA Wire

Was sprach dafür, die Impfung mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff vorläufig auszusetzen?

Vertrauen – das war das wichtigste Argument für einen vorübergehenden Stopp der Impfungen mit Astra Zeneca. Nur wenn sich die Bürger und Bürgerinnen sicher sein können, dass mögliche schwere Nebenwirkungen genauestens dokumentiert und untersucht werden, bleibt das Vertrauen in Impfstoff und Behörden intakt. Deshalb plädierte auch der Marburger Virologe Prof. Stephan Becker für eine Impfpause: „Das ist eine sehr unglückliche Situation, aber wenn so ein Verdacht im Raum steht, dann muss dem nachgegangen werden und solange muss die Impfung angehalten werden“.

Auch der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar hatte sich im ARD-Fernsehen dafür ausgesprochen, die Impfungen mit Astra Zeneca auszusetzen. Sein wichtigstes Argument: Bei einer Impfung muss die Messlatte für die Sicherheit besonders hoch liegen. Das sei anders als bei einem Medikament für schwer kranke Patienten: Wenn jemand dringend einen bestimmten Wirkstoff braucht, sind auch riskante Nebenwirkungen unter Umständen vertretbar. Bei Impfungen aber werden Millionen komplett gesunder Menschen geimpft – auch solche, bei denen eine Corona-Infektion vermutlich harmlos verlaufen würde. Da könnten selbst seltenste Nebenwirkungen problematisch sein.

Audio herunterladen (1,3 MB | MP3)

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG