Manfred Lucha (Bündnis 90Die Grünen), Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg, spricht bei einer Landtagssitzung bei einer aktuellen Debatte im Plenum. (Foto: dpa Bildfunk, Bernd Weißbrod)

Ende der Corona-Isolationspflicht in BW

Gesundheitsminister Lucha setzt auf mehr Eigenverantwortung - "Infektionsgeschehen durch Maßnahmen nicht mehr beeinflussbar"

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Theresia Blömer
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Johannes Böhler

Mehrere Bundesländer, darunter Baden-Württemberg, kippen die Isolationspflicht für Corona-Infizierte. BW-Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) wehrt sich gegen aufkommende Kritik.

Baden-Württemberg, Bayern und Schleswig-Holstein haben am Freitag angekündigt, die Isolationspflicht für Corona-Infizierte kippen zu wollen. Kritik gibt es dafür unter anderem von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Im Interview mit SWR Aktuell verteidigt Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) sein Vorgehen.

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SWR Aktuell: Warum kommen die Lockerungen der Isolationspflicht ausgerechnet jetzt?

Manfred Lucha: Wir hatten schon im September festgestellt, dass wir auf dem Übergang zur Endemie sind. Und es ist tatsächlich so, dass wir jetzt die Situation haben, dass das Infektionsgeschehen durch Maßnahmen nicht mehr beeinflussbar ist. Wir haben eine 97-prozentige Immunkontaktnahme der Bevölkerung und wenn sich jemand infiziert, hat er keine schwere Erkrankung. Das heißt, es ist ein Infektionsgeschehen, das Normalität einnimmt und deswegen sind für uns diese Maßnahmen nicht mehr erforderlich.

SWR Aktuell: Was war die Motivation, sich jetzt darüber Gedanken zu machen?

Lucha: Generell gilt nach zweieinhalb Jahren Pandemie und auch in Zeiten der kriegerischen Bedrohung durch Putin, dass wir den Menschen nur einerseits so viel zumuten wie nötig, aber andererseits auch sie wieder in die Eigenverantwortung nehmen. Wir können nicht dauerhaft sagen: 'Es gibt einen Infekt, das regelt der Staat.' Nein, jetzt ist die Botschaft: Es ist meine Eigenverantwortung als Betroffener, mich um meine Gesundheit zu kümmern, weil wir alle jetzt wissen, wie wir damit umzugehen haben.

SWR Aktuell: Geht es auch um kritische Infrastruktur?

Lucha: Es geht natürlich auch um kritische Infrastruktur. Wir machen jetzt folgendes Angebot: Die Isolationspflicht ist aufgehoben. Es gilt aber schon: Wer krank ist und Symptome hat, bleibt zu Hause. Das gilt auch bei der Influenza, die ja noch ein viel größeres Problem für uns darstellen wird. Wer krank ist, Symptome hat, schnieft seine Nachbarn nicht an. Wer aber noch einen positiven Test hat, aber keine Symptome, kann jetzt mit einer Maske statt Isolation an der Arbeit teilnehmen und kann sich außerhalb bewegen.

SWR Aktuell: Ist jetzt überhaupt der richtige Zeitpunkt? Oder gibt es gar keinen richtigen Zeitpunkt?

Lucha: Es gibt den richtigen Zeitpunkt, weil wir jetzt eine Welle erfolgreich hinter uns gebracht haben, die uns gezeigt hat, dass das Gesundheitssystem nicht überfordert wird. Und es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, diesen nächsten Schritt zu gehen. Vulnerable Gruppen schützen wir noch, wir schützen noch die Pflegeeinrichtungen, wir schützen noch die Krankenhäuser, Masken bleiben auch im öffentlichen Verkehr noch. Es ist ja nicht so, dass wir nicht nichts täten. Wir gehen diesen nächsten Schritt konsequent und mit prominenter Unterstützung durch Thomas Mertens von der Ständigen Impfkommission (STIKO) oder auch den Virologen Hans-Georg Kräusslich aus Heidelberg, der uns in Baden-Württemberg schon die ganze Zeit berät.

SWR Aktuell: Aber Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hält das für keine gute Entscheidung - er fürchtet einen Flickenteppich. Was entgegnen Sie ihm?

Lucha: Herr Lauterbach hat von uns vor fast einem Jahr einen Brief erhalten, wo wir von ihm diese Maßnahmen gefordert haben. Er hat darauf nicht reagiert. Sein Daueralarmismus hat ja zu nichts geführt, deswegen sind wir Länder gefordert, zu handeln. Und wir bemerken auch Interesse von anderen Ländern, die daran denken, mitzumachen.

SWR Aktuell: Sie haben gesagt, bei Symptomen soll man zu Hause bleiben. Aber wenn man Husten hat, darf man trotzdem raus mit Maske?

Lucha: Generell gilt doch, wenn ich Symptome habe und es geht mir schlecht, bleibe ich zu Hause. Aber viele von uns, die mehrfach geimpft sind, die schon infiziert waren, haben nach kurzer Zeit keine Symptome mehr und sitzen dumm zu Hause herum. Und die wissen doch: Wenn ich mit Maske zum Arbeiten gehe und mich bewege, dann lass ich die auch auf. Also da habe ich keine Sorge, dass daraus eine große Infektionsgefahr entsteht.

SWR Aktuell: Also es geht auch um die Arbeitskräfte?

Lucha: Es geht auch um die Arbeitskräfte. Es geht um die Aufrechterhaltung unseres gesellschaftlichen Lebens und das in Verhältnismäßigkeit. Und ich glaube, die können wir jetzt gut umsetzen.

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