Heidelberger Virologe im SWR-Interview

Corona: Virologe Kräusslich begrüßt aktuelle Stiko-Empfehlung

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Der Heidelberger Virologe Hans-Georg Kräusslich begrüßt die neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission für die Corona-Booster-Impfung. Das sagte er im SWR Aktuell-Interview.

Im Gespräch mit SWR Aktuell hat sich der Virologe Hans-Georg Kräusslich vom Heidelberger Universitätsklinikum positiv zur neuen Stiko-Empfehlung geäußert. Die Stiko empfiehlt für die Auffrischungssimpfungen einen der drei neuen, an die Omikron-Variante angepassten Impfstoffe. Das ganze Interview lesen Sie hier.

SWR Aktuell: US-Präsident Joe Biden hat die Pandemie für beendet erklärt, hat er damit Recht?

Hans-Georg Kräusslich: Ja, Herr Biden kann natürlich nicht für die Welt die Entscheidung treffen, wann die Pandemie beendet ist. Frankreichs Präsident Macron hat das Gleiche auch vor einiger Zeit in Frankreich gesagt. Sie beziehen sich jeweils auf ihre eigenen Länder und das kann man auch auf Deutschland beziehen. Die schwere Krankheitslast, die wir in den letzten Jahren durch die Pandemie erlebt haben, ist nicht mehr zu befürchten, sofern wir bei den aktuellen Varianten bleiben. Infektionen wird es weiterhin geben. Wenn wir eine Pandemie als gehäufte Infektionen weltweit betrachten, geht es hier natürlich weiter. Global betrachtet aber ist sie bei uns auf dem Weg in die endemische Phase.

SWR Aktuell: Die Infektionszahlen steigen bundesweit jetzt gerade wieder an – wie das viele vorausgesagt haben, auch Sie. Wie ist im Moment die Lage in der Region hier rund um Heidelberg, im Rhein-Neckar-Raum?

Kräusslich: Ja, die Region ist bei uns und auch überall im Moment relativ milde. Wir sehen seit Mitte August und jetzt zunehmend seit Ferien-Ende ein Plateau und einen leichten Wiederanstieg. Wenn man sich die bundesweiten Zahlen auch länderspezifisch anschaut, sieht man, dass dann immer nach dem Ferienende und nach der Urlaubsrückkehrzeit ein gewisser Anstieg war. Das haben wir auch in den letzten Jahren gesehen und gefolgt davon einen sehr, sehr milden Anstieg bei den stationären und Intensivbelegungen. Das ist im Moment alles kein wirkliches Problem, wir sind aber noch sehr früh im Herbst.

SWR Aktuell: Das heißt, es steht nach wie vor im Raum, dass es auch sehr schnell unter Umständen dann auch wieder stärker ansteigen kann?

Kräusslich: Ich glaube, dass die Infektionszahlen zunehmen werden, generell Atemwegsinfektionen und damit auch Corona, das ist völlig klar, daran gibt es keinen Zweifel. Dass in der Folge dann auch die Belegung in den Kliniken etwas zunehmen wird und wieder Intensivpatienten zunehmen werden auch. Aber wenn wir uns die Sommerwelle anschauen, die wir ja durchaus als Modell sehen können – die Immunitätslage war ja nicht so viel anders zu dem Zeitpunkt – hatten wir keine wirklich massive Belastung des Gesundheitssystems. Der Ausfall des Personals war in der Phase das größere Problem für den Einzelnen.

Aber trotzdem ist der Immunschutz nach wie vor wichtig für Risikopatienten, ältere Patienten, Menschen mit Grunderkrankungen etc. Schwere Erkrankungen gibt es weiterhin. Und das Risiko, an Corona zu versterben, ist für den für den vorerkrankten und alten Menschen, der keinen vernünftigen Immunschutz hat, immer noch gegeben. Aber wir sollen nicht dramatisieren. Wir sind in einer völlig anderen Situation als in den letzten beiden Jahren.

SWR Aktuell: Was würden Sie sagen, wenn jetzt jemand zum ersten Mal sich mit Corona infiziert, einen Schnelltest macht und dieser positiv ausfällt? Wie viele Sorgen musste er sich wirklich machen?

Kräusslich: Also der ansonsten gesunde Mensch, der nicht in sehr hohem Lebensalter ist, sagen wir mal bis 70 und sonst keine Grunderkrankungen hat, der wird einen Verlauf haben, der sein kann von „ich merke es kaum“ bis hin zu „Ich bin drei, vier, fünf Tage richtig krank und habe danach noch vier Wochen Schlappheit, Husten und alles Mögliche“. Das haben wir selbst im familiären Umfeld erlebt: Junge Menschen Anfang 30, die einfach zwei Tage wirklich nicht aus dem Bett gekommen sind, ernsthaft erkrankt zu Hause waren und vier Wochen danach noch gehustet haben. Aber gut, das habe ich bei anderen Krankheitsbildern auch.

Sorgen muss sich derjenige nicht machen, die Person sollte auf jeden Fall geimpft sein. Schauen müssen wir immer wieder – und deswegen betonen wir es auch alle immer wieder – vor allem auf die Personen, bei denen das Risiko hoch ist: Die Alten, die Menschen mit schweren Grunderkrankungen und die Menschen, die kein gut funktionierendes Immunsystem haben. Und dort müssen wir immer wieder darauf achten, dass der Schutz maximal ist durch Impfung. Aber eben auch dadurch, dass wir in den Bereichen Kliniken, Pflegeheime in Heime die Masken tragen.

SWR Aktuell: Bleiben wir beim Thema Impfen – Die Ständige Impfkommission, die STIKO hat just am Mittag ihre Impfempfehlungen angepasst und geändert. Was daran ist neu?

Kräusslich: Neu daran ist, dass es jetzt eine Empfehlung bei den Booster-Impfungen gibt, bevorzugt die an Omikron angepassten Impfstoffe zu verwenden. Die Grundimmunisierung, also die Impfung bei Menschen, die überhaupt nicht geimpft worden waren, erfolgt nach wie vor mit dem ursprünglichen Impfstoff. Dafür sind die Neuen auch gar nicht zugelassen im Moment. Aber die Auffrischungs-Immunisierung mit einem der neuen Stoffe ist neu und das ist auch richtig, weil wir uns erhoffen – und in den vorklinischen Studien und den wenigen klinischen Daten, die es gibt auch sehen – dass die Immunantwort breiter wird. Das heißt bei Menschen, die zweimal gegen das ursprüngliche Virus geimpft waren und dann mit den neu zugelassenen Impfstoffen aufgefrischt werden, wirken deren Antikörper gegen eine größere Anzahl von Virusvarianten und wohl auch besser gegen die neuen Virusvarianten.

SWR Aktuell: Das neue baden-württembergische Impfportal ist am Start. Wir blicken zurück auf die Anfänge der Corona-Impfungen, als man dann tagelang, teilweise wochenlang vergeblich nach Terminen geforscht hat. Auch teilweise nachts saßen damals Leute vom Computer, wenn die neuen Termine freigeschaltet wurden – sind wir heute da ein paar Schritte weiter?

Kräusslich: Ja, wir sind eine ganze Reihe von Schritten weiter und man kann sich nur wünschen, dass diese Form der Digitalisierung im Gesundheitssystem und im öffentlichen Gesundheitswesen weiter voranschreitet, auch für unsere zukünftigen Krankheiten, es müssen ja nicht immer Pandemien sein. Wir werden hier beim betriebsärztlichen Dienst geimpft, insofern läuft es bei mir nicht so. Aber ich habe es mir angeschaut und es funktioniert super: Sie geben Ihre Postleitzahl ein und welchen Impfstoff Sie haben wollen – es wird jetzt sicher auch noch für die neuen angepassten Impfstoffe erweitert werden – und dann kriegen Sie in meinem Fall im Umfeld von wenigen Kilometern 20 Impftermine in dieser Woche, wo sie hingehen können.

Man muss aber anständigerweise sagen, das war vor zwei Jahren natürlich eine völlig andere Situation als der riesige Ansturm von Impfwilligen da war und gar nicht klar war, wie viel Impfstoff zur Verfügung steht, wer den wann bekommt und so weiter. Es war nicht nur die fehlende Digitalisierung, sondern es war eben auch eine andere Phase der Pandemie. Insofern würde das, was wir jetzt haben, sehr helfen oder hätte sehr geholfen, wenn es damals schon existiert hätte, hätte aber nicht alle Probleme lösen können. Die Logistik ist auch Teil des Problems gewesen.

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