Manfred Lucha (Bündnis 90Die Grünen), Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod)

Debatte um Corona-Folgen

BW-Minister Lucha verteidigt Maßnahmen - Kinder nicht optimal berücksichtigt

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Matthias Breitinger
Matthias Breitinger (Foto: SWR, Simon Ukena)

BW-Gesundheitsminister Lucha stellt sich im Hinblick auf die Corona-Maßnahmen ein gutes Zeugnis aus. Er räumt aber ein, man habe die besonderen Bedürfnisse von Kindern vernachlässigt.

Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) hat Kritik an der aktuellen Debatte um mögliche Fehler bei den Anti-Corona-Maßnahmen geübt. "Man vergisst jetzt im Moment die Bilder aus Bologna und China, die überfüllten und nicht mehr handlungsfähigen Intensivstationen und Krankenhäuser", sagte Lucha am Donnerstag im SWR. Zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 war in Europa zunächst Norditalien stark vom aus China eingeschleppten Virus betroffen. Um die Welt gingen damals Bilder von Militärtransportern, die Dutzende Särge in benachbarte Regionen brachten, da vor Ort die Leichenhäuser überfüllt waren.

Lucha verteidigte vor diesem Hintergrund die zu Beginn der Pandemie vor vier Jahren getroffenen Maßnahmen. "Der erste Blick war auf die Stabilisierung der Gesundheitsversorgung vulnerabler Gruppen gerichtet", sagte der Minister. Man sei damals mit einem neuen unbekannten Virus konfrontiert gewesen, gegen das es keinen Impfstoff und nicht ausreichend Schutzausrüstung gegeben habe. "Es war eine Krise, und eine Krise kann man nicht planen. Wir haben schnell entscheiden müssen."

Im SWR-Interview mit Jonathan Hadem spricht Gesundheitsminister Manfred Lucha über die Bewertung des Corona-Managements:

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In künftigen Krisen Bedürfnisse von Kindern berücksichtigen

Zugleich räumte Lucha Fehler ein, insbesondere mit Blick auf die damaligen Schulschließungen. Um in der anfänglichen Krise die Verbreitung des Virus einzudämmen, seien Schulen damals ein guter Ansatzpunkt gewesen. Aber: "Wir müssen zukünftig bei weiteren Krisen dieser Art besondere Bedarfe von Kindern und Jugendlichen nochmal stärker präventiv ins Auge fassen", so Lucha. Das sei "in der akuten Bewältigungsphase tatsächlich bei niemandem auf dem Schirm" gewesen, gestand der Minister. Die Maßnahmen habe man "in einem extremen Spannungsfeld häufig widerstrebende Interessen" abwägen müssen.

Aus der Corona-Pandemie habe man außerdem gelernt, dass sich die Gesundheitsversorgung präventiv für solche Ereignisse wappnen müsse, sagte Lucha weiter. Die Instrumente der Krisenvorsorge und -bewältigung sowie den Schutz vulnerabler Gruppen und die Kommunikation in der Krise müssten betrachtet werden.

Wir hatten insgesamt 600 Gerichtsverfahren und haben weniger als drei Prozent verloren.

Corona-Aufarbeitung: Minister gegen Enquete-Kommission im Bundestag

Insgesamt stellte sich Lucha aber ein gutes Zeugnis aus. Den Entlassungsantrag gegen ihn, den die Opposition von SPD und FDP vor zwei Jahren gestellt hatte, nannte er zwar legitim, aber sachlich und fachlich unbegründet. "Wir hatten insgesamt 600 Gerichtsverfahren und haben weniger als drei Prozent verloren - also auch die Gerichte haben uns bestätigt", so der Grünen-Politiker. Zu dem Antrag sagte Lucha, die SPD habe es nicht ertragen, dass ein grüner Gesundheits- und Sozialminister eine gute Arbeit leiste, da das eigentlich das ureigene Thema der Sozialdemokraten sei.

Eine Enquete-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen hält Lucha für nicht notwendig. Die im baden-württembergischen Landtag schon längst eingerichtete Enquete-Kommission stehe kurz vor dem Schlussbericht, so Lucha, "da braucht der Bund meines Erachtens nicht mehr extra tätig zu werden", sondern müsse sich lediglich die erarbeiteten Punkte ansehen.

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