Film für’s Ohr »Ich bin Greta«

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Anja Kalischke-Bäuerle

Greta bewegt und reißt mit – (nicht nur junge) Menschen auf der ganzen Welt. Regisseur Nathan Grossman ermöglicht es uns, ganz nah bei ihr zu sein, auch in schwierigen Situationen. Und schnell wird klar: Vieles ist schwierig – aber sie hat einen unbändigen Willen, ein klares Ziel.

»Ich bin Greta« –eine Filmbesprechung von Anja Kalischke-Bäuerle

Und darum geht's - die Filmbesprechuhng zum Nachlesen

»Ich bin Greta«, so beginnt nahezu jede Rede des heute weltweit bekanntesten Teenagers. Der sehr persönliche Dokumentarfilm zeigt sie aus unmittelbarer Nähe, begleitet sie zwei Jahre, zeigt einzigartiges, teilweise privates Filmmaterial. Es sind Moment wie diese, die den Film so stark machen, wenn sie während der Überfahrt nach New York auf dem Schiff reflektiert:

Erzählt wird die Geschichte von Greta Thunberg. Sie beginnt mit ihrem ersten Schulstreik 2018, der zu der weltweiten Jugendbewegung „Fridays for Future“ wurde, berichtet über Gretas Auftritt auf dem UN-Klimagipfel in New York, zeigt, wie sie auf Prominente der ganzen Welt trifft, um von ihnen Taten zur Rettung des Planeten einzufordern, lässt miterleben, wie sie den Herrschenden Versäumnisse vorhält. Greta bewegt und reißt mit – vor allem junge Menschen auf der ganzen Welt. Regisseur Nathan Grossman ermöglicht es uns, ganz nah bei ihr zu sein, auch in schwierigen Situationen.

Und schnell wird klar: Vieles ist schwierig, aber sie hat einen unbändigen Willen. So erträgt sie die Last des öffentlichen Interesses, die Anfeindungen. Zunächst von Politikern, Eltern und der Presse belächelt und harsch kritisiert, kann sie die Leugner des Klimawandels kaum ertragen.

Und so erleben wir Greta Thunberg, 15 Jahre alt, während ihres ersten Schulstreiks im August 2018. Sie sitzt vor der Mauer des Parlaments, ein Schild neben sich, auf dem auf Schwedisch steht: „Schulstreik für den Klimaschutz“. Passanten kommen mit ihr ins Gespräch. Eine ungewöhnliche Situation, denn Greta hat das Asperger-Syndrom, eine Art Kontakt- und Kommunikationsstörung. Das heißt, die Betroffenen tun sich schwer mit anderen Menschen zu interagieren, sich in sie einzufühlen und Empathie zu zeigen. Sie haben oft auffällige „Sonderinteressen“.

Bei Greta ist das nicht anders. Das Asperger-Syndrom sorgt oftmals für die objektive Wahrnehmung von nichtemotionalen Sachverhalten, für eine genaue Selbstbeobachtung, überdurchschnittliche Gedächtnisleistungen, hohe Aufmerksamkeit und geht teilweise mit Hoch- oder Inselbegabungen einher. Die privaten Einblicke in das Leben von Greta zeigen, wie sich das Asperger-Syndrom auf ihr Engagement für den Klimaschutz und ihre Familie auswirkt.

Greta sagt gleich zu Beginn des Films: „Ich mache nicht gerne Smalltalk und bin nicht so kontaktfreudig. Manchmal sage ich stundenlang nichts, ich kann dann nicht reden. Ich mag feste Abläufe und mir fallen oft Details auf. Wenn ich mich für etwas interessiere, kann ich mich voll darauf konzentrieren  - stundenlang – ohne, dass mir langweilig wird.“

Auf die Frage, wie alles begann, erzählt sie, dass sie in der Schule einen Film gesehen hat , und die Wissenschaftler in dem Film sagten, dass uns allen nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie bekam Angst, hörte auf zu sprechen, hörte auf zu essen, ist fast verhungert. Eine Krise, die mehrere Monate andauerte.

Jetzt sehen wir sie im Auto sitzen, als das Telefon klingelt. Greta schmunzelt, es geht um die Klimakonferenz in Katowice – die UN hat Greta eingeladen. Was sie sich erhofft? Sie sagt, es ist unsere letzte Chance. Inzwischen hat sie das Time Magazine zur Person des Jahres gekürt. Unterwegs sind sie mit dem Auto nach Katowice, denn Fliegen kommt nicht infrage. Malena, die Mutter wird angerufen. „Hast du uns das Waffeleisen eingepackt und die Schüssel?“

Als der Tesla unterwegs geladen werden muss, sieht man im Kofferraum dann auch noch eine Mikrowelle, die ebenfalls mitmusste. Sie versorgen sich weitgehend selbst während dieser Reise.

Und so begleiten wir sie auch zur Ankunft auf der UN-Klimakonferenz. Greta registriert als erstes, dass es vor allem Fleisch- und Milchprodukte gibt. Allein in ihrem Zimmer, beginnt sie ihre Rede zu schreiben – jetzt. Und sie wird Sätze sagen wie: „Weil alle Führer sich wie Kinder benehmen, müssen die Kinder die Verantwortung übernehmen.“ Aber auch: „Mir ist Beliebtheit egal, mich kümmert die Klimagerechtigkeit.“ Sie ist oft still, auch zwischen den Reden inmitten all der Menschen. Sie leidet an Selektivem Mutismus, einer Art Sprachlosigkeit. Sie fliegt nicht mehr, isst kein Fleisch, kauft nichts mehr. Sie sagt: „Kleine Veränderungen sind das, aber sie sind wichtig.“

Es wird deutlich anhand der Bilder aus der ganzen Welt, die nun in dem Film gezeigt werden, dass das Ganze Fahrt aufnimmt. „Friday for Future“, das ist eine Bewegung, die wächst – weltweit. Ein unbeschreibliches Gefühl, dass endlich etwas passiert. Auf der Zugfahrt macht der Vater die Planung: Wo müssen sie überall hin? Wie bekommen sie alles unter einen Hut? Und Greta tanzt . Seltene, stille Moment ganz für sie allein, bis jemand im Gang vorbeimuss. Und wir sehen sie lächeln.

Was ihr bevorsteht ist als erstes das EU-Parlament. Man sieht ihre Aufregung, ihre Bescheidenheit, ihre echte Freude und ihre Neugier. So viel im Gesicht, das nichts, aber auch gar nichts versteckt! Und wir sehen ihre Augen, die alles aufnehmen, alles aufsaugen, was um sie herum passiert. Sie sagt: „Es sollte sich nicht alles um mich drehen.“ Aber man vermittelt ihr, dass sie diejenige ist, die, mit der alles begonnen hat.

„Zusammen können wir etwas bewirken. Wir werden ihnen auf die Nerven gehen, bis sie etwas tun.“, sagt Greta. Nächster Stopp: Elyseé-Palast. Meeting mit Emmanuel Macron (Staatspräsident von Frankreich).

Nach dem Treffen bleibt Zeit für Smalltalk.

Und so jagt Greta von einem Termin zum nächsten. Sie vergisst sich selbst ganz, in dem Getümmel. Wir sehen sie umringt von Menschen, vielen Menschen – und das, obwohl sie ja genau das nicht mag. Sie ist sehr verbissen. Alles muss richtig sein. Auch beim Meeting mit Greenpeace oder bei dem Treffen mit Arnold Schwarzenegger, John Bercow (ehemaliger Sprecher des britischen Unterhauses), dem Besuch beim Papst. Alle sagen Sätze wie Schön, dass du hier bist.Und: Toll, was du machst. Sie sagt: „Ich fühle mich sehr unwohl in den Palästen, als wenn jeder eine Rolle spielt, es fühlt sich nicht echt an.“

Und dann dieser Gegenwind: Viel Presse, Präsidenten von Putin bis Trump, die sie ablehnen. Bis zu Beschimpfungen ist alles dabei.

Sie nimmt wahr, dass ihre Eltern sich Sorgen machen und sagt selbst, dass sie keine Zukunftspläne machen kann. Sie kann nicht einmal ein Wochenende planen. Und, dass sie bald keine Energie mehr hat. Sie muss auf sich aufpassen. Ihre Vorträge werden emotionaler und intensiver. Ihr kommen sogar die Tränen. „Es ist schwer zu ertragen“, sagt sie. „Es fühlt sich an, als wäre mein Mikro gar nicht an.“

Und so steht sie allein und ist sehr mit sich. Sechs Monate ist sie durch Europa gefahren. „Niemand spricht darüber, nichts hat sich verändert“, sagt sie. Aber natürlich ist das nicht der Fall.

Nach der Abschlussfeier 2019 anlässlich der Beendigung der 9. Klasse mit einer Belobigung, kündigt sie an, nach New York zu gehen und die Einladung anzunehmen. Aber sie wird nicht fliegen, sondern segeln, um zu zeigen, dass klimaneutrales Reisen heute eigentlich fast unmöglich ist. Es ist so beschwerlich und gefährlich und kann lange dauern. Eigentlich müsste sie jetzt ihr Abitur machen, aber das kann warten. Das kommende Jahr geht sie erst einmal nicht zur Schule und nimmt sich Zeit – für sich und ihr Engagement.

Foto zum Dokumentarfilm Ich bin Greta: Während der Segelreise zum Klimagipfel hält Greta sich bei einem Sturm lachend ihre Mütze fest und wird dabei mit einem Smartphone aufgenommen, rotes Overlay mit Icon Filmrolle (Foto: SWR, B-Reel Features Film)
Ein unbeschwerter Moment der langen und gefährlichen Reise. B-Reel Features Film

Der Beschluss für das Segeln ist gefallen und so erleben wir die Bootserklärung durch den Skipper Boris Herrmann der Malizia II per Skype.

Und wir erleben auch das gemeinsame Kuchenbacken mit der Mutter, die in der Küche unvermittelt zu weinen beginnt. Greta nimmt das gar nicht wirklich wahr. Man ahnt, dass die Zeit mit ihr nicht immer einfach war und ist. Auf die Frage, wen sie vermissen wird: „Die Hunde. Mit der Familie kann ich am Handy sprechen, mit den Hunden nicht.“

Abschied von Mama und den Hunden folgt und man sieht Greta mit dem Vater im Zug. Es ist die Abreise. Sie fahren los durch einen langen Tunnel, künstliches Licht im Zug und Greta weint. Als dann die Sonne durch die Fenster des Zugabteils scheint, bleibt aber nur die Freude und die Neugier.

Später auf dem Boot, ist ihr anzusehen, wie suspekt ihr alles ist. Sie will allein sein, das geht aber nicht. Und sie hat Angst. Es ist permanent laut. Sie braucht die Ohrstöpsel, findet keinen Halt, fängt an die Wände in ihrer Schlafkabine zu bemalen. Ein Gefühl von Endlosigkeit stellt sich ein. Wir sehen lange Einstellungen mit Blick auf das Meer. Sie hat Heimweh.

Und um sie herum das tosende Meer, das Wasser, das über und ins Boot kommt, der dunkelgraue Himmel, die Gefahr.: Es ist laut, unglaublich laut. Sie sitzt da, schaut nach draußen, hat die Kopfhörer auf und immer wieder fallen ihr die Augen zu. Sie hält sich krampfhaft fest, hat Angst. Als sie wach gerüttelt wird mit dem Satz: „Greta, man kann Land sehen“, ist die Anspannung wie weggeblasen.

„Wir Menschen sind Herdentiere und jeder hat seine Rolle“, sagt sie. „Wir sind aufeinander angewiesen. Bei Gefahr muss jeder den Alarmknopf drücken , der mit dem Klima ist meiner.“ Und so sagt sie auf dem UN-Klimagipfel 2019: „Ich sollte jetzt in der Schule sein. Wie könnt ihr es wagen? Ihr habt uns unsere Träume genommen.“ Und sie sagt: „Jeder sollte Asperger haben, wenn es um das Klima geht.“

Alles zum Film

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