Die Grundschule Dernau befindet sich ab diesem Schuljahr in einer provisorischen Containeranlage im Ortsteil Marienthal. (Foto: SWR)

Lernen auf der Baustelle

Schulstart im Ahrtal: Weiterhin Unterricht in Provisorien

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Johannes Baumert
Bild von Johannes Baumert im Regionalbüro Bad Neuenahr (Foto: SWR)

Das zweite Schuljahr nach der Flutkatastrophe beginnt und noch immer ist in den Schulen nichts wie es einmal war. Gelernt wird auf der Baustelle oder in provisorischen Klassenzimmern.

Die weißen Container oberhalb des alten Klosters in Marienthal an der Ahr sehen von außen ein bisschen so aus, wie auf einer Baustelle. Innen wirkt es da schon deutlich freundlicher: Spiele und Schulbücher stehen in Kisten in den Ecken, Klassenfotos wurden an die Pinnwand geklemmt und auf jedem Sitzplatz wartet ein mit Name versehener Heftesammler darauf, endlich benutzt zu werden.

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Grundschule Dernau startet an neuem Übergangsstandort in Marienthal

Hier können im neuen Schuljahr jetzt wieder alle 96 Schülerinnen und Schüler der Grundschule Dernau gemeinsam lernen. Seit der Flut waren sie auf drei verschiedene Schulstandorte in der Grafschaft aufgeteilt. "Der Montag wird sicherlich ein besonderer Tag", sagt Schulleiter Ralph Stollorz. "Da ist eine große Vorfreude da." Die Fahrt zu den anderen Schulstandorten sei für viele Kinder und Eltern kräftezehrend gewesen, sagt er. Bis zu 45 Minuten habe die Busfahrt zum Teil gedauert. Nun sei der Schulweg ins Container-Provisorium in Marienthal endlich wieder kürzer.

"Da ist eine große Vorfreude."

Stollorz ist erleichtert, dass der Starttermin tatsächlich eingehalten werden konnte und es jetzt endlich losgehen kann. Denn Tafeln, Telefone, Tische - all das kam erst kurz vor Schulstart in der provisorische Schule an. "Anfangs müssen wir sicherlich noch etwas improvisieren, aber ich denke, wir werden uns hier wohlfühlen", sagt der Schulleiter.

Zukunft des alten Schulgebäudes in Dernau noch immer ungewiss

Für die kommenden Jahre werden seine Schülerinnen und Schüler, die aus den Gemeinden Dernau, Rech und Mayschoß kommen, in den Containern unterrichtet werden. Denn noch immer ist unklar, was mit dem von der Flut stark beschädigten alten Schulgebäude mitten in Dernau passieren soll. Derzeit werde noch geprüft, ob ein Abriss und anschließender Neubau oder eine Sanierung die bessere Option sei, heißt es von Dernaus Ortsbürgermeister Alfred Sebastian (parteilos).

Die Grundschule Dernau wurde bei der Flutkatastrophe 2021 stark beschädigt. (Foto: SWR)
Die Grundschule Dernau wurde bei der Flutkatastrophe 2021 stark beschädigt. Noch immer ist unklar, ob das Gebäude abgerissen oder saniert werden soll.

Schule im Ahrtal bedeutet immer noch viel Improvisation

Andere Schulen im Ahrtal sind da schon etwas weiter. In der Aloisius-Grundschule in Bad Neuenahr-Ahrweiler beispielsweise kann in den oberen Stockwerken immerhin schon wieder unterrichtet werden. Der Keller ist allerdings noch immer ein Rohbau. "Wir hoffen, dass wir nächstes Jahr im Sommer fertig sind. Es könnte sich aber noch weiter verzögern, sodass wir vielleicht noch zwei Jahre warten müssen," so Schulleiter Klaus Mührel.

"Irgendwas lässt sich immer improvisieren."

Eigentlich hatte er gehofft, seine neuen Erstklässler in diesem Jahr schon in der Turnhalle einschulen zu können. Doch noch stehen die Bänke aus den Umkleidekabinen in der großen Halle. Die Duschen müssen noch neu gefliest werden, Geräte gibt es auch noch nicht wieder. "Die Einschulung werden wir dann wahrscheinlich auf dem Schulhof machen. Das haben wir im letzten Jahr auch gemacht. Irgendetwas lässt sich immer improvisieren", sagt der Schulleiter der Grundschule.

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Hohe Kosten und Fachkräftemangel erschweren Aufbau im Ahrtal

Insgesamt 16 Schulen im Tal wurden von der Flutwelle schwer beschädigt. Bei sieben Schulen ist der Kreis Ahrweiler Träger. Er schätzt die Kosten für die Sanierung der alten Gebäude und die Unterbringung in den provisorischen Containern auf rund 130 Millionen Euro.

Größte Probleme seien derzeit der Handwerkermangel im Ahrtal und Lieferengpässe bei Baumaterialien. "Hinzu kommt, dass über den Wiederaufbaufonds nur der reine Wiederaufbau, nicht aber innovative und zukunftsgerichtete Bauweisen finanziert werden", teilte eine Kreissprecherin dem SWR mit. Deshalb müssten jetzt noch zusätzliche Förderungen beantragt werden.

Psychische Folgen der Flutkatastrophe belasten Schüler und Lehrer

Für den Ahrweiler Schulleiter Klaus Mührel gibt es allerdings noch weitere Probleme: Ein Großteil der Schülerinnen und Schüler ist direkt von der Flut betroffen. Im vergangenen Sommer waren Schulpsychologen an seiner Schule und haben mit den Kindern gesprochen.

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Mührel weiß aber noch nicht, was die Erstklässler, die jetzt eingeschult werden, erlebt haben. Deshalb ist auch in diesem Schuljahr wieder eine psychologische Betreuung nötig. Aus dem vergangenen Schuljahr weiß er: "Es waren 80 Prozent der Familien betroffen. Ich denke, dass da noch einiges kommt."

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