Weitgehend zerstört präsentiert sich der Ortskern von Rech im Ahrtal drei Monate nach der Flutkatastrophe vom Juli. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Boris Roessler)

Klimaschutzmanagerin im Interview

Bürokratie erschwert energieeffizienten Wiederaufbau an der Ahr

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Michael Lang
Michael Lang
Bild von SWR Multimediareporter Michael Lang aus dem Regionalbüro Bad Neuenahr-Ahrweiler (Foto: SWR)

Modernes Energiesparen beim Wiederaufbau an der Ahr ist für Betroffene oft schwierig. Die Klimaschutzmanagerin der Stadt Sinzig erklärt im SWR-Interview die Gründe.

Rund 9.000 Gebäude wurden bei der Flut im Ahrtal zerstört. Privatleute und Kommunen wollen oft besser wiederaufbauen. Viele der neuen Häuser sollen so gut isoliert sein, dass sie kaum noch Wärme verlieren und Energie auch aus erneuerbaren Energien beziehen. Die Neubauten würden damit dann schon den gesetzlichen Neubaustandard erfüllen, der ab 2025 in ganz Deutschland gelten soll.

Gefördert werde aber nur der Wiederaufbau nach den jetzt geltenden gesetzlichen Mindeststandards, schreibt das rheinland-pfälzische Innenministerium auf Anfrage des SWR. Wer heute schon mehr Energie sparen will, muss zusätzliche Förderanträge stellen. Das sei für viele Menschen an der Ahr aber schwierig und verzögere oft den gesamten Wiederaufbau, sagt die Klimaschutzmanagerin der Stadt Sinzig, Clarissa Figura, im SWR-Interview.

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SWR Aktuell: Frau Figura, was macht die Beantragung von zusätzlichen Fördermitteln zum energiesparenden Wiederaufbau für die Betroffenen so schwierig?

Clarissa Figura: Ich nehme wahr, dass die Leute mit der Recherche nach den Fördermitteln und mit der Antragsstellung schnell überfordert sind. Viele brauchen Hilfe. Förderanträge ziehen sich in die Länge, weil Energieberater gesucht werden. Das Problem ist, dass wir einen Personalmangel bei den Energieberatern haben.

Das kann dann sehr frustrierend sein.

Wir bekommen Unterstützung von der Deutschen Vereinigung der Energieberater und auch die Energieagentur unterstützt die Kommunen sehr. Allerdings reicht das Personal bei weitem nicht aus. Es müssen schnell zusätzliche Energieberater ausgebildet werden. Man muss bei den Förderantragen vielleicht auch weitere Gutachter zu Rate ziehen und dadurch verzögert sich der Aufbau wieder. Das kann dann sehr frustrierend sein.

SWR Aktuell: Warum sollten die von der Ahr zerstörten Häuser aus Ihrer Sicht denn schon heute nach den erst ab 2025 geltenden Energiesparstandards wieder aufgebaut werden?

Figura: Der zukünftige Standard ist deutlich besser. Und vor allem wird auch die Nutzung erneuerbarer Energien stärker gefördert. Wer heute eine Heizung nach dem jetzt noch geltenden Standard einbaut, kann in ein zu sanierendes Haus auch noch ein reines Gas-Brennwertgerät installieren. Wäre es da nicht besser, heute schon zu sagen, dass die neue Heizung mit einem hohen Anteil aus erneuerbaren Energien kombiniert werden muss? In wenigen Jahren soll so etwas Standard bei Neubauten sein.

SWR Aktuell: Was muss sich also ändern, um dieses Ziel zu erreichen?

Figura: Einen Bürokratieabbau im Bereich der Klimaschutzmaßnahmen, das wäre sehr hilfreich: Dass wir die Anträge schneller bewilligt bekommen, dass die Anträge einfacher gestaltet werden, dass wir Maßnahmen bündeln können. Wenn man bei der Investitions-und Strukturbank (ISB) direkt einen Antrag stellen könnte, wäre es deutlich einfacher. Im Moment ist es so, dass wir bei zwei verschiedenen Stellen die Anträge einreichen. Das muss dann auseinandergerechnet werden.

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SWR Aktuell: Für besonders effiziente Energiesparmaßnahmen gibt es die Bundesförderung für effiziente Gebäude. Planungen, Baubegleitungen, Dämmungen und Anlagen können dadurch teilweise bis zur Hälfte gefördert werden. Sie wünschen sich für den Wiederaufbau an der Ahr aber eine höhere Förderung?

Figura: Wir haben hier eine große Chance: Wir haben einen großen Gebäudebestand, den wir komplett erneuern und Richtung Klimaneutralität bringen können. Das Beste wäre, wenn wir beim Wiederaufbau der Häuser den neuen Energiestandard zu hundert Prozent finanziert bekämen. Das würde den Bau nach dem neuesten Standard sehr erleichtern. So müssen wir in die Stadtkasse gucken, ob wir das Geld zusammengekratzt bekommen, weil wir hier nicht alles gefördert bekommen, sondern nur einen Anteil. Und dafür müssen wir zusätzliche Anträge stellen.

"Mit den jetzt wiederaufgebauten Gebäuden legen wir die Entwicklung für die nächsten 50 Jahre fest."

Das heißt, wir machen doppelte Arbeit. Man könnte doch sagen: Um die Klimaziele zu erreichen, die das Land ja auch vorgegeben hat, können wir direkt den neuen Standard bauen. Denn mit den jetzt wiederaufgebauten Gebäuden legen wir die Entwicklung für die nächsten 50 Jahre fest. Und die werden wegen Personalmangels und bürokratischer Hürden vielleicht oft nach einem Standard aufgebaut, der schon bald nicht mehr gültig ist.

Das Interview führte SWR Aktuell-Redakteur Michael Lang.

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