Auenlandaschaft zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig (Foto: SWR)

Ahr bietet Lebensraum für seltene Tiere

Hochwasserschutz und Naturschutz an der Ahr: Geht das?

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Michael Heußler

Die Ahr hat bei der Flutkatastrophe eine Trümmerlandschaft hinterlassen. Die neue Landschaft bietet aber auch Chancen - als Fläche für den Hochwasserschutz und für die Natur.

Cosima Lindemann vom Naturschutzbund in Rheinland-Pfalz sagt, die Ahr habe sich im Sommer 2021 quasi ihr natürliches Flussbett zurückgeholt: "Es ist nach so einer Katastrophe nicht leicht, sowas zu sagen. Aber aus reiner Naturschutzsicht gibt es jetzt tolle Flächen, die sich entwickelt haben, weil einfach natürliche Flussentwicklung stattgefunden hat. Und das sind Prozesse, die wir seit vielen, vielen Jahren fordern und die sehr viel Arbeit und Geld kosten, wenn wir versuchen, das mit Menschenhand herzustellen." In den Bereichen außerhalb der Dörfer ist es aus Sicht der Natürschützerin nun wichtig, die Auenlandschaften zu belassen, um der Ahr Raum zu geben.

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Ministerin: Naturschutz spielt wichtige Rolle

Auch Umweltministerin Katrin Eder (Grüne) sagte bei einem Ortstermin im Bad Neuenahrer Stadtteil Lohrsdorf, es liege auf der Hand, dass der Naturschutz bei den Planungen zum Hochwasserschutz eine wichtige Rolle spielen müsse: "Hier an der Stelle hat die Ahr ihr Bett verlagert. Hier sind Sandbänke und Kiesbänke entstanden, wie sie auf Bildern auch 1804 zu sehen waren. Das zeigt, dass das offensichtlich das natürliche Flussbett ist."

An der Stelle zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig wird das Ahrtal etwas breiter. Dort könne man dem Fluss mehr Raum geben, sagt Eder. Das habe für das Gewässer, aber auch für den Naturschutz eine ganz wichtige Funktion.

"Durch die Erosion, die dieses extreme Hochwasser verursacht hat, sind Lebensräume an der Ahr entstanden, die in Rheinland-Pfalz einmalig sind."

Lebensraum für seltene Vögel, Fische und Insekten

In einer Auenlandschaft wie sie dort entstehen könnte, bliebe dann auch Lebensraum für seltene Insekten, Fische und Vögel, sagt Biologe Volker Hartmann von der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord: "Durch die Erosion, die dieses extreme Hochwasser verursacht hat, sind Lebensräume an der Ahr entstanden, die in Rheinland-Pfalz einmalig sind. Auf den großen, neuen Kiesbecken haben sich sofort im ersten Jahr nach der Flut seltene Tierarten angesiedelt. Zum Beispiel der Flussregenpfeifer, der im ersten Jahr sofort die Kieswege genutzt hat, um dort zu brüten."

Uferschwalben könnten die sandigen Böden an den steilen Uferstellen der Ahr für ihre Niströhren nutzen. (Foto: Volker Hartmann SGD Nord)
Uferschwalben könnten nach Angaben von Biologe Volker Hartmann die sandigen Böden an den steilen Uferstellen der Ahr für ihre Niströhren nutzen. Volker Hartmann SGD Nord

Der Biologe ist sich sicher, dass die Ahr in Zukunft auch Lebensräume für Tiere bieten kann, die in Rheinland-Pfalz bis jetzt noch ausgestorben sind. "Wenn man genauer hinschaut, wird man in den nächsten Jahren sicher noch weitere seltene Tierarten finden, die man dort nie erwartet hätte - zum Beispiel die Flussuferwolfspinne."

Konkrete Pläne für den Hochwasserschutz an der Ahr in Arbeit

Bis jetzt liegen keine konkrete Pläne für den Hochwasserschutz an der Ahr vor. Erste Konzepte sind aber beauftragt. Dafür wurde die Ahr nach Angaben des Kreises Ahrweiler in fünf Gebiete unterteilt. Ingenieurbüros sollen jetzt Vorschläge erarbeiten, wie und wo die Ahr bei Hochwasser sicherer gemacht werden kann.

Eine komplexe Aufgabe, die nicht in wenigen Monaten zu lösen ist, sagen Experten wie Holger Schüttrumpf. Der Professor für Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen leitet das "KAHR Forschungsprojekt" zum Hochwasserrisikomanagement nach der Flutkatastrophe. Er könne die Ungeduld der Menschen im Ahrtal verstehen, sagt Schüttrumpf. Die Betroffenen wünschten sich schnelle Ergebnisse.

Holger Schüttrumpf - Experte für Hochwasserschutz an der RWTH Aachen (Foto: SWR)
Prof. Dr.-Ing. Holger Schüttrumpf forscht am Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen. Er begleitet als Leiter des "KAHR-Projektes" die Wiederaufbauprozesse nach der Flutkatastrophe wissenschaftlich.

Allerdings sei guter Hochwasserschutz sehr aufwendig und könne nur gemeinsam gelingen. Die angestrebten Kooperationen zwischen den Gemeinden, Landkreisen und den beiden Bundesländern seien deshalb der richtige Weg: "Was wir in anderen Bereich häufig erleben, ist, dass eine Kommune irgendetwas in Richtung Hochwasserschutz unternimmt und damit aber die Gefährdungslage in der nächsten Gemeinde flussabwärts verschärft," sagt Schüttrumpf. Das dürfe an der Ahr nicht passieren.

"Natürlich werden wir auch zu technischen Bauwerken kommen. Aber das Bedarf wirklich sehr, sehr guter Planung."

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Hochwasserschutz an der Ahr von der Quelle bis zur Mündung

Vom Umweltministerium heißt es, allen sei bewusst, dass es für einen umfassenden Hochwasserschutz nicht reiche, nur einige Flächen am Fluss der Natur zu überlassen. Ministerin Katrin Eder machte deutlich, dass die gesamte Region von der Quelle bis zur Ahrmündung mit einbezogen werden müsse: "Die Ahr hat ein wahnsinnig großes Regeneinzugsgebiet. Das haben wir ja erlebt. Das heißt, wir müssen auch groß in die Fläche. Wir machen jetzt zum Beispiel auch Konzepte für den Wasserrückhalt im Wald, damit das Wasser gar nicht erst in die kleinen Bäche und in die Ahr am Ende hinein gerät. Natürlich werden wir auch zu technischen Bauwerken kommen. Aber das bedarf wirklich sehr, sehr guter Planung."

Umweltministerin Katrin Eder in Lohrsdorf im Ahrtal - Hochwasserschutz und Naturschutz nach der Flut (Foto: SWR)
Umweltministerin Katrin Eder hat sich mit SGD Nord Präsident Wolfgang Treis und anderen Vertretern von Politik und Verwaltung in Lohrsdorf getroffen, um sich ein Bild von der potentiellen Überflutungsfläche zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig zu machen.

Guter Hochwasserschutz an der Ahr braucht Jahre

Auch Wissenschaftler Schüttrumpf betont, dass der Hochwasserschutz an der Ahr nur mit einer Kombination aus naturnahen Maßnahmen und technischen Bauwerken gelingen könne. Für Wasserrückhaltebecken zum Beispiel brauche man aber Genehmigungs- und Planfeststellungsverfahren sowie eine gute Umsetzung: "Und sowas braucht einfach viel, viel mehr Zeit, als man sich das im Ahrtal kurz nach dem Hochwasserereignis vorgestellt hat. Wir reden hier nicht über Monate. Wir reden wahrscheinlich über viele, viele Jahre."

Land, Kreis und Gemeinden wollen nun nach eigenen Angaben gemeinsam Hochwasserschutzkonzepte erarbeiten, bei denen auch eine naturnahe Gewässergestaltung im Mittelpunkt stehen soll. Dafür stehen zunächst 4,3 Millionen Euro aus dem Wiederaufbaufonds zur Verfügung.

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