Es gibt immer weniger Kinderärzte in BW - und immer mehr Arbeit für sie (Archivbild).

Kritik an medizinischer Versorgung in BW

Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis schließen Praxen aus Protest

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Im Rems-Murr-Kreis haben Kinderärzte am Dienstag mit einem Aktionstag gegen die Zustände in ihrem Fachbereich protestiert. Sie fordern mehr Unterstützung von der Politik.

Es ist derzeit sehr schwer in Baden-Württemberg, einen Termin bei einem Kinderarzt oder einer Kinderärztin zu bekommen. Noch schwieriger wird es, wenn man versucht, mit einem Neugeborenen einen Kinderarzt zu finden, der einen aufnimmt. Die Lage sei katastrophal, das sagen nicht nur viele Eltern, sondern inzwischen auch Ärzte. 19 Kinderärzte und -ärztinnen im Rems-Murr-Kreis haben deshalb am Dienstag ihre Praxen nicht geöffnet. Mit diesem Protesttag wollen sie darauf aufmerksam machen, dass es viel zu wenige Kinderärzte gebe. Sie fordern unter anderem Entlastung durch weniger Bürokratie und mehr psychosoziale Beratungsstellen.

Kinderarzt Ralf Brügel aus Schorndorf sitzt in seiner Praxis und gibt ein Interview. Zusammen mit anderen Kinderärztinnen und -ärzten hat er im Rems-Murr-Kreis einen Protesttag organisiert.
Kinderarzt Ralf Brügel aus Schorndorf hat den Protesttag mitorganisiert.

Kassenärztliche Vereinigung: Landkreis ist überversorgt

Laut Kassenärztlicher Vereinigung ist der Rems-Murr-Kreis jedoch, wenn man die Bedarfsplanung heranzieht, sogar überversorgt. Der Versorgungsgrad mit Kinderärztinnen und -ärzten liege bei 112 Prozent. Ein neuer Kinderarzt oder eine -ärztin könnte also gar keine neue Praxis gründen.

Der Sprecher der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis, Ralf Brügel aus Schorndorf, sagte dem SWR, dass diese Rechnung veraltet sei, die Problemlage komplexer. Brügel ist seit 17 Jahren Kinderarzt in Schorndorf und hat den Protesttag am Dienstag mitorganisiert. Denn für ihn ist die Lage dramatisch: Es gebe insgesamt zu wenige Kinderärztinnen und Kinderärzte. Und die Aufgaben hätten dermaßen zugenommen, dass die Kinderärzte die Arbeit nicht mehr hinbekämen, so Brügel.

"Die Aufgaben, die wir im Alltag bewältigen müssen, haben dermaßen an Umfang zugenommen, dass wir die Arbeit nicht mehr hinbekommen."

Pro Kind fielen mittlerweile mehr Vorsorgeuntersuchungen und mehr Impfungen an. Hinzu käme ein höherer Bedarf an psychosozialer Beratung. "Tendenziell haben Eltern weniger Erfahrung im Umgang mit Krankheiten. Die kommen viel schneller zum Arzt", erklärt Brügel. Dadurch falle mehr Arbeit an. Bei der Berechnung der Überversorgung würden all diese Punkte allerdings nicht berücksichtigt.

Vor allem Eltern mit Neugeborenen müssen abgelehnt werden

Brügels Kollege Gerold Remmlinger, Kinderarzt in Weissach im Tal, sagt, er müsse jeden Tag Eltern mit ihren Neugeborenen ablehnen. "Wir nehmen tagtäglich vier, fünf, sechs auf, wo wir sagen, das kriegen wir strukturiert. Aber mehr geht nicht. Irgendwann ist auch meine Freizeit etwas wert. Die muss ich auch haben", so Remmlinger.

Notfälle würden jedoch immer versorgt, so Kinderärztin Silke Bundschuh. Aber alles andere sei nicht mehr garantiert. "Die kontinuierliche Versorgung, also die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, die einfach auch dafür nötig sind, einen gewissen Gesundheitsstandard zu halten, all das ist sicherlich nicht mehr bei allen Kindern kontinuierlich im Moment möglich", so Bundschuh, die ebenfalls in Weissach im Tal praktiziert.

Offener Brief an die Politik

Die Kinderärztinnen und -ärzte haben einen offenen Brief an die Politik und die Kassenärztliche Vereinigung geschrieben. Die Forderung: mehr Studienplätze, weg mit der Deckelung, weniger Bürokratie, mehr Beratungsstellen. Der Beruf soll wieder attraktiver werden. Gerold Remmlinger sagt, Kinderärzte gehörten auf jeden Fall besser gefördert, als es momentan der Fall sei. "Jeder Landwirt und viele andere werden gefördert. Wir kriegen für vieles kein Geld. Und trotzdem haben wir die Arbeit. Machen wir gerne, aber mit der Zeit geht es irgendwann nicht mehr", so Remmlinger.

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