Ein Stethoskop und Kinderspielzeug liegen in einer Kinderarztpraxis. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Britta Pedersen)

Kassenärztliche Vereinigung sieht diverse Gründe

Überlastete Kinderarztpraxen sind in Baden-Württemberg kein ländliches Phänomen

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Ein krankes Kind zu Hause - und keine Fachärztin oder kein Facharzt ist verfügbar. Für viele Eltern eine Horrorvorstellung. Viele BW-Praxen beklagen allerdings wirklich Überlastung.

Viele Kinderarztpraxen in Baden-Württemberg erreichen derzeit ihre Belastungsgrenzen und verhängen immer häufiger einen Aufnahmestopp. Kinder können dann nicht mehr schnell von einer Fachärztin oder einem Facharzt aus der Umgebung behandelt werden, sondern müssen mit ihren Eltern auf oft weiter entfernte Alternativen ausweichen. In Nagold (Kreis Calw) mussten vor kurzem erste Kinder abgewiesen werden. Als neue Patienten werden dort nur noch Geschwister und Neugeborene aufgenommen.

Für Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KV), ist dies aber kein Problem, das nur in Nagold vorhanden ist. Im ganzen Bundesland könnte die Verfügbarkeit von Kinderärztinnen und -ärzten zum Problem werden. Laut Sonntag sind an dieser Entwicklung zwei Faktoren entscheidend beteiligt.

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Erhöhte Nachfrage nach Terminen in Praxen

Für den Sprecher der KV ist es nichts Neues, dass die Nachfrage nach Terminen bei Kinderärztinnen und -ärzten höher ist als das Angebot. Allerdings würde die Nachfrage in den letzten Jahren besonders stark steigen. Das liegt laut Sonntag am "Bevölkerungswachstum in Baden-Württemberg", aber auch an der vermehrten Anzahl von Früherkennungsuntersuchungen (U-Untersuchungen), die Kinder und Jugendliche heute empfohlen werden. "Vor 20 Jahren gab es nur wenige U-Untersuchungen", so der Sprecher. Insgesamt neun werden Kindern bundesweit mittlerweile bis zu ihrem fünften Lebensjahr empfohlen.

Jede dieser Untersuchungen bedeute einen Termin weniger, der einem Kinderarzt oder einer Kinderärztin für andere Tätigkeiten des Berufsfeldes zur Verfügung steht. "Einfach ausgedrückt: Der Zeitaufwand pro Kind steigt in den Arztpraxen", betont Sonntag.

Teilzeitwunsch vieler Ärztinnen und Ärzte wird zum Problem

Der andere Faktor, der zur Verknappung der Kinderarzt-Kapazitäten in Baden-Württemberg führt, sei ein Rückgang an Arbeitszeiten vieler Ärztinnen und Ärzte, die "Arztzeit". Immer weniger junge Medizinerinnen und Mediziner würden sich für eine Weiterbildung in der Kindermedizin entscheiden. Außerdem würden zur Zeit bundesweit viele Kinderkliniken geschlossen, was die Ausbildung in dieser Fachrichtung erschwere. Studierenden, die sich nach einem langen Medizinstudium im Bereich der Kindermedizin weiterbilden wollen, würden hier wichtige Ausbildungsplätze genommen.

Diejenigen, die in das Berufsfeld einsteigen, würden ihre berufliche Zukunft eher in einer Anstellung oder in einer Tätigkeit in Teilzeit sehen, so der Sprecher der KV. "Das betrifft nicht nur Kinderärzte", so Sonntag. Auch in anderen Facharztbereichen existiere dieses Problem. Wenn die Leiterin oder der Leiter einer Praxis in den Ruhestand gehe, könne es zu einem Mangel an Nachfolgerinnen oder Nachfolgern kommen.

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Mangel bei der ärztlichen Versorgung von Kindern auch in Ballungsgebieten in BW

Die aktuelle Situation reiht sich laut Sonntag nicht in das Problem des Fachärztemangels in ländlichen Gebieten ein, das aktuell immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Die schwierige Lage existiere auch in den Städten: "Wir können nicht sagen, dass die Kinderarztversorgung im ländlichen Raum schlechter ist, das wäre schlichtweg falsch." Die Probleme der erhöhten Nachfrage und weniger "Arztzeit" lägen auf dem Land wie auch in den Ballungsgebieten vor.

Die Zahlen der Bundesärztekammer für Baden-Württemberg lassen keinen Rückgang der praktizierenden Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte erkennen. Im Dezember 2021 lag die Zahl der fertig ausgebildeten Medizinerinnen und Mediziner in dieser Fachrichtung bei 3.051. In einer ambulanten Praxis niedergelassen haben sich davon 805. Zwei Jahre zuvor, im Dezember 2019, waren beide Zahlen niedriger. Damals waren von 2.915 Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten 792 in einer Praxis niedergelassen. In den letzten Jahren ist die Anzahl der Behandlungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche in BW zwar gestiegen, doch die Kapazitäten die Ärztinnen und Ärzte sind gesunken.

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