Entspannter zum Baby

Hypnobirthing: Geburt im Trancezustand auch in der Region Stuttgart

Stand

Von Autor/in Olga Henich

Bei Hypnobirthing versetzen sich Frauen bei der Geburt in eine Art Trancezustand. Das soll ihnen die Angst nehmen und schmerzlindernd wirken. Mütter und Experten schätzen den Trend ein.

Hypnobirthing wurde in den 1980er-Jahren in den USA als mentale Geburtsvorbereitung entwickelt und fand im Lauf der Jahre auch in Europa viele prominente Nachahmerinnen. So hat die britische Herzogin Kate sich laut Medienberichten auf ihre Geburten vorbereitet. Auch in der Region Stuttgart werden immer mehr Hypnobirthing-Kurse angeboten. Unter den Frauen gelten sie als Geheimtipp, der sich schnell verbreitet.

Wie funktioniert Hypnobirthing?

"Während es bei einer gewöhnlichen Geburtsvorbereitung vor allem um das Körperliche geht, soll bei Hypnobirthing der Kopf mitgenommen werden", sagt Kursleiterin Nadja Zinnecker. Das Ziel ist, Frauen eine möglichst angstfreie, natürliche und entspannte Geburt zu ermöglichen - im Idealfall ohne Interventionen und Medikamente. "Die Gebärmutter leistet bei der Geburt eine enorme Arbeit, und damit die Muskeln arbeiten können, müssen sie entspannt sein", so die Kursleiterin.

Trend Hypnobirthing
Bei Hypnobirthing versetzen sich Frauen in eine Art Trancezustand. Die Vorbereitung darauf beginnt nicht erst im Kreissaal, sondern schon Wochen zuvor. In ihrem Kurs bringt Nadja Zinnecker (links) den Schwangeren zunächst Atemtechniken bei.

Damit das klappt, lernen die Schwangeren im Kurs verschiedene Techniken kennen und üben diese zu Hause ein. Dazu gehören unter anderem Atem- und Entspannungsübungen, Suggestionen und Selbsthypnose. "Hypnose ist dabei kein fremdbestimmter Akt und hat auch nichts mit Kontrollverlust zu tun", erklärt Zinnecker. Es sei vielmehr die Fähigkeit, sich selbst in einen beruhigenden Trancezustand versetzen zu können. "Eine positive Sicht auf die Geburt kann auch die Geburt verändern", ist Nadja Zinnecker überzeugt.

Es geht darum, Vorfreude statt Angst zu empfinden.

Bei Hypnobirthing gehe es darum, die Geburt mit Vorfreude auf das Kind statt mit Angst zu verbinden, sagt Zinnecker. Das Vertrauen in die eigenen Kräfte zu verinnerlichen, sei dabei wichtig. Wer sich während der Wehen weniger verkrampft und richtig atmet, könne auch die Schmerzen mildern. Auch der Geburtsbegleiter, in der Regel der Vater des Kindes, wird in die Vorbereitung aktiv einbezogen und lernt, wie er die Frau unterstützen kann.

Was versprechen sich Frauen davon?

Die Kursteilnehmerinnen wünschen sich mehr Selbstvertrauen und Wissen für eine entspanntere und selbstbestimmte Geburt. Annett Schön möchte nach einer stressigen ersten Geburt diesmal mehr bei sich sein, Maren Klumpp ihre Angst vor den Wehen verlieren. Jasmin Zeck will lernen, mit den Schmerzen besser umzugehen.

Trend Hypnobirthing
Für den Hypnobirthing-Kurs bedarf es eigentlich keiner Hilfsmittel. Suggestionskarten können den Schwangeren mehr Vertrauen in ihre Urkraft geben. Auch Kerzenlicht kann die entspannte Atmosphäre unterstützen.

Wie unterscheidet sich Hypnobirthing von einer gewöhnlichen Geburt?

Alexandra Sperling ist seit fast 20 Jahren Hebamme an der anthroposophischen Filderklinik im Kreis Esslingen. In dieser Zeit hat sie schon Hunderte Geburten begleitet. Auch Hypnobirthing erlebt sie immer wieder und begrüßt die Entscheidung der Frauen. "Das Positive ist, dass sich Frauen durch den Kurs wirklich mit dem Prozess beschäftigen und dadurch mehr Vertrauen gewinnen", so Sperling. Im Vergleich zu einer gewöhnlichen Geburt versuchen sich die Gebärenden über Musik und verschiedene Autosuggestionen, die über die Kopfhörer oder auf ihrem Lautsprecher laufen, in Trance zu versetzen. Manche tragen dabei eine Schlafmaske. Das Wort "Wehe" wollen einige mit "Welle" ersetzen, da es eine positivere Assoziation hervorrufe und nicht an das Wehtun erinnere, erklärt die Hebamme.

Im Nachtdienst kann man als Hebamme fast einschlafen, wenn die Suggestionen über den Lautsprecher laufen.

In der Regel lässt Alexandra Sperling die Gebärenden in diesem Prozess möglichst ungestört. Wichtig sei aber, dass die Frau auch im Trancezustand ansprechbar bleibe. "Eine gute Kommunikation ist sehr wichtig, weil sich eine Geburt nie vorhersagen lässt", betont die Hebamme.

Trend Hypnobirthing
Als Hebamme begleitet Alexandra Sperling seit 20 Jahren Frauen bei der Geburt. Sie unterstützt die Wünsche der Schwangeren gerne. Die Sicherheit für Mutter und Kind geht dabei immer vor.

Wie groß ist die Nachfrage?

In den Medien erscheinen in den letzten Jahren immer mehr Artikel zum Thema Hypnobirthing. Auch in der Region Stuttgart sieht man immer mehr Kursangebote. Von reinen Online-Kursen, über Präsenz-Kurse in einer Gruppe bis hin zu Einzelsitzungen mit Frau und Partner ist alles dabei. Wie viele Frauen genau den Ansatz verfolgen, wird nicht erfasst. Auch in den Kliniken werden die Geburten unter Hypnose nicht extra gezählt. Geschätzt seien es mehr, sagt Professor Dr. Ulrich Karck. Er ist ärztlicher Direktor der Frauenklinik am Klinikum Stuttgart.

Was kosten Hypnobirthing-Kurse?

Die Kosten für die Kurse liegen im Schnitt zwischen 300 und 500 Euro. Je nach Krankenkasse können sie zum Teil erstattet werden. Nadja Zinnecker empiehlt ihren Teilnehmerinnen, die Rechnung bei der Krankenkasse immer einzureichen: "Manche Kassen erkennen mittlerweile vielleicht, dass durch eine gute Vorbereitung viele Komplikationen und Kosten nach der Geburt vermieden werden können."

Was bringt Hypnobirthing?

Für Lena Eichele aus Mühlacker (Enzkreis) war Hypnobirthing eigenen Angaben nach ein Gamechanger. Nach einer schweren ersten Geburt hat sie sich beim zweiten Kind bewusst für eine Hypno-Geburt entschieden. Anfangs war sie noch skeptisch, der Ansatz könne esoterisch sein. Das Vorurteil habe sich nicht bestätigt. Zwischen der ersten und der zweiten Geburt sehe sie einen riesigen Unterschied: "Die zweite Geburt war wesentlich einfacher und sogar schön."

Ich konnte ganz anders mit den Wehen umgehen und hatte nicht das Gefühl, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren.

Trend Hypnobirthing
Für Lena Eichele war Hypnobirthing ein Gamechanger. Nach einer schweren ersten Geburt wollte sie es mit Hypnobirthing versuchen und war von der Wirkung überrascht.

Nicht nur bei sich habe sie einen positiven Effekt gesehen. Sie glaubt auch, dass ihr Sohn Phil durch die entspanntere Geburt ruhiger und zufriedener sei. Pauschal für alle könne sie das nicht behaupten, in ihrem Fall sehe es so aus.

Ich glaube, dass es eine Rolle spielt, wie man auf dieser Welt ankommt und wie viele Stresshormone man während der Geburt abkriegt.

Was sagt die Medizin dazu? 

Wissenschaftliche Studien, die den Effekt von Hypnobirthing belegen, gebe es noch kaum, sagt Hauke Schütt, leitender Arzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Filderklinik. Lediglich in kleineren Studien sei erfasst worden, dass Frauen, die die Methode in Anspruch nahmen, die Geburt positiver empfanden als Frauen ohne mentales Vorbereitungstraining. Weniger Schmerzen bei einer Hypno-Geburt könne den Frauen also keiner garantieren. Gerade weil eine Geburt nicht planbar sei und es auch bei der besten Vorbereitung anders laufen könne als gedacht. Wichtig sei seiner Meinung nach vor allem eine gute Hebamme. Hypnobirthing könne dann zusätzlich unterstützen.

Hypnobirthing kann helfen, mit Schmerz umzugehen.

Auch am städtischen Klinikum Stuttgart unterstütze man Frauen bei der Hypno-Geburt. Revolutionär sei der Ansatz zwar nicht, aber eine hilfreiche Methode unter vielen, sagt Professor Ulrich Karck, ärztlicher Direktor der Frauenklinik des Klinikums Stuttgart.

Hypnobirthing ist ein Puzzlestein in dem Portfolio von Möglichkeiten für die Geburtsvorbereitung.

Schließlich sei die Methode auch in anderen medizinischen Bereichen mittlerweile etabliert. Zum Beispiel, um Zähne ohne Betäubung zu ziehen. Die Kraft der Selbstsuggestion vergleicht der ärztliche Direktor mit Leistungssport. Sie helfe dabei, die eigene Leistungsfähigkeit abzurufen.

Eine Geburt ist Hochleistung.

Ohne falsche Erwartungen könne man aus dem Ansatz viel über Resilienz und die eigenen Kräfte lernen. Auch über die Geburt hinaus.

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