Die beiden wohnungslosen jungen Frauen Stan und Klinge sitzen auf der Stuttgarter Königstraße.  (Foto: SWR)

Stadtführung in Stuttgart zeigt Beispiele

"Defensive Architektur": Wie die Stadt Menschen ausgrenzt

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AUTOR/IN
Susanne Veil

Immer öfter wird über sogenannte defensive Architektur in Städten gesprochen. Auch in Stuttgart. Verweilen ist nicht vorgesehen. Kommt nun Bewegung in die Debatte und Gemütlichkeit in die Städte?

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Daniel Knaus von der Straßenzeitung "Trott-war" in Stuttgart findet deutliche Worte: Es sei derzeit "perfektes Lungenentzündungs-Wetter". Auf einer Straßenführung der etwas anderen Art möchte er zeigen, wie Stadtplanung und Architektur in Stuttgart obdachlosen und wohnungslosen Menschen den Aufenthalt im öffentlichen Raum besonders ungemütlich machen.

Der Fachbegriff lautet "defensive Architektur": Spikes und Betonklötze verwehren den Zugang zu überdachten windgeschützten Orten. Sitzgelegenheiten sind aus kalten Eisengittern. Einzelne Stühle erlauben nur einer Person das aufrechte Sitzen, Hinlegen ist hier unmöglich.

Ein Beispiel für defensive Architektur in der Stuttgarter Stadtmitte: Sauber, praktisch und ungemütlich.   (Foto: SWR)
Ein Beispiel für defensive Architektur in der Stuttgarter Stadtmitte: Sauber, günstig und unbequem.

Eine solche Stadtmöblierung ist nicht nur ein Problem für Obdachlose, auch für alte und kranke Menschen, Familien oder Menschen mit Behinderung fällt so der Aufenthalt in der Stadt beschwerlicher aus.

Stadtplanung aus den 90er-Jahren

Dahinter steht eine Idee der Stadtplanung aus den 90er-Jahren. Es habe damals berechtigte Bedenken zum Thema Sauberkeit und Sicherheit gegeben, erklärt Frank Eckardt, der eine Professur für Sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar innehat. Städte wie New York hatten noch in den 80er-Jahren mit einer hohen Kriminalität zu kämpfen. "In den 90er-Jahren hat sich dieser Sicherheitsdiskurs sehr stark etabliert. Einhergehend mit dem Wunsch, 'der öffentliche Raum muss sicherer werden und er ist sicher, wenn er sauber ist'." Diese Idee setzte sich gegen andere Bedürfnisse wie Aufenthaltsqualität durch. Eine entsprechende Ausstattung des öffentlichen Raumes war die Folge - und sei bis heute die Norm, die keiner hinterfrage, so der Wissenschaftler.

"Diese Sitzgelegenheiten sind für alle unerträglich. Sie haben keine Lehnen, Sie sitzen allein, weit entfernt von anderen und Sie können nichts daneben stellen, denn es gibt keine Ablage. Das haben wir in der Corona-Zeit gemerkt: Sie können nirgends in der Stadt etwas essen. Die Sitzgelegenheiten geben gar nicht her, dass sie ein Getränk hinstellen, ohne das es verrutscht. Und das ist ganz bewusst so gemacht."

Wohnungslose leiden unter architektonischen Bedingungen

Wie stark besonders Wohnungslose von den architektonischen Bedingungen betroffen sind, wird auf der Stuttgarter Königstraße klar. Eiserne Sitze aus Gittern laden rund um die Platanen der Flaniermeile nicht wirklich zum Niederlassen ein. Stan und Klinge sitzen auf dem Boden vor einem großen Kaufhaus. Sie sind wohnungslos und erklären, was ihnen das Leben leichter machen würde: Gegen die Kälte isolierende Holzbänke mit einer durchgehenden Sitzfläche. Auf einer Bank, erklärt Stan, könnte sie ihre Sachen neben sich abstellen, auf dem Boden hingegen werde alles nass. Doch solche Bänke gibt es auf der Einkaufsstraße keine.

Ebenso wenig werden auf neu gestalteten Plätzen in vielen Städten Holzbänke mit Lehne und durchgehender Sitzfläche aufgestellt. Stattdessen sieht man Betonquader und Eisensitze in allen Variationen.

Auch so kann defensive Architektur aussehen, wie diese Betonquader in Stuttgart-Degerloch. (Foto: SWR)
Auch so kann defensive Architektur aussehen: Betonquader in Stuttgart-Degerloch.

Im neu gebauten Europaviertel neben dem Stuttgarter Hauptbahnhof sind die Kanten von Bänken und Absätzen mit Eisen bewehrt, damit Skaten nicht möglich ist. Auch das ist ein Merkmal von defensiver Architektur.

Daniel Knaus von "Trott-war" führt auch den vor einigen Jahren neu gestalteten Marienplatz im Stuttgarter Süden als negatives Beispiel an. Einsehbar und ohne versteckte Ecken soll der für ein Gefühl der Sicherheit sorgen, die Schattenseite: Schatten gibt es keinen, der Platz heizt sich im Sommer stark auf.

Die Stadt Stuttgart will, dass Menschen mehr verweilen

In den vergangenen 20 Jahren habe mit Blick auf den öffentlichen Raum ein Umdenken eingesetzt, schreibt die Stadt Stuttgart auf SWR-Anfrage. Davor sei die Förderung der kommerziellen Straßenwirtschaften im öffentlichen Raum ein Schwerpunkt gewesen - Cafés also. Der Stadtforscher Eckardt nennt das die "Cappuccino-Kultur", die in den 90er-Jahren Einzug in deutsche Städte gehalten hätte und den öffentlichen Raum kommerzialisiert habe. Wer verweilen wollte, musste dafür also mindestens den Preis eines Cappuccinos bezahlen.

Heute gehe es laut Stadt Stuttgart darum, "ausreichend Flächen für öffentliche Nutzungen vielfältiger Art zu sichern". Dabei will die Stadt auch mehr zum Verweilen einladen und ein "ausreichendes öffentliches Sitzplatzangebot, ohne den Zwang zu konsumieren" schaffen. Beim Projekt "Lebenswerte Stadt" begrünt die Stadt Stuttgart ehemalige Parkplätze oder nutzt den Platz für Fahrradstellplätze, breitere Gehwege für Fußgängerinnen und Fußgänger oder eben Orte zum Verweilen, an denen man nichts konsumieren muss.

Selbstempowerment von Suchtkranken in Stuttgart

Doch wie sieht es aus, wenn wohnungslose Menschen einen Ort selbst für sich beanspruchen? Zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns gründeten Suchtkranke unter der Stuttgarter Paulinenbrücke den Paule Club. Dieser Ort gilt bei vielen Stuttgarterinnen und Stuttgartern als unwirtlich und unbelebt. Doch eigentlich wird er von einem oft vergessenen Teil der Stadtgesellschaft intensiv genutzt: Die Mitglieder des Paule Clubs geben aus einer Holzhütte Essen aus, organisieren Tanzworkshops, halten den Platz sauber und geben aufeinander acht.

Marvin K. ist selbst seit 16 Jahren Teil der Szene unter der Paulinenbrücke. Er erklärt, dass alle hier an Substitutionsprogrammen teilnehmen - manche mehr und manche weniger erfolgreich. Das bedeutet, sie erhalten Substitutionen, also einen Ersatz für die Suchtmittel, von denen sie abhängig sind. Als Suchtkranker sei das Leben nicht leicht. Man werde ausgegrenzt und "muss für alles mehr kämpfen." Um beispielsweise einen Job zu bekommen, müssten Suchtkranke Bescheinigungen vorlegen und einiges an Argwohn überwinden.

Unter der Paulinenbrücke engagiert Marvin K. sich ehrenamtlich, ohne Bezahlung. Er genießt offensichtlich eine gewisse Autorität in der Gruppe. Alle kennen sich hier. Den eigentlich ungemütlichen Ort, über den auf der B27 die Autos rauschen, bezeichnen sie als ihr "Wohnzimmer". Hier sind sie vielleicht ausgegrenzt, aber doch auch mittendrin in der Stadt und einige Sitzgelegenheiten hat die hier auch schon aufgestellt.

Mitarbeit: Svitlana Magazova

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