Buchkritik

Sally Rooney – Schöne Welt, wo bist du

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Alice Kelleher ist 29 Jahre alt und eine berühmte Schriftstellerin. Aber sie ist leider nur erfunden. Und zwar von Sally Rooney, dem Star der amerikanischen Literaturszene. Die hat mit der Heldin ihres neuen Romans einiges gemeinsam: Beide kommen aus Irland, beide haben zwei Bücher geschrieben, Millionen davon verkauft und stecken jetzt in einer Schreibblockade. Mit „Schöne Welt, wo bist du“ konnte Sally Rooney ihre Blockade brechen.

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Ein riesiger Hype, Monate vor Erscheinen des Buches

Hunderte von Dollar - für ein Buch von Sally Rooney, das noch gar nicht erschienen ist. In den letzten Monaten konnte man solche Angebote für „Schöne Welt, wo bist du“ im Internet finden. Verkauft wurden unkorrigierte Vorab-Exemplare, die wenige auserwählte Journalistinnen und Journalisten,  Buchblogger und Influencer bereits im Mai erhalten haben.

Sie inszenierten sich mit dem Buch in den Sozialen Netzwerken; der Neid der Anderen wuchs und so gab es tatsächlich Menschen, die bereit waren, viel Geld für ein Vorab-Exemplar zu zahlen.

Verlage versuchen zwar solche illegalen Verkäufe zu unterbinden, aber andererseits ist das natürlich beste Werbung für das Buch. Und für die Autorin Sally Rooney. Sie ist längst ein Phänomen, das sie gar nie sein wollte. So geht es auch ihrer Figur Alice:

„Ich frage mich jeden Tag, warum mein Leben so geworden ist. Ich begreife nicht, warum ich das ertragen muss - dass man Artikel über mich schreibt und  dass ich Fotos von mir im Internet sehe, dass ich Kommentare über mich lese. Wenn ich es so hinschreibe, denke ich: Das ist alles? Na und? Aber Tatsache ist, obwohl es nichts ist, macht es mich unglücklich und ich will nicht so leben.“

Die Heldin hat viele Gemeinsamkeiten mit der Autorin

Alice Kelleher ist 29 Jahre alt und eine berühmte Schriftstellerin. Vielleicht noch nicht so berühmt wie Sally Rooney. Aber einige Gemeinsamkeiten haben die beiden schon: Beide kommen aus Irland, beide haben zwei Bücher geschrieben, Millionen davon verkauft und stecken jetzt in einer Schreibblockade.

Mit „Schöne Welt, wo bist du“ konnte Sally Rooney ihre Blockade brechen. Ihre Romanfigur Alice hat hingegen seit zwei Jahren kein neues Buch angefangen.

Alices Leben dreht sich um ihre Schreibblockade und eine toxische Beziehung

Nach einem Nervenzusammenbruch in New York nimmt sie sich eine Pause und zieht an die Irische Westküste. Dort lernt sie in einer Dating-App Felix Brady kennen. Auch er ist Ende 20 und auch sein Leben läuft gerade nicht so geschmeidig. Er packt Pakete in einem Warenlager und betrinkt sich seiner freien Zeit mit Freunden.

Felix ist ein schwieriger Typ, unzuverlässig und verletzend Alice gegenüber. Mal meldet er sich lange nicht, um dann wieder high und betrunken nachts vor ihrer Tür aufzukreuzen und Sex einzufordern - alles an ihm schreit nach besonders ungesund ausgeprägter toxischer Männlichkeit:

„Du lässt es nur zu, dass ich mich schlecht benehme, weil du dadurch über mir stehst, und da willst du sein. Oben über den Dingen.“

Das ist das eine Paar in „Schöne Welt, wo bist du“. Das zweite besteht aus Eileen Lydon und ihrem Kindheitsfreund Simon Costigan.

Eileen und Alice sind beste Freundinnen, sie haben sich im Studium in Dublin kennengelernt. Einst gehörte Eileen zu den Jahrgangsbesten, jetzt ist sie Redaktionsassistentin in einem winzigen Literaturmagazin. Simon ist Mitte 30, er ist gläubig, gilt als ein wahnsinnig schöner Mann und arbeitet als Politikberater für Linke Parteien. Eileen und Simon umkreisen sich seit ihrer Jugend, hatten zwar mal eine kurze Affäre, kamen aber bisher nicht so richtig zusammen.

Typische Rooney-Paare: schön, jung und irgendwie interessant

Man kennt diese Paar-Konstellationen aus früheren Rooney-Romanen. Die Menschen sind jung, schön und irgendwie interessant. Gleichzeitig lautet ihr Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Man kann davon ausgehen, dass sich ein großer Teil der Rooney-Fans in diesen Figuren wiederfinden wird. Aber macht das den Hype um ihre Romane aus: Die Möglichkeit, sich in ihnen zu spiegeln?

Im Grunde kreisen ihre Bücher um Erste-Welt-Probleme von gutaussehenden, privilegierten, Weißen Menschen. So ist das auch wieder in „Schöne Welt, wo bist du“. Nur benutzt Rooney hier ihre beiden weiblichen Hauptfiguren, um dieses Problem zu reflektieren.

Alice ist der Meinung, der euro-amerikanische Gegenwartsroman sei schlecht, weil er aus künstlerischen Gründen die harte gelebte Realität der meisten Menschen verdränge. Ihre Freundin Eileen sieht das anders:

„Alice, glaubst du, das Problem des zeitgenössischen Romans ist schlicht das Problem des gegenwärtigen Lebens? Ich stimme dir zu, es erscheint vulgär, dekadent, sogar epistemologisch brutal, Energie in die Trivialität von Sex und Freundschaften zu investieren, wenn die menschliche Zivilisation vor dem Zusammenbruch steht. Aber gleichzeitig mache ich das genau jeden Tag.“

Sex und Freundschaft als Antrieb des menschlichen Lebens und auch für Sally Rooneys Literatur. Ihr Talent ist es, in einer reduzierten Sprache komplexe emotionale Verwicklungen präzise wiederzugeben. Doch man bekommt in ihrem neuen Roman den Eindruck, sie habe deswegen ein schlechtes Gewissen und möchte ihre weiblichen Hauptfiguren nun mit mehr intellektueller Reife ausstatten.

Intellektuelle Dispute verbinden die beiden Frauen

Alice und Eileen schreiben sich lange Mails, in denen sie ihr Privatleben diskutieren und sich als gebildete und reflektierte Menschen beweisen. Ihre Mails erinnern dabei an die wahnsinnig erfolgreichen Essays der Amerikanerin Jia Tolentino. Genauso wie sie, bauen Eileen und Alice eigene Erfahrungen und Alltagsbeobachtungen zu Analysen über unsere Gegenwart aus. Der Siegeszug von Plastik, der Verlust eines Sinns für Schönheit, der Untergang alter Mittelmeer-Kulturen in der Bronzezeit - all das treibt die beiden um. Und sie kommen doch immer wieder zu demselben Schluss:

"Und während die Welt so ist, wie sie ist, und die Menschheit sich an der Schwelle ihrer Auslöschung befindet, mittendrin in alldem sitze ich hier und schreibe schon wieder eine Mail über Sex und Freundschaft. Aber wofür soll man leben?“

Fast entschuldigend klingt das, schließlich geht es bei Rooney auch hauptsächlich um Sex und Freundschaft. Den Titel „Schöne Welt, wo bist du“ hat sie aus einem Gedicht von Friedrich Schiller, darin sehnt sich das Ich zurück nach einer mythischen Zeit, in der Götter noch auf der Erde wandelten.

Ziemlich beste Freundinnen

Bei Rooney ist das Schöne in der Welt noch nicht verflogen, solange es Freundschaften wie die von Alice und Eileen gibt. Da können ihre Beziehungsprobleme mit den Jungs noch so verzwickt sein und die Katastrophen auf der Erde noch so schlimm. Man hat ja sich. Am Ende, nachdem ein paar Tränen geflossen sind und Weingläser durch die Gegend geworfen wurden, geht auch alles gut aus für die beiden Paare.

Es ist eine besonders wohlig wärmende und makellose konstruierte Literatur, die Sally Rooney verfasst. Sie gibt einem das Gefühl, nicht allein zu sein und ganz tief in die Seele einsamer und irgendwie verwöhnter Millennials zu blicken. Und doch kann sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie vor allem eines ist: Wahnsinnig spießig.

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