Verlagsporträt

Der Trabanten Verlag – Eine Erfolgsgeschichte in schwierigen Zeiten

Stand
Autor/in
Peter B. Schumann

Mitten im Corona-Lockdown gründete der 28jährige Literaturstudent Fabian Leonhard den Trabanten Verlag. Was wie ein großes Risiko aussah, entpuppt sich nun als Erfolgsgeschichte: mit Lyrikbänden und einem Schwerpunkt auf spanisch-sprachiger Literatur.

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Er besitzt noch das Flair einer Studenten-Bude, der Raum, der den Verlag im 5. Stock einer Charlottenburger Altbau-Wohnung beherbergt. Spärlich möbliert, an den Wänden Stapel von Büchern und Päckchen bereit zum Versand.

Hier lebt normalerweise Fabian Leonhard, ein sympathischer Typ von gerade mal 30 Jahren. Doch das wird sich bald ändern. Der Umzug an den repräsentativen Savigny-Platz ist für das Frühjahr geplant. Denn der Trabanten-Verlag ist eine Erfolgsgeschichte, wie Verleger Fabian Leonard erzählt.

Leonhard: Wir haben angefangen, als Studenten selber Gedichte zu schreiben, haben Gedichte gesammelt und die ersten kleinen Gedichthefte gedruckt. Das waren ganz kleine Auflagen, 500 Stück am Anfang, und die haben sich so gut verkauft, so dass zum ersten Mal ein bisschen Geld auf dem Studentenkonto war. Und dann standen wir vor der Entscheidung: verreisen von dem Geld oder ... ernsthaft versuchen, einen Verlag aufzubauen. ... Das war ja quasi mitten im Lockdown die Gründung. Dann haben wir diese Anthologie gemacht Lockdown-Lyrik, in der wir Gedichte gesammelt haben von ganz vielen Menschen aus dem Lockdown. ... Das hat auch gut funktioniert, und dann kam halt eins zum anderen.

Wenn Fabian Leonhard im Pluralis Majestatis spricht, umschreibt er bescheiden seine singuläre Funktion. Der Trabanten-Verlag ist bis jetzt ein Ein-Mann-Unternehmen mit einer Zweigstelle in Barcelona, einem der Schaltzentren für spanisch-sprachige Literatur, einem der thematischen Schwerpunkte des Programms. Dort ist ein Freund zu Hause, Oriol Viader, ein Literatur-Agent, mit dessen Hilfe in diesem Jahr der erste große Erfolg gelang mit der spanischen Autorin Irene Solà und ihrem einzigartigen Roman „Singe ich, tanzen die Berge“.

Irene Solà: „Dieser Roman stellt grundsätzliche Fragen nach dem Leben außerhalb der Städte, nach dem Umgang des Menschen mit der Natur und dem Menschen, der alles beherrschen will, Fragen der Gewalt, von Leben und Tod. Ich beschäftige mich aber auch mit dem Problem der Sprache, denn alle Personen im Roman charakterisiere ich besonders durch ihre unterschiedliche Ausdrucksweise. Und ich experimentiere gern mit dem Perspektivwechsel: wer spricht da eigentlich? Außerdem erzähle ich unbekannte, verlorene, verdrängte Geschichten.“

Dieses Buch ist ein Bestseller, in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ihn zu erwerben, war für den kleinen, international noch namenlosen Verlag ein immenses Risiko.

Leonhard: Ich habe ein bisschen tiefer in die Tasche gegriffen, weil ich gesagt habe, wir geben jetzt das gesamte Geld, was wir verdient haben, bis auf den letzten Cent aus und kaufen diese Rechte, weil ich an diesen Text so geglaubt habe, weil der mich so fasziniert hat. Das war schon ein bisschen Glück, glaube ich. Da waren viele Verlage dran, die dieses Buch haben wollten, viele große deutsche Verlage. ... Am Ende des Tages kann ich nicht sagen, warum wir das Buch bekommen haben.

Fabian Leonhard hat alles auf eine Karte gesetzt, 5.000 Exemplare aufgelegt, sie im Sog des Spanien-Rummels der Buchmesse restlos verkauft und soeben eine 2. Auflage drucken lassen. Im nächsten Jahr wird der ibero-amerikanische Schwerpunkt um Autorinnen aus Argentinien und Chile vergrößert und um einen weiteren Roman von Irene Solà, „Die Dämme“, ihr literarisches Debüt. Noch ist das Programm leicht überschaubar, die Bücher sind jedoch nicht zu übersehen und sorgfältig ausgestattet mit farbigen Rücken, Hardcover-Umschlag und Lesebändchen.

Leonhard: Die Cover mache ich mehr oder weniger selber. Das ist sozusagen Chefsache. ... Das ist das, was die Leute im Buchladen zuerst sehen, deshalb ist Design enorm wichtig. Ich finde es total unklug, jedes Buch neu zu machen, man braucht doch einen Wiedererkennungswert. Und die Entscheidung, keinen Schutzumschlag zu nehmen, war für mich von vornherein klar, weil Schutzumschläge nerven mich persönlich, die gehen kaputt, ich knicke die. Ich mag das, wenn das glatt und rein ist.

Nicht mehr als ein Dutzend Titel sind bis jetzt lieferbar. Natürlich werden die lyrischen Anfänge fortgesetzt: um Antikriegslyrik und einen Band mit Gedichten von Irene Solà. Zwei Themen beschäftigen Fabian Leonhard besonders: „Klimakrisen – 9 Perspektiven“ heißt ein Band mit Essays und „Enterbt uns doch endlich“ ein weiteres Buch.

Leonhard: Wir sind ein junger Verlag, wir haben viele junge AutorInnen, und wir müssen natürlich diese Themen anpacken, die uns gerade wichtig sind, die kann ja nur unsere Generation beantworten. Jetzt gerade ist ein Buch herausgekommen zum Thema Erben, weil Erben ein ganz zentrales Thema ist, wenn es um soziale Ungerechtigkeit geht. Und diese Themen müssen von einem jungen Verlag kommen, ... von Autoren, die vielleicht 30, 35 Jahre sind, ... denn wir müssen am Ende die Probleme lösen in 10, 20, 30 Jahren.

Yannick Haan, ein junger Publizist und Vorsitzender der SPD Berlin-Mitte, hatte vor ein paar Jahren eine Erbschaft gemacht, danach festgestellt, dass dies eigentlich sehr ungerecht ist und nach den Ursachen geforscht. „Enterbt uns doch endlich“ heißt sein literarisches Ergebnis.

Leonhard: Es gibt kein Land, wo so viel vererbt wird wie in Deutschland. Erben ist der Faktor, der Arm und Reich immer weiter auseinander trennt, denn die einen erben immer mehr und die anderen überhaupt nicht. Dieses Thema werde ich im nächsten Jahr im Verlag noch weiter stärken.

Der Trabanten-Verlag: ein mutiges und engagiertes Wagnis auf dem deutschen Buchmarkt.

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Autor/in
Peter B. Schumann