Tafel mit Aufschrift "Fachkraft gesucht"

Tarifabschluss in der neuen Arbeitswelt

Meinung: Liebe Arbeitgeber, achtet auf den Wohlfühlfaktor!

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Kirsten Tromnau
Kirsten Tromnau

"Menstruationsfreisetzung" oder 4-Tage-Woche … nur mehr Lohn reicht nicht aus. Die Arbeitgeber müssen kreativer werden, um neues Personal zu finden, meint Kirsten Tromnau.

Im Band "Asterix als Legionär" treten die beiden gallischen Helden Asterix und Obelix in die römische Armee ein und stellen alles auf den Kopf. Herrschte dort vor ihrem Eintritt noch Disziplin, Ordnung und zackiger Kasernentonfall, bemüht sich nun jeder Vorgesetzte um den absoluten Wohlfühlfaktor von Asterix und Obelix. Jeder Arbeitsauftrag wird nur zart und vorsichtig mit verbalen Blümchen angedeutet: Alles kann, nichts muss!

Kirsten Tromnau
Die Meinung von Kirsten Tromnau

So ähnlich wie bei Asterix stelle ich mir unsere Arbeitswelt der Zukunft vor. In einigen Branchen scheinen wir dort schon angekommen zu sein. Der Fahrradhersteller Canyon Bicycles in Koblenz hat nun den ersten Tarifvertrag in der Bike-Branche mit der IG Metall abgeschlossen. Darin sind zusätzliche freie Tage zur Pflege von Angehörigen und Kindern, Inflationsbonus, 37,5 Stunden- statt 40 Stunden-Woche, höherer Lohn, Weihnachts- und Urlaubsgeld und freie Tage für die Periode - eine "Menstruationsfreistellung".

Das ist ja sensationell, dachte ich, als ich das gelesen habe. Noch sensationeller fand ich das Ergebnis, als ich mir die offenen Stellen bei Canyon in Koblenz angeschaut habe. Dort wird so ziemlich jeder gesucht, vom Auszubildenden über Kantinenkraft oder Staplerfahrer bis zum Manager und natürlich jede Menge Zweiradmechaniker.

Doch ich habe meine Zweifel, ob dieser "sensationelle" Tarifabschluss ausreicht, um all diese Stellen zu besetzen. Denn bei tagesschau.de berichtet die Personalberaterin Neele Riemann, dass allein schon das Gespräch mit potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern immer schwieriger wird. Regelmäßig käme es vor, dass Kandidatinnen und Kandidaten mitten im Bewerbungsprozess plötzlich den Kontakt abbrechen. Ghosting nennt sich dieses Benehmen, einfach abtauchen, ohne sich zu verabschieden oder einen Grund zu nennen.

Personalberater erklären dieses Verhalten damit, dass immer mehr Jobsuchende die Qual der Wahl hätten und sich ihren Arbeitgeber aussuchen könnten. Die Unternehmen müssten sich demnach auf die Wünsche ihrer potenziellen Angestellten einlassen und nicht umgekehrt. Das betrifft derzeit natürlich noch nicht alle Branchen, aber es werden zunehmend mehr.

Daher bin ich sehr gespannt auf die Ideen und die Kreativität der Unternehmen in Deutschland, was ihnen künftig einfällt, um Personal zu bekommen. "Menstruationsfreistellung" könnte durchaus zum Standard werden.

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