Projekt Fuge aus Esslingen für Menschen mit Demenz

Besonderes Projekt für Senioren

Esslingen: Mit Tieren kuscheln gegen Demenz und Einsamkeit

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Wenn Erinnerungen schwinden und der Körper schwach wird, fühlen sich viele Senioren einsam. Ein Projekt aus Esslingen soll mit tierisch schönen Begegnungen kleine Wunder bewirken.

Menschen im Alter mit psychischen Erkrankungen wieder ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln und ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern - das hat sich das Projekt "FUGE" aus Esslingen am Neckar zur Aufgabe gemacht. "FUGE" steht für "Freiwillige unterstützen gerontopsychiatrisch erkrankte Esslingerinnen und Esslinger". Beim Unterstützen setzen die Organisatoren auf gemeinsame Unternehmungen an der frischen Luft, Wanderungen und vor allem auf Begegnungen mit Tieren.

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Kontakt mit Tieren löst Verspannungen

Dieses Programm bewirke bei den Seniorinnen und Senioren oft regelrechte Wunder, sagt Barbara Schmid, "Fuge"-Einsatzleiterin. Demente Menschen könnten sich wieder leichter erinnern und würden mehr aus sich herauskommen. Das beobachtet auch der Pfarrer Christoph Schweizer vom Ökumenischen Krankenpflegeverein Esslingen-Nord während der Ausflüge: "Menschen, die du sonst nur verspannt siehst, strahlen plötzlich und wirken frei."

"Der Kontakt zu den Tieren lockert die Menschen auf und macht sie auf eine besondere Art vital."

Erinnerungen werden wieder wach

Bei vielen würden diese Begegnungen mit Tieren auch alte Erinnerungen wecken, sagt Schweizer. "Wenn du in die Schafswolle greifst und da ein lebendiges Tier hast, zu dem du freundlich sein kannst und das zu dir freundlich ist, spürst du Selbstwirksamkeit." So gehe es dem 81-jährigen Klaus Janetzko, sagt seine Frau Renate. Der Kontakt mit den Tieren erinnere ihren an Demenz erkrankten Mann an seine Kindheit auf einem Bauernhof.

Für diese kleinen Glücksmomente nehme das Ehepaar regelmäßig an den Ausflügen und Wanderungen mit "FUGE" teil. "Mit Tieren wirkt mein Mann entspannt und locker. Sonst spricht er nicht viel, aber hier in der Gruppe redet er wieder mit Tieren und Menschen."

"Mit Tieren wirkt mein Mann entspannt und locker. Sonst spricht er nicht viel, aber hier in der Gruppe redet er wieder mit Tieren und Menschen."

Projekt Fuge aus Esslingen für Menschen mit Demenz
Klaus Janetzko streichelt ein Kaninchen bei einem Ausflug mit der Initiative FUGE aus Esslingen. Die Begegnungen mit Tieren bringt ihn und andere Seniorinnen und Senioren oft zum Strahlen.

Landwirte machen Kontakt mit Tieren möglich

Für die Landwirtin Christine Brencher, eine der Kooperationspartnerinnen von "FUGE", lohnt sich der zusätzliche Aufwand: "Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, wie andere Leute Spaß mit den Tieren haben", sagt sie. Sie bietet zum Beispiel Wanderungen und Begegnungen mit ihrer Schafherde an. Nutztiere wie Schafe, Kaninchen oder Hühner eigneten sich ihrer Meinung nach besonders für den Kontakt mit Kindern oder älteren Menschen.

"Diese Beziehung - das Tier braucht mich, und ich brauche das Tier - weckt ein Urgefühl. Und diese Zufriedenheit steckt die Menschen an."

Projekt Fuge aus Esslingen für Menschen mit Demenz
Schafe zu streicheln, rufe bei den Menschen ein Urgefühl hervor. Die Tiere könnten sich bis zu 50 Gesichter merken und möchten dann gerne auch einen Bezug zum Mensch haben.

Die Idee für das Projekt kam während der Corona-Zeit

"FUGE" ist eine gemeinsame Initiative der drei Esslinger Krankenpflege-Vereine. Freiwillige organisieren dabei pflegebegleitende Angebote für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Die Idee für tierische Begegnungen sei den Ehrenamtlichen während der Pandemie gekommen, als Hausbesuche nicht möglich waren, so Schweizer.

Finanziert wird das Projekt durch das Ministerium für Soziales und Integration aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg. Der Esslinger Verein für die Seniorenarbeit "Miteinander-Füreinander" fördert es zunächst für zwei Jahre. Möglich ist dies, weil der Verein seit fünf Jahren jährlich ebenso eine Unterstützung aus der Lore-Mackh-Stiftung erhält.

Bedarf an Therapie und Prävention gegen Demenz wird steigen

Infolge des demografischen Wandels werde die Anzahl an Demenzkranken weiter zunehmen, heißt es seitens der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft. In Deutschland lebten Ende 2021 etwa 1,8 Millionen Betroffene. Sollte in der Prävention oder Therapie der Erkrankung kein Durchbruch kommen, erwarten die Experten im Jahr 2050 aktuellen Schätzungen zufolge bis zu 2,8 Millionen Demenzkranke in Deutschland.

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Künftig will sich auch "FUGE" weiterentwickeln und das Angebot ausbauen. "Engagierte Freiwillige sind im Verein immer willkommen", sagt Barbara Schmid.

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