Am Tatort hat Innenminister Thomas Strobl (CDU) weiße Rosen niedergelegt. (Foto: SWR)

Kommunikationswissenschaftler ordnet ein

Messerangriff in Illerkirchberg: Sensibilität von Politik und Medien gefragt

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Der Angriff auf zwei Mädchen in Illerkirchberg schockiert. Das birgt für Polizei, Politik und Medien große Verantwortung, erklärt ein Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler.

Mit Trauer und Fassungslosigkeit haben Menschen in Baden-Württemberg auf den Messerangriff in Illerkirchberg (Alb-Donau-Kreis) reagiert, bei dem am Montag ein 14 Jahre altes Mädchen getötet und eine 13-Jährige schwer verletzt wurde. In Illerkirchberg selbst überwiegt die Trauer. Doch auch Wut und Angst sind in der 5.000-Einwohner-Gemeinde zu spüren. Da der Tatverdächtige in einer Asylbewerberunterkunft lebt, sei die Verantwortung von staatlichen Institutionen, Politik und Medien umso größer, sagt Wolfgang Schweiger. Er hat den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim inne.

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Mediale Transparenz und ethisches Vorgehen nennt er als wichtige Handlungsleitlinien im Umgang mit solch gesellschaftlich hochbrisanten Fällen. "Weil wir einfach nichts dagegen tun können, dass es viele unethische Akteure gibt. Gerade im Netz haben diese eine unglaublich gute Spielwiese, auf der sie mit dramatisierenden, emotionalisierenden Aussagen eine große Reichweite erzielen", erklärt er.

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Experte stützt kommunikatives Vorgehen der Polizei

Daher sei es auch richtig gewesen, dass die Polizei direkt vor Vorverurteilungen gewarnt habe. "Vermutlich wird das aber nicht sehr viel helfen. Wir wissen ja auch, dass Menschen sich sehr schnell auf der Basis von Hören-Sagen eine Meinung bilden", sagt Schweiger. "Das ändert aber nichts daran, dass die Polizei so etwas öffentlich klar sagen muss."

Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) warnte am Dienstag davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Innenminister Thomas Strobl (CDU) rief zu Besonnenheit auf: "Dieses Ereignis darf kein Anlass und keine Rechtfertigung für Hass und Hetze sein", sagte er. Diese Straftat müsse mit aller Konsequenz aufgeklärt und der Täter mit aller Konsequenz bestraft werden.

Könnte der Fall Auswirkungen auf die Stimmung im Land haben?

Trotz dieser Appelle weist Kommunikationswissenschaftler Schweiger darauf hin, dass solche Taten auch politisch instrumentalisiert werden können. Dies zeige meist vor allem in den entsprechenden Anhängerschaften Wirkung. Allerdings habe die Silversternacht 2015 mit zahlreichen sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof durch Männer, die vornehmlich aus Nordafrika stammten, die Stimmung im Land auch kippen lassen, meint Schweiger.

Dennoch kann der Experte noch keine Einschätzung abgeben, welche Auswirkungen der aktuelle Fall haben wird. "Ich glaube, dass es jetzt noch zu früh ist, um zu beurteilen, ob dieser Fall eine ähnliche Wirkung haben könnte", sagt er und fügt an: "Ich hoffe nicht."

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Heftige Debatten in den Sozialen Medien

Zumindest in den Sozialen Medien wird der Fall schon heftig diskutiert. Während viele Userinnen und User bestürzt reagieren und ihre Anteilnahme ausdrücken, machen andere Stimmung gegen Flüchtlinge. Das überrascht Schweiger kaum. Besonders emotionale Aussagen würden seit jeher am meisten Reichweite erzielen. "Insofern haben es Leute, die solche hasserfüllten oder krassen Aussagen von sich geben, sehr leicht", sagt er.

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Dass sich dies dann teilweise auch in Frustration und Wut in der Gesellschaft widerspiegle, sei ebenfalls kein neues Phänomen, so Schweiger. Früher sei der Ort dafür der Stammtisch gewesen. Nun seien die Sozialen Medien ein anderer Kanal dafür, in dem aber alles noch emotionaler, schneller und hasserfüllter geschehe, erklärt der Kommunikationsexperte. Ein Problem seien dabei vor allem Akteurinnen und Akteure von außen, die früher nicht mit am Stammtisch gesessen hätten, sich nun aus Eigeninteresse aber ebenfalls an der Debatte beteiligten.

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Medien mit großer Verantwortung

Nicht zuletzt deswegen nimmt Schweiger auch die Medien in die Pflicht. In der Berichterstattung müsse der Fall in seinem gesamten Kontext dargestellt und alle relevanten Fakten angeführt werden. Dazu gehöre im Zweifel auch die Traumatisierung eines Geflüchteten. Aber eben auch die Angst der Einwohnerinnen und Einwohner vor solchen Verbrechen. "Wir brauchen eigentlich ethisch agierende Medien. Aber die haben wir nicht vollständig, weil es eben Medien gibt, die solche Fälle immer für Stimmungsmache nutzen", sagt der Kommunikationswissenschaftler.

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