STAND
AUTOR/IN
Thomas Kruchem (Foto: SWR, privat)
ONLINEFASSUNG

Reiche Privatspender manipulieren die Politik der WHO, vor allem seit die USA ihren Beitrag zusammenstreichen. Das schadet Entwicklungsländern – und vielen armen Kranken.

Audio herunterladen (12,9 MB | MP3)

Die Weltgesundheitsorganisation WHO wird mittlerweile zu 80 Prozent von privaten Geldgebern und Stiftungen finanziert. Größter privater Geldgeber ist die Bill und Melinda Gates Stiftung. Seit der Jahrtausendwende hat die Gates-Stiftung der WHO insgesamt 2,5 Milliarden Dollar gespendet – 1,6 Milliarden davon für die Ausrottung von Polio, Kinderlähmung. Insgesamt gibt die Stiftung jährlich vier Milliarden Dollar aus. Das Geld fließt in einen Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, in die medizinische Forschung und in Impfpartnerschaften mit Pharmakonzernen.

Die großen Verdienste der Gates Stiftung sind unbestritten. Problematisch ist, dass Bill Gates durch seine Stiftungen seine Vorstellung von Gesundheitsförderung durchsetzt. So investiert die Gates Stiftung vor allem in technische Maßnahmen gegen Infektionskrankheiten, zum Beispiel in Impfkampagnen und die Verteilung von Medikamenten. Gesundheitsexperten wie Thomas Gebauer von der Hilfsorganisation Medico International kritisieren, dass dadurch andere wichtige Aufgaben vernachlässigt würden – der Aufbau funktionierender Gesundheitssysteme in armen Ländern zum Beispiel.

Der Kampf gegen soziale Ursachen von Krankheit bleibt auf der Strecke

Gesundheit wird nur zu einem geringen Teil durch ärztliches Handeln beeinflusst. Viel wichtiger seien, so Gebauer, die Lebensverhältnisse des Einzelnen. Der Gesundheitsexperte ist überzeugt: Menschen, die ihre Kindheit in Elendsvierteln verbringen, haben eine weit geringere Lebenserwartung als diejenigen, die in wohlhabenden Vierteln aufwachsen. Eine Expertenkommission der WHO kam schon in den 80er-Jahren zu dem Ergebnis, dass die meisten Todesfälle nicht durch Viren oder Krankheiten verursacht werden, sondern durch soziale Ungleichheit.

Zweckgebundene Spenden an die WHO führen dazu, dass der Kampf gegen soziale Ursachen von Krankheit auf der Strecke bleiben, kritisiert Thomas Gebauer. Als Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation Medico International beschäftigt er sich seit Jahren mit den Strategien globaler Gesundheitspolitik.

Die Slums in Afrika wachsen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Carola Frentzen/dpa)
Die Slums in Afrika wachsen picture-alliance / dpa - Foto: Carola Frentzen/dpa

An der Schweinegrippen-Panik verdiente nur die Pharmaindustrie

Als 2009 die Schweinegrippe ausbrach und ein kleines Gremium innerhalb der WHO den globalen Notstand ausrief, produzierten die Pharmariesen im Hintergrund schon ihre Impfstoffe. Mit ihren Warnungen vor der Pandemie löste die WHO eine weltweite Panik aus. Dadurch wurden wiederrum die Regierungen unter Druck gesetzt, ihre Lager rasch mit Impfstoffen und Medikamenten gegen die Schweinegrippe zu füllen. Allein die Bundesregierung kaufte damals Impfstoffe und Grippemittel im Wert von 450 Millionen Euro. Als die Pandemie ausblieb, mussten die Medikamente vernichtet werden. Big Pharma aber hatte Milliarden verdient – auch wenn eine Untersuchungskommission zu dem Schluss kam, die Pharmaindustrie habe die WHO-Entscheidungen zur Schweinegrippe nicht beeinflusst.

Comiczeichnung (Foto: SWR, SWR - Grafik)
Klare Sache? Drei Experten rieten zur Impfung gegen die Schweinegrippe. SWR - Grafik

Geschäftsgewinne aus Big Food und Big Pharma finanzieren die WHO

Bill Gates erwirtschaftet seine Milliarden durch Kapitalanlagen in bestimmten Industriezweigen. Kritiker bemängeln, dass diese Branchen allesamt etwas mit krankmachenden Bedingungen zu tun haben. So hält die Gates Stiftung Aktien von Coca Cola im Wert von 500 Millionen Dollar und Aktien des weltgrößten Supermarktkonzerns Walmart im Wert von einer Milliarde Dollar. Hinzu kommen Beteiligungen an den Nahrungsmittelkonzernen Pepsi Co, Unilever, Kraft-Heinz, Mondelez und Tyson Foods; an den Alkoholkonzernen Anheuser-Busch und Pernod; an den Pharmakonzernen Glaxo Smith Kline, Novartis, Roche, Sanofi, Gilead und Pfizer.

Die Stiftung hält außerdem Anteile im Wert von fast zwölf Milliarden Dollar am Berkshire Hathaway Trust des Investors Warren Buffett. Der Trust wiederum besitzt Aktien von Coca Cola im Wert von 17 Milliarden Dollar und von Kraft-Heinz im Wert von 29 Milliarden Dollar.

Bill Gates (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Microsoft-Mitbegründer Bill Gates gilt mit einem geschätzten Vermögen von 90 Mrd. US-Dollar als der reichste Mensch der Welt. picture-alliance / dpa -

Für die Gates Stiftung bedeutet das: Je mehr Profite die genannten Konzerne machen, desto mehr Geld kann sie für die WHO ausgeben. Für die WHO heißt das wiederrum: Mit jeder Maßnahme gegen gesundheitsschädliche Aktivitäten der Süßgetränke-, Alkohol- und Pharmaindustrie würde die WHO die Gates Stiftung daran hindern, Spenden für die WHO zu erwirtschaften. Kurz, die Weltgesundheitsorganisation steckt in einem klassischen Interessenkonflikt, der sie in ihren Handlungsmöglichkeiten einschränkt und der angesichts ihrer finanziellen Abhängigkeit von der Gates Stiftung kaum aufzulösen ist.

Junkfood (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Werbung für Fastfood in Indien SWR - Thomas Kruchem

Aggressives Marketing von zucker-, fett- und salzreichem Junkfood hat dazu geführt, dass heute zwei Milliarden Menschen übergewichtig sind; 2016 starben alleine in China 1,3 Millionen Menschen an Diabetes. Vom Einfluss der Nahrungsmittelindustrie auf die WHO und der weltweiten Pandemien Fettleibigkeit und Diabetes profitiert derweil auch Big Pharma. Besonders gewinnträchtig sind, unter anderem, Medikamente gegen Folgeerkrankungen falscher Ernährung. Der weltweite Umsatz mit Diabetes-Medikamenten lag 2017 bei rund 55 Milliarden US-Dollar.

Gesundheitsexperte Thomas Gebauer spricht von einer fast schon perversen Arbeitsteilung: Die Konzerne verdienen doppelt: zum einen mit der Verursachung und zum zweitens mit der Behandlung des Problems.

WHO will künftig wenigstens sichtbar machen, wer Einfluss nimmt

Gaudenz Silberschmidt, WHO-Direktor in Genf, will sich künftig für mehr Transparenz einsetzen. Er fordert neue Bestimmungen für das Engagement nichtstaatlicher Akteure: Jeder, der mit der WHO zu tun hat, soll in Zukunft seine Karten offen auf den Tisch legen. Damit wäre die WHO die erste UN-Organisation, die von allen Akteuren, mit denen sie zusammenarbeitet, den gesamten Vorstand, die gesamte Finanzierungsstruktur und deren Aktivität im Internet publiziert.

Produktion 2017/19

22.7.1946 Die Weltgesundheitsorganisation WHO wird gegründet

74 Jahre nach der Gründung ist die Zukunft der WHO ungewiss: „Die größte Gefahr, vor der wir stehen, ist nicht das Virus. Sondern es ist der Mangel Solidarität“  mehr...

SWR2 Zeitwort SWR2

Coronavirus Corona im Slum – Wie die Pandemie die Ärmsten trifft

Bislang wirken die Ausgangssperren in Indien, Südafrika und den Philippinen: Die Infektionsraten sind niedrig. Doch die Bevölkerung leidet. Am schlimmsten sind die Ärmsten betroffen.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Medizin Wie das Coronavirus die Menschen in Südamerika bedroht

Auch in Südamerika ist das neue Coronavirus angekommen. Fachleute warnen vor allem vor der Ausbreitung in den Armenvierteln, wo eine Quarantäne unmöglich ist, weil sich Großfamilien winzige Hütten und mehrere Häuser einen Wasserhahn teilen. Christoph König im Gespräch mit dem ARD-Korrespondenten Ivo Marusczyk  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Pandemie WHO-Experten in Wuhan: Mission unter Dauerbeobachtung

Gemeinsam mit chinesischen Kollegen wollen WHO-Experten herausfinden, wo das neue SARS-CoV-2-Virus ursprünglich herkam, mit dem sich weltweit mehr als 100 Millionen Menschen angesteckt haben. Christine Langer im Gespräch mit der ARD-Korrespondentin Ruth Kirchner.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Kommentar Coronavirus-Pandemie: Die WHO hat nicht alles falsch gemacht

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zu Beginn der Coronavirus-Pandemie Fehler gemacht. Und sie ist natürlich von den Mitgliedsstaaten abhängig. Aber sie ist nicht schuld am Verlauf der Pandemie. Kommentar von Gábor Paál  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Wissenschaft WHO startet neue Technologie-Plattform rund um Covid-19

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert mehr internationale Solidarität im Kampf gegen Covid-19. Deshalb startet die WHO eine neue Technologieplattform, auf der Staaten, Wissenschaft und Unternehmen ihr Wissen rund um Covid-19 mit der Welt teilen können.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Neues Coronavirus: aktuelle Beiträge

Coronavirus Sputnik V: In Russland ist der Impfstoff nicht sehr gefragt

Der russische Impfstoff Sputnik V war bei uns anfangs sehr umstritten, weil wichtige Studien-Daten fehlten. In der EU ist er noch nicht zugelassen, aber die Nachfrage steigt trotzdem. Das freut die Russen. In Russland selbst haben sich bisher allerdings eher wenige impfen lassen.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Medizin Impfen bei der Hausärztin: „Alle waren total glücklich.“

Seit dem 6. April 2021 laufen die Corona-Schutzimpfungen auch in Hausarztpraxen. Mit Erfolg – jetzt bekommen deutlich mehr Menschen pro Tag ihre Impfung. Die Impfungen sind für die Praxisteams allerdings auch mit viel Bürokratie verbunden. Christoph König im Gespräch mit Dr. med. Heidi Weber, 2. Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Medizin Sputnik V: Das ist der Stand beim russischen Corona-Impfstoff

Der russische Impfstoff Sputnik V ist in der EU noch nicht zugelassen, aber schon strecken viele die Finger danach aus. Gesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, dass er mit Russland über den Kauf von Sputnik V verhandeln will. Noch fehlen wichtige Daten für die Zulassung.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2