Valerie Fritsch - Herzklappen von Johnson und Johnson (Foto: Suhrkamp Verlag)

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Valerie Fritsch - Herzklappen von Johnson und Johnson

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Der Familienroman „Herzklappen von Johnson & Johnson“ der österreichischen Schriftstellerin Valerie Fritsch erzählt von verdrängter Schuld und einer quälenden Sprachlosigkeit, die von einer Generation auf die nächste übergeht.

Mit hochpräzisem Blick zeichnet die studierte Fotografin ihre Figuren und überrascht sprachlich mit lyrischen Nahaufnahmen, farbigen Panoramabildern  und Humor.

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Mit artifizieller Sprache fällt Fritsch aus der Zeit

Die 1989 in Graz geborene Schriftstellerin und Fotokünstlerin Valerie Fritsch ist eine literarische Ausnahmeerscheinung unter den jüngeren Autorinnen aus Österreich.

Ihre artifizielle Sprache, die sie zuletzt in ihrem Roman „Winters Garten“ gezeigt hat, scheint einerseits aus der Zeit gefallen zu sein, ist aber andererseits sehr gegenwärtig.

Autorin Valerie Fritsch (Foto: Pressestelle, Martin Schwarz / Suhrkamp Verlag)
Autorin Valerie Fritsch Pressestelle Martin Schwarz / Suhrkamp Verlag

Fritsch studierte Fotografie und gewann zahlreiche Preise

Da sie Fotografie studiert hat, liegt es nahe, der Autorin einen fotografischen Blick auf ihre Figuren zu attestieren. Was in ihrem Fall auch wirklich zutrifft und sowohl Publikum als auch Literaturkritik beeindruckt.

2015 nahm sie am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil und gewann nicht nur den Publikumspreis, sondern auch den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis.

Die Protagonistin sucht beim Großvater nach Antworten

Mit ihrem neuen Roman „Herzklappen von Johnson & Johnson“ betritt sie zunächst ein literarisches Feld, das gut bestellt ist, auf dem allerdings bei Fritsch eine völlig überraschende Ernte eingefahren wird.  

Der Großvater war Soldat und Mörder. Aber von seinen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg erfährt Alma erst, als sie ein Kind zur Welt gebracht hat und endlich Antworten auf ihre Fragen verlangt, die sie seit Jugendtagen quälen.

Es war, als hätten alle Menschen in Almas Leben etwas zu verbergen, die Eltern und die Großeltern, deren Verhältnis untereinander und zur Welt so gespannt war, dass man es gerade noch ertrug.

Auch Almas Großmutter hat Redebedarf

Doch nicht der schweigende Opa offenbart seine Vergangenheit, redet endlich über die traumatisierenden Erlebnisse an der Front und dann in der Lagerhaft.

Alma kommt mit der kranken Großmutter ins Gespräch, die dem familiären Vergessen ein Ende bereiten möchte, um nicht die Geheimnisse des Gatten mit ins Grab nehmen zu müssen.

Sie kannte den Heimkehrer, den Kriegsgefangenen, den Überlebenden, lernte spät aus betrunkenen Geständnissen den Mörder kennen. Dem Menschen davor aber, dem Unversehrten, dem Unschuldigen, war sie nie begegnet.

Fritsch findet einen neuen Zugang zum Genre Familienroman

Die Ausgangskonstellation in Valerie Fritschs drittem Roman ist nahezu genretypisch für den österreichischen Familienroman der vergangenen Jahrzehnte.

Die Grazer Autorin entwickelt aber aus dem Stoff, der von Schuld und mangelnder Sühne handelt, einen Roman, der sich sowohl inhaltlich als auch sprachlich deutlich abhebt von anderen literarischen Reisen in die verbrecherische Vergangenheit der Väter und Großväter.

Welche sozialen Muster werden über die Generationen weitergegeben?

Denn für Alma sind die Berichte der alten Frau, zu der sie eine „späte Liebe“ entwickelt, vor allem deshalb so bedrückend, weil sie befürchtet, die Erfahrungen der Eltern, die sozialen Muster der Großeltern könnten sich auch auf die nächste und übernächste Generation übertragen.

Almas Sohn Emil ist nämlich vollkommen schmerzunempfindlich. Auch wenn es für dieses Phänomen eine medizinische Erklärung gibt, fürchtet sich Alma weniger vor den Folgen der seltenen Genmutation als vielmehr vor einer mythisch-seelischen Verbindungslinie vom großväterlichen Gefühlskrüppel zu ihrem Kind, das ein Schmerzempfinden erst als theatralischen Akt erlernen muss.

Deshalb riss etwas an Alma und jagte ihr Kälteschauer über die Haut, wenn die Verwandten auf Familienfeiern in Emils Gesicht jenes des Großvaters wiedererkannten.“

Alma ringt mit den Dämonen der eigenen Familie

Dem Großvater wurden Herzklappen von einer Firma namens Johnson & Johnson eingesetzt, und auch Emil überlebt nur mit viel Medizintechnik im Körper. Aber was heißt das schon? Für Alma sehr viel.

Gerade weil sie ihre Herkunft vollends verneint, sind die Dämonen der eigenen Sippe wirkmächtiger denn je. Wenn über diesen Roman gesagt wird, er sei sprach- und bildmächtig, ist das keineswegs eine Feuilletonphrase.

Die oft surrealen Szenen werden sprachlich abzufotografiert

Valerie Fritsch weiß ihre Doppelbegabung als Schriftstellerin und Fotografin wirklich zu nutzen: Mit nahezu digitalpräzisen Sätzen scheint sie die bestürzenden und oft surrealen Szenen sprachlich abzufotografieren.

Was zwangsläufig dazu führt, dass manche Figurenbeschreibungen zu verbalen Hinrichtungen werden, etwa wenn es über die kontrollsüchtige Mutter heißt, dass sie:

…jeden Dienstag die Regale abstaubte, bevor die Putzfrau jeden Mittwoch kam.

Sätze, die man zitieren möchte

Die distanzierte Erzählperspektive, die sich keineswegs allwissend gibt, verstärkt diesen Effekt und lässt eine Literatur mit vielen markanten Formulierungen entstehen.

Die Motive sind so gut durchgearbeitet in dieser Prosa, dass man ständig geneigt ist, Sätze zu unterstreichen, um sie später zitieren oder in sozialen Medien teilen zu können – wie das in unserer visuell gesteuerten Welt zumeist mit Fotos geschieht.

Fritsch beherrscht den sprachlichen Radikalzoom. Die lyrische Nahaufnahme geht schnell über in ein farbenprächtiges Panoramabild, und weil die Autorin mit immer neuen Einstellungen überrascht, entsteht eine verstörende Unruhe, die gut zu den Figuren passt, die auch keinen Frieden finden.

Fritsch fotografiert die Sprache

So fotografisch die Sprache, so visuell auch die anderen Vergleichsmittel im Roman. Immer wieder verweist Fritsch auf die Inszenierung des Geschehens, auf das Bühnenhafte der Geschichte:

Alma wurde die Idee nicht los, dass man für sie Theater spielte.

Und zwar schlechtes. Almas Eltern gaben selten das liebende Ehepaar, übernahmen auch nur widerwillig ihre Rollen von Vater und Mutter.

Der Familienroman entwickelt sich zum Drama

Wenn bei der Geburtstagsfeier des Großvaters die greisen Gäste, als schweigende Täter vereint, auf weißen Plastiksesseln saßen, „enthoben, unerreichbar“, dann bezeichnet die Erzählstimme diese Zusammenkunft als „Weltraumkammerspiel“.

So entwickelt sich der Familienroman schon bald zum bösen Gespensterdrama, was nicht nur an Almas Mutter liegt, die tagsüber die biedere Ordnung sucht, als Schlafwandlerin auf dem Friedhof aber nächtliche Besucher erschreckt.

An manchen Stellen ist auch Platz für Humor

Ob die Menschen als Untote durchs eigene Leben geistern oder als Verstorbene die Träume der Nachgeborenen stören, wenig scheint wirklich und wahrhaftig zu sein in Almas Welt, bis sie endlich Friedrich kennenlernt.

Sie sahen sich selten, und so war es eine Lust, der die Entbehrung vorausging. Sie fasteten aneinander, hungerten über Wochen, bis sie sich wieder trafen, und blieben doch höflich und zurückhaltend, wenn sie sich endlich umarmten, um dem jeweils anderen nicht die Last der eigenen Bedürftigkeit aufzubürden.

Mit den Beschreibungen dieser innigen Liebe wird Fritschs Prosa weicher und mitfühlender. Manchmal zieht sogar Humor in den Roman ein.

Die Nähe zum Geliebten wird zum Problem

Alma stellt zum Beispiel lustige Listen zusammen, auf denen sie festhält, was sie vermisst, wenn Friedrich nicht bei ihr ist. Denn der Geliebte wohnt nicht am selben Ort, ist als Fotograf ohnehin ständig unterwegs.

Als die Fernbeziehung dann überwunden ist, wird allerdings auch die Nähe zum Problem.

Es trieb sie in den Wahnsinn, wenn er nachts, in der kalten leuchtenden Tür des Kühlschranks stehend, Sauergemüse direkt aus dem Glas aß, die blassen Finger in der Lake, und ohne die Hände gewaschen zu haben wieder ins Bett kam.

Alma unternimmt eine Reise in die Vergangenheit ihres Großvaters

Dass Alma und Friedrich wirklich zusammen gehören und dass auch ein Faible für Essiggurken daran nichts ändern wird, erfahren die beiden einerseits in der mühevollen Sorge um den kranken Sohn Emil, der sich schon mal als Superman begreift, weil er sich Stifte durch die Hand bohren kann, ohne irgendwas dabei zu spüren.

Andererseits bricht die junge Familie im entscheidenden Moment zu einer großen Reise auf: Alma möchte jenen Ort besuchen, der für den Großvater zur vielfachen Pein wurde.

Endlich findet Alma Antworten auf ihre Fragen

Doch nicht das ehemalige Lager im heutigen Kasachstan, sondern der lange Weg dorthin wird schon bald zum Ziel für die drei, die auf der abenteuerlichen Fahrt dicht aneinanderrücken.

Dieser Aufbruch ins Glück ist die eigentliche Antwort auf die Fragen, die Alma ihren Eltern und Großeltern gestellt hat. Das generationsübergreifende Kriegstrauma verblasst und scheint bald nicht mal mehr als erzählerische Spiegelung für die Reisenden eine Rolle zu spielen.

Am Ende steht ein Lachen

Statt ödes Familientheater, das sich um Vergangenes dreht, gibt es das wilde und skurrile Leben im Hier und Jetzt. Die Leere weicht, am Ende steht ein Lachen.

Valerie Frisch hat mit „Herzklappen von Johnson & Johnson“ einen Roman geschrieben, der gerade in seiner anspruchsvollen Formensprache überzeugt, der im kalten Prosafluss gekonnt kleine Wärmeinseln einbaut und damit an den wichtigen Stellen zu berühren und zu unterhalten vermag.  

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