Kommentar

Sieg der „Wechselkröte“ - Ana Marwan gewinnt den Bachmannpreis 2022

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AUTOR/IN
Carsten Otte

Auf den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ging es um unwirkliche Welten: Juan S. Guse lieferte in diesem Genre das beste Stück, den Bachmannpreis aber gewann die Autorin Ana Marwan mit ihrer eher konventioneller Erzählung „Wechselkröte“.

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Ein Schauspieler fährt zu einem „Nennen-wir-es mal-Schauspieljob“ nach „Nennen-wir-es-mal-Karlsruhe“

So viel Merkwürdiges war selten beim Bachmannwettbewerb. Leon Engler, der in seiner Autorenvita angab, „Pommesverkäufer, Wildnisführer und Hotelier“ zu sein, ließ in seinem mit dem 3sat-Preis prämierten Beitrag einen Schauspieler durch ein unwirkliches Deutschland fahren, nämlich zu einem „Nennen-wir-es mal-Schauspieljob“ nach „Nennen-wir-es-mal-Karlsruhe“.

Das Spiel mit dem Gefühl, in einer großen Simulation beziehungsweise in einer irren Welt am Abgrund zu leben, wurde auch von dem Wiener Autor, Musiker und Spoken-Word-Künstler Elias Hirschl aufgegriffen, der in einer rasanten, aber plakativen Erzählung mit dem Titel „Staublunge“ von einem Start-Up-Gründer erzählte, dessen Vater vom Kohlenstaub getötet wurde und der nun – als habe er nichts gelernt – sich und seine kaputte Umwelt mit einer schlimmen New-Economy-Optimierungslogik malträtiert. Die Fans jubelten nicht nur auf Twitter über den Auftritt und gaben Elias Hirschl den Publikumspreis.

Der eindrücklichste Schlusssatz des Wettbewerbs: „Noch nie hatte sie eine solche Angst vor einer Stange Toblerone“

Der mit Abstand beste Text in diesem Genre, das von (hyper-)realen Unheimlichkeiten handelt, lieferte der von Jurorin Mara Delius eingeladene Autor Juan S. Guse, der gerade im „Bereich der Organisationssoziologie zur formal organisierten Auf- und Abwertung von Menschen“ promoviert.

„Im Falle des Druckabfalls“ heißt die Geschichte, in der ein überfordertes Forscherteam gerade erst entdeckte Menschenwesen aufsucht, die im wilden Taunus angeblich isoliert und unbemerkt von der Zivilisation leben, keine Kleidung, aber „etwas Helmartiges auf ihren Köpfen tragen“ und die, man mag es kaum fassen, sich in ihrem abgeschiedenen Kosmos den Frankfurter Flughafen nachgebaut haben.

Die verwirrte Expeditionsteilnehmerin Inès betritt das irreale und doch so bekannte Gebiet, steigt gar in ein Flugzeug, „das einer 747 nachempfunden“ war, in dem es echt-unechte Snacks gibt. „Noch nie hatte sie eine solche Angst vor einer Stange Toblerone“, denkt Inès und der eindrücklichste Schlusssatz des Wettbewerbs stand fest.

Angesichts so vieler Eigentümlichkeiten rund um und auf den Bachmannbühnen war die Entscheidung, das in der Jury-Diskussion hochgelobte Prosastück nicht mit dem Bachmannpreis auszuzeichnen, lustigerweise zu erwarten. Immerhin gab es den Kelag-Preis für Juan S. Guse, was wie ein rätselhaftes Happy-End aus einem Guse-Werk wirkte.

Aus dem Text von Alexandru Bulucz könnte ein Großwerk gelingen

Ein schwer zu fassendes und gerade deshalb beeindruckendes Sprachkunstwerk stellte der in Rumänien geborene und heute in Berlin lebende Dichter Alexandru Bulucz vor. Sein Beitrag „Einige Landesgrenzen weiter östlich, von hier aus gesehen“ handelt von der Suche nach der verlorenen Zeit eines halt- und heimatlosen Protagonisten. In dessen Erinnerungswelt sind selbst die schönen Madeleines nur Schlachtabfall aus Gänsefett.

Diese Erzählung ist gewiss ein literarisches Versprechen, aus dem gehörten Ausschnitt könnte ein Großwerk gelingen. Das reichte aus geheimnisvollen Gründen ebenfalls nicht für den Hauptpreis, sondern nur den zweiten Platz und damit den Deutschlandfunk-Preis.

Ana Marwan setzte eher auf minimalistische Sprache und eine überschaubare Konstruktion

Die Geschichte der aus Slowenien stammenden und heute in Österreich lebende Ana Marwan setzte eher auf minimalistische Sprache und eine überschaubare Konstruktion. In „Wechselkröte“ beschrieb sie eine vereinsamte Frau auf dem Lande, die auf den Briefträger wartet, weil der ihr neue Blusen bringt. Ein Gärtner und ein Poolmann tauchen noch auf, irgendwann ist die Frau schwanger, während ein nicht näher beschriebener Gatte durch Abwesenheit glänzt.

Ein klassischer Bachmanntext mit schön schwebenden Sätzen, der allerlei Tiermotive, Landschaftsbeschreibungen mit einer weiblichen Identitätssuche kombiniert. Und da war sie, die überraschende Siegerin, die Bachmannpreisträgerin 2022!

Die Performerin Mara Genschel hatte sich einen Schimanski-Schnurrbart auf die Oberlippe geklebt

Bei diesem Wettbewerb konnte man sich noch nicht einmal auf die bekannten Frontstellungen in der Jury verlassen. Ausgerechnet Philipp Tingler, dessen rüpelhaftes Auftreten zuletzt heftig kritisiert wurde, durchbrach das befremdliche Jury-Wohlwollen bei vielen mittelmäßigen Texten, indem er weitgehend sachlich Detailkritik betrieb und dann auch von Insa Wilke unterstützt wurde.

Die Jury-Präsidentin unterlief ebenso alle Erwartungen, indem sie die Performerin Mara Genschel einlud: Die Bonnerin hatte sich einen Schimanski-Schnurrbart auf die Oberlippe geklebt und trug in einem bewusst dilettierenden Gestus und betont peinlich amerikanisch-niederländischen Akzent einen eher hilflosen Text über den missglückten Versuch vor, einen Krimiplot fürs deutsche Fernsehen zu schreiben.

Mara Genschel zeigte Philipp Tingler den Mittelfinger: das Bachmann-Skandälchen

Der Auftritt ermüdete bald, sorgte aber noch für einen verrückten Disput mit Tingler, der wie alle in der Jury von einer Performance sprach, von der Auftretenden aber wegen dieser angeblich falschen Einordnung ihrer Showeinlage angegangen wurde. Dass Genschel dem Juror zudem den Mittelfinger zeigte, komplettierte den auf Provokation angelegten Auftritt, der sich auf fast schon konventionelle Weise in die Liste ähnlicher Bachmann-Skandälchen eintrug.

So viel Normalität war letzten Endes auch wieder beruhigend, ansonsten hätte man diese Ausgabe des Klagenfurter Literaturwettstreits gänzlich für eine Simulation halten können.  

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