Buchkritik

Sayaka Murata – Zeremonie des Lebens

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AUTOR/IN
Isabella Arcucci

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Bizarr und surrealistisch – das sind die zwölf neuen Kurzgeschichten von Sayaka Murata. "Zeremonie des Lebens" heißt der Band ein wenig bieder. Doch hinter dieser farblosen Fassade springen schüchterne Mittelschülerinnen, selbst ernannte Magierinnen und sexbegeisterte Endsiebzigerinnen umher. Ein Personal, wie man es auch in Sayaka Muratas preisgekrönten Romanen antrifft.
Rezension von Isabella Arcucci.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Aufbau Verlag, 285 Seiten, 22,70 Euro
ISBN 978-3-351-03931-8

Kumi hat endlich einen Mann gefunden – und nun droht das erste Abendessen mit den Schwiegereltern in spe. Kumis ältere Schwester zumindest macht sich Sorgen, vor allem, weil Kumi etwas aus ihrer „Heimat“ kochen will. Denn sie behauptet steif und fest, gar kein Mensch zu sein, sondern eine Zauberin aus der magischen Stadt Dondilas. Klingt verrückt – und sehr nach Sayaka Murata. Die preisgekrönte Autorin ist in ihrer Heimat Japan berühmt berüchtigt, und auch das deutschsprachige Lesepublikum konnte sie bereits mit zwei Romanen begeistern – und verstören. Weibliche Außenseiter, denen jede normale menschliche Regung fehlt, brave Angestellte, die sich für Außerirdische halten, beunruhigend frühreife Kinder, Ausbrüche von Wahnsinn und Kannibalismus – auf so was muss man gefasst sein, wenn man ein Murata-Buch in die Hand nimmt.

Auch in ihren nun auf Deutsch vorliegenden zwölf Kurzgeschichten geht es aberwitzig und drastisch zu. Im Zentrum stehen weibliche Hauptfiguren: weltentrückt wirkende Frauen, wie die eingangs beschriebene Kumi, schüchterne Mittelschülerinnen bis hin zur sexbegeisterten Endsiebzigerin. „Zeremonie des Lebens“ heißt der Band, und er ähnelt einem Gruß aus Muratas literarischer Küche, denn viele Motive aus ihren Romanen werden hier in Kurzform neu arrangiert. Für erfahrene Murata-LeserInnen bietet das neue Buch daher leider wenig Überraschendes. So findet sich gleich in zwei Kurzgeschichten ein Kernthema aus dem zuletzt auf Deutsch erschienen Roman „Das Seidenraupenzimmer“ wieder: die verklärte Kindheitserinnerung an Ferien bei den Großeltern auf dem Land.

In der Geschichte „Die essbare Stadt“ dann geht die Ich-Erzählerin nach Büroschluss zwischen Betonklötzen und Abgasen auf „Wildkräutersuche“, um ein ursprüngliches Leben zu beginnen, wie sie es in ihrer Kindheit bei den Großeltern in den Bergen der Präfektur Nagano kennenlernte. Das wirkt rührend. Oder will sie womöglich eine unheimliche Öko-Sekte gründen? Diese Doppelbödigkeit ist typisch für Muratas Erzählstil. Neben weiblicher Selbstbestimmung ist ihr Hauptthema auch in diesem Erzählungsband die moderne Leistungsgesellschaft. Murata entwirft düster-phantastische Dystopien und entlarvt damit ein auf maximale Effizienz ausgerichtetes System, in dem Menschen wie Zahnräder funktionieren, abgeschnitten von den eigenen Gefühlen und Instinkten.

In der Kurzgeschichte „Ein herrliches Material“ etwa werden Tote zu Möbeln oder auch zu Eheringen verarbeitet. Das ist vernünftig, umweltfreundlich und sogar tröstlich, so der gesellschaftliche Konsens. Wer da nicht mitkann, gilt als Sonderling. In der titelgebenden Geschichte „Zeremonie des Lebens“ geht Murata sogar noch einen Schritt weiter. Hier werden frisch Verstorbene zu Eintöpfen verkocht und an die Trauergemeinde verfüttert. Kannibalismus, auch das kennt man schon aus Muratas letztem Roman. Nach dem „Leichenschmaus“ ist dann Zeit für Geschlechtsverkehr, denn wo ein Mensch tot ist, muss ein neuer produziert werden. Horror-Fans, die sich jetzt auf eine deftige Splatter-Sexorgie freuen, werden jedoch schwer enttäuscht sein von Frau Nakano, die mit formvollendeten Manieren ihren verblichenen Gatten serviert. Und wenn sich dann das erste Pärchen von der Tafel erhebt und unter Verbeugungen ankündigt „Wir gehen jetzt und vollziehen die Befruchtung“, wähnt man sich glatt in einem Loriot-Sketch. Es ist dieser feine Humor, der Muratas Texten, trotz ihrer düsteren Phantastik, eine Leichtigkeit verleiht und uns LeserInnen immer wieder große Lesefreude beschert. Dennoch erreichen ihre zwölf neuen Kurzgeschichten nicht ganz das Niveau der Romane. Manche Motive sind, wie gesagt, auch bereits bekannt. Muratas Phantastik hat in der Kurzform nicht genug Raum, um sich langsam und hypnotisch zu entfalten, wodurch einige Geschichten überladen, und lehrstückhaft konstruiert wirken.

Für LeserInnen jedoch, die sich erst einmal probierhäppchenweise an den bizarren Murata-Kosmos herantasten möchten, ist dieses Buch ein guter Einstieg.

(Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.)

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Isabella Arcucci