Martin Walser während einer Lesung am 18.11.2018 im Stuttgarter Literaturhaus (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Ulf Mauder)

Zum 95. Geburtstag von Martin Walser

„In dem Augenblick, in dem ich schreibe, bin ich unsterblich“

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AUTOR/IN
Frank Hertweck

Am 24. März 2022 wird Martin Walser 95 Jahre alt. Er ist neben wenigen anderen einer der prägenden Schriftsteller der bundesrepublikanischen Epoche. Aber er war nie nur das, nie ein reiner BRD-Schriftsteller, wie so viele seiner Generation, sondern einer, der sich sehr früh in Romanen mit der deutschen Einheit auseinandergesetzt und immer an sie geglaubt hat – sozusagen sein Alleinstellungsmerkmal.

Walsers Bücher wie „Ein fliehendes Pferd,“ (1978), „Verteidigung der Kindheit“ (1992), „Ein liebender Mann“ (2008), „Muttersohn“ (2011) waren Bestseller, seine Essays und Interviews Aufreger ihrer Zeit.

Als Intellektueller war er einer, der immer unabhängig dachte und sich nicht vor umstrittenen Positionen scheute. Allein seine Auseinandersetzungen mit der deutschen NS-Vergangenheit und dem Holocaust haben eine Epoche geprägt von „Unser Auschwitz“ (1965), „Auschwitz und kein Ende“ (1979) bis hin zur Friedenspreisrede 1998.

Anfang März hat das Deutsche Literaturarchiv Marbach den Vorlass von Martin Walser erworben.

Gespräch über Martin Walser mit SWR2 Literaturchef Frank Hertweck:

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Eine Novelle über einen katastrophalen Segeltörn, der Leben verändert, und gleichzeitig eine Fahrt ins private Glück: Mit „Ein fliehendes Pferd“ von 1978 schreibt Martin Walser endlich seinen ersten Bestseller.  (Foto: SWR)
Eine Novelle über einen katastrophalen Segeltörn, der Leben verändert, und gleichzeitig eine Fahrt ins private Glück: Mit „Ein fliehendes Pferd“ von 1978 schreibt Martin Walser endlich seinen ersten Bestseller. Bild in Detailansicht öffnen
Das Porträt des Künstlers als junger Mann (1978) imago0051759990h / Bildcredit: IMAGO / Sven Simon / Martin Walser, 21.04.1978 Bild in Detailansicht öffnen
„Clowns sind wir / Der Zirkus heißt Kultur / Die Nummer heißt / Watschen mit Gesang / Streicheln dürfen wir uns nur / draußen im dunklen Gang.“ – Martin Walser zum 65. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki. (1985) Bild in Detailansicht öffnen
Nichtrauchen ist für Martin Walser ein Fremdwort. Auch wenn er nicht raucht, muss die Möglichkeit dieses Genusses genossen werden. Darum kann er nicht aufhören. imago0050242674h // 10.02.1989 // Bildcredit: IMAGO / Jürgen Ritte Bild in Detailansicht öffnen
Geboren am Bodensee, am Bodensee lebend, zwischen dem Geburts- und dem Wohnort liegen knapp 50 km. Aber man kann auch in die andere Richtung fahren, um sie zu verbinden - so geschehen in der Dokumentation „Mein Diesseits – Unterwegs mit Martin Walser“ (2017). imago0146995086h // vom 28.08.1995 // Bildcredit: IMAGO / Wolfgang Maria Weber Bild in Detailansicht öffnen
Die Friedenspreisrede von 1998: Es gibt sein Leben davor und danach. Ab jetzt wird man nie mehr neutral über Martin Walser sprechen können – bis heute. In seiner Dankrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hatte Walser mit Blick auf die deutsche NS-Vergangenheit unter anderem von einer "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" gesprochen. In den hitzigen Debatten nach dieser Rede wurde Walser von manchen Antisemitismus und Verharmlosung der Verbrechen im Nationalsozialismus vorgeworfen. Später räumte Walser ein, zu Missverständnissen Anlass gegeben zu haben. Er bedauerte, die Rede so gehalten zu haben und nannte sie einen "Fehler". - Welche Auswirkungen die Rede hatte, zeigt auch die Fernseh-Dokumentation "Martin Walser - Eine Deutschlandreise". dpa113041211 Bild in Detailansicht öffnen
Ein Leben im Zug. Martin Walser auf seiner „never ending Lesetour“. Dienst am Buch nennt man das. ard-foto s2-intern/extern Bild in Detailansicht öffnen
Martin Walser zusammen mit Autor und Regisseur Frank Hertweck beim Dreh des Dokumentarfilms „Martin Walser – Eine Deutschlandreise“ 2001/2002. Anlass: Der 75. Geburtstag am 24. März 2002. ard-foto s2-intern/extern Bild in Detailansicht öffnen
Berliner Ensemble 2001: Nach der Friedenspreisrede kommt es auf der Lesereise mehrfach zu Tumulten. Walser liest unter Polizeischutz. Bild in Detailansicht öffnen
„Der Lebenslauf der Liebe“, die Geschichte von Susi Gern. Das Signieren, der zweite Teil jeder Lesung, und mindestens genauso ausdauernd betrieben. Bild in Detailansicht öffnen
Martin Walser auf der Bühne: „Der Ich-Erzähler“. Ein Leben für die und in der Öffentlichkeit. Das Private ist nicht politisch, sondern das Politische privat. imago0051331463h // 12.07.2006 // Bildcredit: IMAGO / Hoffmann Bild in Detailansicht öffnen
Martin Walser und Günter Grass: die Dioskuren der deutschen Nachkriegsliteratur, politisch lange Weggefährten, aber über der deutschen Einheit entzweit. Nur einer von beiden hat den Literaturnobelpreis bekommen. Gruppe47_imago0052521860h // 15.06.2007 // Bildcredit: IMAGO / Christian Thiel Bild in Detailansicht öffnen
„Ein Leben für Alle und Keinen“, so lautet der Untertitel von „Also sprach Zarathustra“. Ein Motto für Friedrich Nietzsche und für den bekennenden Nietzscheaner Martin Walser. imago0054592816h // 15.10.2010 // Bildcredit: IMAGO / Köhn Bild in Detailansicht öffnen
Zu Walsers 85. Geburtstag fand im Literaturhaus Stuttgart eine Veranstaltung statt, die dann die Rahmenhandlung der TV-Dokumentation "Martin Walser - Ein Leben für Alle und Keinen" bildete. Ein Lesespiel anhand des Gesamtwerks: Die Zuschauer bestimmten Band und Seitenzahl, Walser las und kommentierte. Eine ganz gegenwärtige Reise in die Vergangenheit, moderiert von Thea Dorn. Bild in Detailansicht öffnen
Walsers 90. mit Denis Scheck als Chauffeur. Eine mehrtätige Autofahrt durchs Walserland am Bodensee, eine biographische Spurensuche: Landschaft als Inspiration von Literatur. Das Kennzeichen FN – MW 27: Friedrichshafen, Martin Walser, geboren 1927. Bild in Detailansicht öffnen
Dreharbeiten zu „Mein Diesseits“: Ein Auto, Autor, ein Literaturkritiker als Fahrer und Fragender, ein Gesamtwerk auf dem Rücksitz und ein stiller Beobachter. Bild in Detailansicht öffnen
Spielbank Friedrichshafen: Denis Scheck und Martin Walser beim Dreh zu „Mein Diesseits“. Das Geld war Fake, aber die Leidenschaft zum Spielen trotzdem echt. Bild in Detailansicht öffnen
Spielbank Friedrichshafen: Der, der immer auf der Seite der Besiegten und Ohnmächtigen war, hier schaut er aus wie ein Sieger – für wie lange? Bild in Detailansicht öffnen

Drei TV-Dokumentationen über Martin Walser

Die drei Fernseh-Dokumentarfilme „Martin Walser – Eine Deutschlandreise“ (2001), „Martin Walser – Ein Leben für Alle und Keinen“ (2012) und „Mein Diesseits – Unterwegs mit Martin Walser“ (2017) bilden eine Art Trilogie. Produziert wurden sie zu jeweiligen runden Geburtstagen Martin Walsers.

Zum 95. Geburtstag von Martin Walser stehen jetzt schon alle drei Dokumentationen hier und in der ARD Mediathek bis zum 24.3.2023 online.

Sie unterscheiden sich in der Machart, der Konzeption und in der filmischen Gestaltung fundamental. Es gibt wenige Redundanzen. Sie sind selbst Zeitdokumente, die in ihrer Abfolge das filmische Nachdenken über einen bedeutenden deutschen Schriftsteller präsentieren.

Drei Dokumentarfilme über Martin Walser

Zum 95. Geburtstag von Martin Walser Martin Walser - Eine Deutschlandreise (2001)

Am 24. März 2022 wird Martin Walser 95 Jahre alt. Er ist neben wenigen anderen einer der prägenden Schriftsteller der bundesrepublikanischen Epoche, aber er war nie nur das, nie ein reiner BRD-Schriftsteller, wie so viele seiner Generation, sondern einer, der sich sehr früh in Romanen mit der deutschen Einheit auseinander gesetzt und immer an sie geglaubt hat -| sozusagen sein Alleinstellungsmerkmal.
Der SWR ehrt den Schriftsteller mit drei Filmen mit und über ihn, die eine Art Trilogie bilden und zu jeweiligen (halb-)runden Geburtstagen Martin Walsers produziert wurden: Der vorliegende Film stammt aus dem Jahr 2002.  mehr...

Zum 95. Geburtstag von Martin Walser Martin Walser - Ein Leben für Alle und Keinen (2012)

Der Schriftsteller Martin Walser wurde am 24. März 1927 geboren. Er ist neben wenigen anderen einer der prägenden Schriftsteller der bundesrepublikanischen Epoche, aber er war nie nur das, nie ein reiner BRD-Schriftsteller, wie so viele seiner Generation, sondern einer, der sich sehr früh in Romanen mit der deutschen Einheit auseinandergesetzt und immer an sie geglaubt hat -| sozusagen sein Alleinstellungsmerkmal.
Der SWR ehrt den Schriftsteller zu seinem 95. Geburtstag mit drei Filmen, die eine Art Trilogie bilden und zu jeweiligen (halb-)runden Geburtstagen Martin Walsers produziert wurden: Der vorliegende Film entstand 2012 anlässlich seines 85. Geburtstages.  mehr...

zum 95. Geburtstag von Martin Walser Mein Diesseits - Unterwegs mit Martin Walser (2017)

Der Schriftsteller Martin Walser wurde am 24. März 1927 geboren. Er ist neben wenigen anderen einer der prägenden Schriftsteller der bundesrepublikanischen Epoche, aber er war nie nur das, nie ein reiner BRD-Schriftsteller, wie so viele seiner Generation, sondern einer, der sich sehr früh in Romanen mit der deutschen Einheit auseinandergesetzt und immer an sie geglaubt hat -| sozusagen sein Alleinstellungsmerkmal.
Der SWR ehrt den Schriftsteller zu seinem 95. Geburtstag mit drei Filmen, die eine Art Trilogie bilden und zu jeweiligen (halb-)runden Geburtstagen Martin Walsers produziert wurden: 2017 fahren Denis Scheck und Martin Walser zu dessen 90. Geburtstag durch die heimatliche Landschaft am Bodensee. Eine Lebensreise und ein umfassender Rückblick auf Werk und Biografie des Schrifstellers.  mehr...

Literatur Ein unermüdlich Schreibender – zum 95. Geburtstag von Martin Walser

Er schont sich nicht: selbst im hohen Alter produziert der Schriftsteller vom Bodensee noch fast jedes Jahr ein neues Buch. Das beweist sehr eindrücklich der Vorlass, der unlängst ans Deutsche Literaturarchiv Marbach gegangen ist. Als Chronist deutscher Geschichte hat er die gesellschaftspolitische Entwicklung der BRD kritisch verfolgt. Und ist dabei auch immer wieder selbst ins Fettnäpfchen getreten.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

SWR2 lesenswert Kritik Martin Walser, Cornelia Schleime: Das Traumbuch. Postkarten aus dem Schlaf

Martin Walser hat Geburtstag! Und den feiert sein Verlag mit einem "Traumbuch". Viele Jahrzehnte lang hielt Walser in seinen Tagebüchern Träume fest, von denen pünktlich zum 95. Geburtstag eine Auswahl als "Traumbuch" erscheint. Darin gibt Walser sich als Gegner der Psychoanalyse zu erkennen, weil Träume für ihn nichts sind, was erst gedeutet werden müsste, um Aufschluss über eine Person zu gewinnen. Träume sind, was sie sind. Kleine Erzählungen im besten Fall.

Rowohlt Verlag, 144 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-49800-319-7  mehr...

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

Buchkritik Auf die Sprache vertrauen: Martin Walser - Sprachlaub oder: Wahr ist, was schön ist

Martin Walsers „Sprachlaub“, das sind zumeist kurze Stücke, mal nur ein Satz, mal wenige Strophen, manche gereimt, oft mit traumhaften Zügen. Walsers Tochter Alissa hat Aquarelle dazu gemalt.
Ein dichtes, berührendes, schönes Buch, das beweist, dass der Autor - und der Leser? - immer noch auf eines vertrauen kann: die Sprache.
Rezension von Frank Hertweck.
Rowohlt Verlag, 144 Seiten, 28 Euro
ISBN: 978-3-498-00239-8  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Forum Walser und kein Ende – Der Schriftsteller vom Bodensee

Silke Arning diskutiert mit
Oswald Burger, langjähriger Leiter des Literarischen Forums Oberschwaben
Frank Hertweck, SWR Literaturchef
Prof. Dr. Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach  mehr...

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