43. Tage der deutschsprachigen Literatur (Foto: SWR, SWR - Carsten Otte)

Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 Birgit Birnbacher gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019

Birgit Birnbacher gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019. Er ist mit 25.000 Euro dotiert.

Birgit Birnbacher, Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2019 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste - GERT EGGENBER)
Birgit Birnbacher gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019. Sie las auf Einladung von Stefan Gmünder. Er ist Literaturredakteur der Wiener Tageszeitung "Der Standard". picture-alliance / Reportdienste - GERT EGGENBER

Der Text umkreist das soziale Verschwinden einer Frau, die sich kurzzeitig in einem Schrank verkriecht, als ein staatlicher „Beobachter“ vorbeikommt, um die Verhältnisse in dem Wohnblock zu dokumentieren.

Ein sprachlich und gesellschaftlich bedeutender Text in einem besonders starken Jahrgang, meint SWR2 Literaturredakteur Carsten Otte.

Deutschlandfunkpreis: Leander Fischer

KELAG-Preis: Julia Jost

3sat-Preis: Yannic Han Biao Federer

Publikumspreis: Ronya Othmann

Abschlusskommentar von SWR2 Literaturredakteur Carsten Otte

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Die Dramaturgie des Bachmannwettbewerbs passte genau

Wer auf den diesjährigen Bachmannwettbewerb zurückschaut, könnte meinen, es gäbe einen Literaturgott, einen gütigen und klugen Allmächtigen, der in der Lage ist, zum Beispiel die Reihenfolge in der Auslosung um die Startplätze und damit auch eine Dramaturgie für die Tage der deutschsprachigen Literatur festzulegen.

"Kayfabe" im Wrestling und in der Literatur

Es begann schon mit der Eröffnungsrede von Clemens J. Setz, der auf erstaunliche Parallelen zwischen der literarischen sowie politischen Bühne mit der Welt des Wrestlings hinwies. "Kayfabe" ist ein Schlüsselbegriff in diesem Showsport, der die gekonnte Vermischung von Fiktion und Realität beschreibt. Denn die Helden des Wrestlings sind im Grunde literarische Figuren, sie folgen einem festen Plan, einer Storyline, von der nicht abgewichen wird.

Auch beim Bachmannwettbewerb gibt es einen strikten Ablauf, penibel eingehaltene Statuten. Aber nicht nur formal, sondern auch inhaltlich schien es einen geheimen Plan zu geben.

Katharina Schultens erzählte von einer alptraumhaften Zukunft

Der erste Wettbewerbsbeitrag von Katharina Schultens jedenfalls nahm das Thema der Eröffungsrede auf und erzählte kunstvoll und mit dichter Bildsprache von einer alptraumhaften Zukunft, in der menschliche Fortpflanzung nur mit Pflanzen möglich erscheint.

Ein surrealer Muttertext, in dem auf seltsame Weise geboren und gebetet wird – als wollte die Autorin eben jenem Literaturgott huldigen.

"Theologischer Hokuspokus" interessiert Klaus Kastberger nicht

Das passte zur ohnehin heiligen Stimmung des Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels, der mit seinen regelmäßigen Bezügen zum katholischen Glauben schon bald den Kollegen Klaus Kastberger zur Bemerkung provozierte, dieser theologische Hokuspokus interessiere ihn nun ganz und gar nicht.

Birnbachers Text beweist sprachliche und gesellschaftliche Relevanz

Dann war endlich Raum für ästhetische Debatten, für die Frage nach Relevanz, wie Jury-Mitglied Insa Wilke es formulierte. Sprachliche und gesellschaftliche Relevanz bewies dann auch der Beitrag von Birgit Birnbacher mit dem Titel „Der Schrank“.

Darin geht es um das kontrollierte und zugleich vernachlässigte Leben in einem großstädtischen Wohnblock. Die feinsinnige Erzählung zeige, so formulierte es Juror Stefan Gmünder in seiner Laudatio, wie die „Ökonomie über Klagenfurt hereinbreche“.

Tatsächlich umkreist der eigens fürs Wettlesen geschriebene Text das soziale Verschwinden einer Frau, die sich kurzzeitig in einem Schrank verkriecht, als ein staatlicher „Beobachter“ vorbeikommt, um die Verhältnisse in dem Wohnblock zu dokumentieren.

Schönste Landschaft und schlimmste politische Vergangenheit bei Julia Jost

Als relevant stufte die Jury auch den mit dem Kelag-Preis prämierten Text von Julia Jost ein, die es schaffte, das zentrale Thema der österreichischen Suada-Literatur, nämlich das Verhältnis schönster Landschaft und schlimmster politischer Vergangenheit auf humorige und virtuose Art auszuloten.

Ronya Othmann thematisiert den Völkermord an den Jesiden

Bei den Jury-Preisen ging der vieldiskutierte und in politischer Hinsicht ebenfalls relevante Beitrag von Ronya Othmann leer aus. Die Autorin berichtete über den grauenhaften Genozid an den Jesiden durch die Terroristen des IS, über das unermesslichen Leiden der eigenen jesidische Familie.

Der Publikumspreis ging an Ronya Othmann

Einige Jury-Mitglieder hielten das Stück, das zwischen Literatur und Journalismus changierte, allerdings für eine Art emotionale Erpressung, weil eine literaturkritische Bewertung angesichts des Respekts gegenüber der persönlich betroffenen Autorin nur schwer möglich sei.

Damit musste sich das Publikum nicht lange aufhalten, und so bekam Ronya Othmann dann auch den Publikumspreis.

Ein beeindruckend starker Jahrgang

Insgesamt war dieser "Bewerb", wie er im Österreichischen heißt, ein beeindruckend starker Jahrgang, weil die literarischen Zugänge zur Welt, die an drei Tagen vorgestellt wurden, äußerst vielfältig, weitgehend auch relevant waren und weil die Bezüge der Texte untereinander dann doch erstaunten.

War das schon Kayfabe? Falls es wirklich einen Literaturgott geben sollte, wird er mit sich und seiner Arbeit am Wörthersee im Reinen sein, denn gewonnen hat in Klagenfurt schließlich die Sprache selbst. Und die Einsicht, wie inspirierend und intensiv, weil energisch und dissonant die Debatte über Literatur sein kann.

Insofern hat die traditionsreiche Veranstaltung, die immer auch ums Überleben kämpft, ihre Relevanz durchaus eindrucksvoll bewiesen.

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Die Nominierten für den Bachmannpreis lasen in dieser Reihenfolge, die ausgelost wurde:

Donnerstag, 27. Juni:

10.00 Uhr Katharina Schultens

11.00 Uhr Sarah Wipauer stand auf der Shortlist

12.00 Uhr Silvia Tschui

13.30 Uhr Julia Jost stand auf der Shortlist und gewann den KELAG-Preis

14.30 Uhr Andrea Gerster

Freitag, 28. Juni

10.00 Uhr Yannic Han Biao Federer stand auf der Shortlist und gewann den 3sat-Preis

11.00 Uhr Ronya Othmann stand auf der Shortlist und gewann den Publikumspreis

12.00 Uhr Birgit Birnbacher stand auf der Shortlist und gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis

13.30 Uhr Daniel Heitzler stand auf der Shortlist

14.30 Uhr Tom Kummer

Samstag, 29. Juli

10.00 Uhr Ines Birkhan

11.00 Uhr Leander Fischer stand auf der Shortlist

12.30 Uhr Lukas Meschik

13.30 Uhr Martin Beyer

Weitere Infos zu den teilnehmenden Autorinnen und Autoren

Der Bachmannpreis wird seit 1977 jährlich zu Ehren der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973) verliehen und ist mit 25.000 Euro dotiert. 2018 ging der Preis an die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk und ihren Text „Frösche im Meer“.

Eröffnungsrede von Clemens J. Setz

Eröffnet wurden die 43. Tage der deutschsprachigen Literatur am 26. Juni mit der Auslosung der Lesereihenfolge. Anschließend hielt der Grazer Autor Clemens J. Setz die Eröffnungsrede unter dem Titel „Kayfabe und Literatur“.

Im letzten Jahr sorgte Feridun Zaimoglu mit seiner Eröffnungsrede für Aufsehen. Er nutzte die Gelegenheit für einen politischen Appell gegen Rechtspopulismus und Radikalismus in der Politik.

Jury für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 (Foto: ORF - Johannes Puch)
Die Jury für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 (v.l.): Klaus Kastberger, Nora Gomringer, Stefan Gmünder, Hubert Winkels, Hildegard Elisabeth Keller, Michael Wiederstein, Insa Wilke ORF - Johannes Puch
Carsten Otte vor dem Loge des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (Foto: SWR, SWR - Carsten Otte)
Es ist geschafft: SWR2 Literaturredakteur Carsten Otte hat drei Tage Wettlesen beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb verfolgt. SWR - Carsten Otte

Rückschau: Bachmann-Preis 2018

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