Buchkritik Patriarchen mit Partyhütchen und Pappnase - „Down Girl. Die Logik der Misogynie“ von Kate Manne

Von Philine Sauvageot

Die Misogynie zu kritisieren, heißt auch, sie zu befeuern

Eigentlich ist ihr Projekt zum Scheitern verurteilt, glaubt Kate Manne. Denn die Misogynie zu kritisieren, heißt auch, sie zu befeuern.

„Je mehr Frauen sich der ihnen zugewiesenen Rolle im Patriarchat widersetzen, desto mehr Hass schlägt ihnen entgegen.“

Diese Zwickmühle hat die Professorin für Moral- und Sozialphilosophie an der Cornell University in New York auch auf ihrem Twitter-Account erkannt. Dort scheint sie viel Hass und Gegenwind zu erleben. Nur so erklärt sich, wie emotional sie wird, wenn sie über die „patriarchalischen Kräfte“ schreibt.

„Wenn ich eher düsterer Stimmung bin, stelle ich sie mir mit Partyhütchen und Pappnasen vor.“

Es gibt typisch männliche Gewalt

Diese Leichtigkeit macht das Buch „Down Girl“ so besonders. Denn die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist noch immer ein Reizthema. Manne setzt dem eine unaufgeregte Analyse entgegen. Trotzdem will sie ungemütlich sein. Und so sind viele Passagen schwer auszuhalten – wenn sie etwa beschreibt, wie Frauen von ihren Partnern stranguliert werden - mit Händen, Seil, Gürtel, Elektrokabel.

Die Frau ist ein „gebender“ Mensch

Diese Gewalt sei gender-spezifisch und erkläre sich mit Frauenhass und der erkläre sich so: Die Frau habe eine ganz bestimmte Rolle zu erfüllen. Sie sei nicht einfach Mensch wie der Mann, sondern „gebender“ Mensch. „Eine Gebende ist verpflichtet, Liebe, Sex, Zuwendung, Zuneigung und Bewunderung sowie andere Formen emotionaler, sozialer, reproduktiver und fürsorgender Arbeit (…) zu geben.“

Historisch gewachsen Rollenbilder wirken bis heute – bei den mächtigen Männern

Weigere sich eine Frau, diese Anspruchshaltung der Männer zu erfüllen oder versage sie auch unfreiwillig als Gebende, werde sie dafür bestraft. Denn der „nehmende“ Mann sei enttäuscht und gekränkt, nicht die Liebe und Fürsorge zu erhalten, die ihm doch zustehe.

Das klingt nach längst vergangenen Zeiten. Manne ist aber überzeugt, dass die Rollenbilder historisch gewachsen bis heute wirken - wenn auch nur in bestimmten Kreisen: bei den privilegiertesten und mächtigsten Männern, die ihre Macht unverhohlen ausüben. Den weißen, heterosexuellen, der Mittelschicht angehörenden Männern.

Der Kampfbegriff „alter weißer Mann“ greift zu kurz

Hier grüßt der feministische Kampfbegriff unserer Zeit: „alter weißer Mann“. Und greift natürlich völlig zu kurz – denn auch unter „nicht-weißen“ kommt es zu Gewalt gegen Frauen.

„Den Blick nach innen zu richten macht sie kalt und selbstsüchtig; Ehrgeiz macht sie feindselig, anti-sozial und nicht vertrauenswürdig; sexuelle Zuwendung zur falschen Person macht sie zur Schlampe. Trägt sie die falsche Kleidung oder ist betrunken, fordert sie es geradezu heraus.“

Der Unterschied zwischen guten und schlechten Frauen

Misogynie macht also den Unterschied zwischen guten und schlechten Frauen: gut sind die, die sich der Rollenerwartung fügen, schlecht sind die, die sich widersetzen - etwa eine Karriere anstreben statt eine Familie zu gründen oder ein Kind abtreiben, obwohl sie doch Fürsorge und Liebe geben sollen. So überspitzt traut sich Manne, die Abtreibungsgegnern bei den amerikanischen Republikanern zu sehen – und macht sich damit bestimmt keine Freunde.

Die Gesellschaft ist misogyn

Misogynie manifestiert sich nicht nur in diesen brutalen Auswüchsen – dem Amoklauf von Isla Vista mit sechs Toten oder den Missbrauchsvorwürfen gegen US-Präsident Donald Trump. Misogyn seien nicht einzelne Psychopathen. Misogyn sei die ganze Gesellschaft, die Strukturen, so Manne. Und doch führt sie als Beispiele nur die großen prominenten Fälle an – stellt sich parteiisch auf die Seite von Hillary Clinton, die die Präsidentschaftswahlen verloren habe, weil sie eine Frau ist, nicht weil sie keine Sprache für die Unterschicht gefunden hat, und gegen Donald Trump, der Misogyn schlechthin.

Die verbreitete physische Gewalt gegen Frauen wird heruntergespielt

Die Beschäftigung mit der Misogynie ist so überfällig, weil Frauen bis heute noch eine solche physische Gewalt gerade von ihren Partnern entgegenschlägt und weil diese Gewalt als sogenannte „Beziehungsdramen“ kaum Eingang in unsere mediale Öffentlichkeit findet, dadurch vergessen und heruntergespielt wird.

Doch der philosophische Blick von Kate Manne bleibt leider an der Oberfläche. Und erreicht, weil sich die Autorin auf die privilegierten „weißen“ Menschen dieser Welt fokussiert, nur eine kleine gebildete Elite. Das zeigt ganz exemplarisch, wie der Feminismus heute völlig an den meisten Menschen vorbeizielt.

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