Platz 2 (75 Punkte) Colson Whitehead: Die Nickel Boys

Spätestens seit seinem Roman „Underground Railroad“, mit dem er den National Book Award und den Pulitzer Preis für Belletristik gewann, ist der 1969 geborene Colson Whitehead ein Star. Und das zurecht. Denn seine Romane balancieren so gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen gesellschaftlicher Diagnose und den Sphären des Unwahrscheinlichen, manchmal auch Fantastischen, dass beides oft nicht mehr auseinander zu halten ist und zu einem mitreißenden, opulent orchestrierten Sprachkunstwerk verschmilzt.

Sprachlich versiert ist auch Whiteheads neuer Roman. Allerdings habe er, so erzählt Whitehead es im Interview, für das neue Buch seine Regel durchbrochen, stets abwechselnd einen eher gewichtigeren und dann einen leichteren Roman zu schreiben. Aber mit Trumps Präsidentschaft, so Whitehead, sei es für ihn evident gewesen, ein Buch zu schreiben, das das institutionelle Versagen des Landes darstelle. Der Roman basiert auf wahren Umständen: Das Vorbild für die Nickel Academy in Florida, in die der sechzehnjährige Elwood zu Beginn der 1960er-Jahre eingewiesen wird, ist die Arthur G. Dozier School for Boys. In der 2011 geschlossenen Besserungsanstalt für Jugendliche waren Misshandlungen, brutale, sadistische Bestrafungen und Schlägereien an der Tagesordnung. Im Nickel herrscht ein gnadenlos rassistisches System. Schwarze und weiße Insassen werden in getrennten Wohneinheiten untergebracht. Der Strafenkatalog, so stellt sich bald heraus, ist nicht einheitlich: Die Schwarzen werden offensichtlich ungleich härter bestraft als die Weißen.

Im April 2019 wurden auf dem Schulgelände weitere 27 Gräber entdeckt. Daraus hat Whitehead eine packende, für seine Verhältnisse erstaunlich hart-realistische Geschichte gewonnen.

Zum Autor:

Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, studierte an der Harvard University und arbeitete für die New York Times, Harper's und Granta. Whitehead erhielt den Whiting Writers Award (2000) und den Young Lion’s Fiction Award (2002) und war Stipendiat der MacArthur „Genius“ Fellowship. Für seinen Roman „Underground Railroad“ wurde er mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer-Preis 2017 ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen bisher „John Henry Days“ (Roman, 2004), „Der Koloß von New York“ (2005), „Apex“ (Roman, 2007), „Der letzte Sommer auf Long Island“ (Roman, 2011), „Zone One“ (Roman, 2014) und „Underground Railroad“ (Roman, 2017). Im Sommer 2019 folgt „Die Nickel Boys“ (Roman). Der Autor lebt in Brooklyn.

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