..schreibt der englische Universalgelehrte Robert Burton 1621 in einer Abhandlung über die Melancholie. Mehr noch als auf dem europäischen Kontinent wurde in England die „sweet melancholy“, die bitter-süße Schwermut, als Geisteshaltung geradezu kultiviert: Der melancholische Mensch galt als besonders tiefsinnig und kreativ. So ist die Melancholie auch ein Lieblingsthema der englischen Musik des 17. Jahrhunderts. Die Mezzo-Sopranistin Lucile Richardot hat sie zum roten Faden ihrer neuen CD gemacht.
Elektrisierende Ausdruckskraft
„Perpetual night“ ist der Titel dieser CD: ewige Nacht. Sie enthält englische Ayres und Songs, einmal quer durchs 17. Jahrhundert – aus der älteren Generation sind die Komponisten Robert Johnson, John Coperario und Robert Ramsey dabei, aus der jüngeren John Blow und Henry Purcell. Sie alle haben profitiert vom regen kulturellen Austausch zwischen England und Frankreich, der in dieser Zeit auch das Musikleben bereichert hat. Die Melancholie-Auslöser sind in diesen Liedern unterschiedlicher Natur: Trennungsschmerz, unerfüllte Liebe, unbestimmte Sehnsucht, die Trauer um den tragischen Verlust eines jungen Prinzen oder – wie in der Totenklage von William Lawes – die Trauer um den Freund und Komponisten-Kollegen John Tomkins. Drei Singstimmen sind beteiligt. Alt, Tenor und Bass – und die oberste Stimme gehört tatsächlich einer Frau, eben Lucile Richardot, die hier die fast tenoralen Qualitäten ihrer Stimme zeigt.
Die Wandlungsfähigkeit dieser Stimme finde ich absolut faszinierend. Lucile Richardot klingt in der Tiefe geerdet, herb, kraftvoll und männlich, fast wie eine afro-amerikanische Jazz-Sängerin. Im nächsten Stück zaubert sie dann schwerelose Ornamente hervor – im Pianissimo, mit Leichtigkeit in der Höhe und größter Natürlichkeit. Und immer mit einer elektrisierenden Ausdruckskraft.
Viel Gespür für Klangqualität
Das Singen hat Lucile Richardot schon als Kind für sich entdeckt: im Kinderchor ihrer Heimatstadt Epinal. Ihr Berufsweg ging dann aber zuerst einmal zum Journalismus – mit 27 hat sie nochmals umgesattelt, Gesang studiert und eine rasante Karriere gestartet. Sie ist unterwegs auf den großen Opernbühnen und in kleinen Kirchen und Kammermusiksälen – und ihr Repertoire reicht von der mittelalterlichen Gregorianik bis zur frisch komponierten Avantgarde. Diese neue CD hat Lucile Richardot mit dem wunderbaren französischen Barock-Ensemble Correspondances aufgenommen, geleitet von dem Cembalisten Sébastian Daucé. Zwischen die Solostücke sind ein paar Instrumentalsätze eingebaut – und einige Stücke für Vokalensemble, die auch mal ein kleines bisschen Sonnenschein hereinlassen; denn bei Überdosierung versinkt auch die schönste Melancholie irgendwann im dunkelgrauen Dickicht. Wenn man aber mit so viel Gespür für Klangqualität und Farbenreichtum musiziert wie diese Musiker, mit so viel Spannung, Dramatik und Innigkeit, dann kann man sich dem Zustand der süßen Melancholie gerne noch eine Weile hingeben.
CD-Tipp vom 25.05.2018 aus der Sendung SWR2 Cluster