Theaterstück und Weiterbildungen für Eltern und Lehrer

Raus aus dem Tabu: Vulkaneifel klärt zu sexuellem Kindesmissbrauch auf

Stand

Von Autor/in Anna-Carina Blessmann

Darüber sprechen, obwohl es schwer ist: Im Kreis Vulkaneifel läuft noch bis Mitte November eine Aktion zur Aufklärung über sexuellen Missbrauch. Um Kinder und Eltern zu stärken.

Darius Badowski war es schon immer wichtig, mit seinen mittlerweile 12- und 22-jährigen Kindern über ein schweres, immer noch tabuisiertes Thema zu sprechen: sexuellen Kindesmissbrauch. Denn er wurde selbst als 13-Jähriger missbraucht. "Ich habe vorsichtig mit meinen Kindern über das Thema gesprochen. Was mir passiert ist, davon wussten die Kinder. Ich habe ihnen nichts verheimlicht."

Was für den Vater aus Daun selbstverständlich ist, verunsichert andere. Deshalb haben mehrere Organisationen im Kreis Vulkaneifel Badowski und andere Eltern zu einem digitalen Informationsabend zur bundesweiten Initiative "Trau dich!" eingeladen. Gemeinsam will man Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt und Ausbeutung bewahren.

Neben einer Theateraufführung, die Sechstklässler Mitte November kindgerecht über Missbrauch aufklärt, gibt es auch Weiterbildungen für Lehrer und eben für Eltern. "Alle Kinder haben das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Schutz vor Gewalt. Alle Kinder haben das Recht auf Aufklärung und Hilfe", sagt Eva Pestemer vom Kinderschutzdienst der Caritas. Ihr sind drei Bausteine in der Prävention wichtig: Die Kinder "Stärken", "Wissen" über Missbrauch erlangen und bei Bedarf "Handeln".

Sexueller Missbrauch ist eine geplante Tat

Das Wissen, wie man sexuellen Missbrauch erkennt und dann auch richtig darüber sprechen kann, ist auch Darius Badowski wichtig. Deshalb nimmt er an der Infoveranstaltung teil: "Ich will wissen, ob die Schritte, die meine Frau und ich mit unseren Kindern gegangen sind, richtig waren. Ob es da noch etwas gibt, was wir nicht bedacht haben."

Dafür müsse man das Thema zunächst definieren: "Was ist überhaupt sexueller Missbrauch, worüber reden wir?", sagt Eva Pestemer, die in ihrer Beratungs- und Anlaufstelle für von Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche ständig mit dem Thema zu tun hat. "Sexueller Missbrauch ist eine geplante Tat. Ein Erwachsener oder Jugendlicher nutzt seine Machtposition, seine geistige und körperliche Überlegenheit sowie die Unwissenheit, das Vertrauen und die Abhängigkeit eines Kindes aus."

Wenn etwas passiert, was meinen Kindern unangenehm wird, sollen sie auf keinen Fall ein Geheimnis daraus machen.

Ein Täter oder eine Täterin verpflichtet das Kind außerdem zur Geheimhaltung und sorgt so dafür, dass es sprachlos und hilflos ist, so Pestemer. Kinder seien meist unwissend. Deshalb sollen sie durch das Theaterstück, aber auch von ihren Eltern lernen, was in Ordnung ist und was nicht. Und dass es gute Geheimnisse gibt, die sie für sich behalten können. Und schlechte, die sie erzählen dürfen.

Das sieht auch Darius Badowski so: "Ich habe meine Kinder aufgeklärt: Wenn etwas passiert, was ihnen unangenehm wird, sollen sie auf keinen Fall ein Geheimnis daraus machen, sondern uns, meiner Frau und mir, direkt Bescheid sagen."

Großes Dunkelfeld bei sexuellem Kindesmissbrauch

Schon eine unbeabsichtigte sexuelle Grenzverletzung - eine falsche Berührung, ein dummer Spruch - sei zwar nicht strafrechtlich relevant, für ein Kind aber schlimm, sagt Pestemer: "Da fängt schon die Prävention an. Wir müssen den Kindern die Gelegenheit geben, Worte zu finden, um zu sagen: Das ist nicht in Ordnung, das finde ich blöd."

Sexuelle Übergriffe hingegen sind auch strafrechtlich relevant. Dennoch sei es schwierig, festzustellen, wie viel sexuellen Kindesmissbrauch es in Deutschland gibt. Denn es gibt ein Hellfeld der angezeigten Straftaten und ein wahrscheinlich größeres Dunkelfeld, wo es keine Anzeige gab.

Dennoch zeigt die Statistik des Bundeskriminalamts, dass die Fälle von Missbrauch an Kindern und Jugendlichen 2023 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als fünf Prozent angestiegen sind.

"Wir gehen davon aus, dass dieser Anstieg auch damit zu tun hat, dass das Thema immer mehr Bedeutung hat. Dass es nicht mehr so tabuisiert ist und dass wir miteinander immer mehr eine Sprache finden, um darüber zu sprechen und auch den Mut zu haben, gegebenenfalls auch eine Anzeige zu machen", sagt Pestemer.

Täterinnen und Täter gehen strategisch vor

Dabei helfe auch, zu wissen, wie Täterinnen und Täter vorgehen: Missbrauch geschehe nicht zufällig, sondern sei ein strategisches Vorgehen, erklärt Pestemer: "Täter suchen nach Kindern, die in ihren Augen besonders verletzlich sind. Dann gibt es so etwas wie eine Testphase. Eine Berührung am Knie, eine anzügliche Bemerkung."

Wer ein Kind sexuell missbrauchen will, isoliere es und mache ein Geheimnis aus der Sache. Damit die Kinder nicht darüber reden, werde das auch "erkauft" über emotionale Zuwendung, Geld, Geschenke oder indem gedroht wird. "Das Opfer soll das Gefühl bekommen: Ich hab ja angefangen, ich wollte das ja so. So funktioniert die Manipulation. Dass wir diese Strategien kennen, gibt uns als Erwachsene die Möglichkeit, sichere Orte für Kinder und Jugendliche zu schaffen."

Trotzdem sei es gar nicht so einfach, Täterinnen und Täter zu erkennen. Denn oft seien das angesehene Menschen, die sich engagieren und aus allen sozialen Schichten und Altersklassen kommen - zu 80 Prozent aus dem sozialen Umfeld der Kinder. Der Großteil sei männlich, es gebe aber auch Frauen, die Täterinnen werden.

Vertrauenspersonen sind wichtig für Kinder

Umso wichtiger sei es, dass Kinder jemanden haben, dem sie sich anvertrauen können. Eltern können so jemand sein, indem sie eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Kind haben, es unterstützen, auch im Entdecken des eigenen Körpers, die Bedürfnisse des Kindes achten, sagt Pestemer.

Ich hab mich einfach geschämt, mich jemandem anzuvertrauen.

Laut Fachliteratur würden Kinder sich oft nicht zuerst den Eltern anvertrauen, sondern Freunden oder zum Beispiel der Lieblingslehrerin. Weil es ihnen peinlich ist oder sie ihre Eltern nicht belasten wollen. Deshalb sei es wichtig, dass Eltern ihren Kindern vermitteln, dass sie sich auch an andere Vertrauenspersonen wenden dürfen.

Dass das hilft, hat auch Darius Badowski erfahren: "Als mir das mit 13 passiert ist, hatte ich ein sehr großes Schamgefühl. Ich war am Boden zerstört. Ich hab mich einfach geschämt, darüber zu reden, mich jemandem anzuvertrauen."

Jahre später habe er sich einem Freund anvertraut und immer mehr Gespräche mit Vertrauten geführt. "Und das hat mich geheilt. Deshalb hab ich auch meinen Kindern klar gemacht: Wenn so etwas passieren sollte, sollen sie direkt zu uns kommen."

Sprechen über das Tabu und Sicherheit geben

Eltern sollen ihren Kindern auch vermitteln, sagt Fachfrau Pestemer, dass sie über ihren Körper selbst bestimmen und Berührungen anderer zurückweisen dürfen. Dass sie das Recht haben, Nein zu sagen, selbst keine Schuld an einem Missbrauch haben und sich Hilfe holen dürfen, wenn sie allein nicht klar kommen.

So hat es auch Darius Badowski gemacht: "Wir haben unseren Kindern die Sicherheit gegeben, dass niemand so etwas mit ihnen machen darf. Nicht einmal Mama oder Papa. Ich habe das nach meinem Gefühl gemacht und meine Kinder aufgeklärt. Damit sie jemanden haben, dem sie sich anvertrauen können."

Was zu tun ist, wenn es wirklich zum Missbrauch kommt

In der Vulkaneifel kann auch die Schulsozialarbeit ein Ansprechpartner für die Kinder sein. Deren Mitarbeiterinnen bereiten auch das Theaterstück vor und nach, das den Kindern und Jugendlichen kindgerecht Wissen zu sexuellem Missbrauch vermittelt.

In den Gesprächen würde manchen Kindern dann auffallen: "Da ist mal was passiert, aber ich wusste gar nicht, dass das nicht in Ordnung ist", sagt Sozialarbeiterin Anja Leuwer aus Jünkerath. "Wir merken aber auch: Das Ganze stärkt die Kinder, sie sind selbstbewusster. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie belastet aus dem Thema rausgehen."

Wenn Kinder so gestärkt werden und Eltern das entsprechende Wissen haben, kann es aber sein, dass trotz aller Prävention Missbrauch passiert. Dann gibt es die dritte Säule, das "Handeln", sagt Eva Pestemer vom Kinderschutzdienst, "Dann ist es wichtig, ruhig zu bleiben, besonnen zu handeln und zu wissen, wo man Hilfe und Beratung bekommt."

Eltern betroffener Kinder könnten sich dann vertraulich und kostenfrei an verschiedene Stellen wenden: Zum Beispiel an die Schulsozialarbeit, das Schulpsychologische Beratungszentrum, das Jugendamt, den Allgemeinen sozialen Dienst oder den Kinderschutzdienst der Caritas. Solche Stellen gibt es auch nicht nur im Kreis Vulkaneifel.

Pestemer empfiehlt Eltern auch den Ratgeber der Initiative "Trau Dich!", der zum Beispiel auch eine kindgerechte Definition von sexuellem Missbrauch enthält. Auch das Bundesfamilienministerium hat einen Ratgeber zum Thema rausgebracht.

Sensibilisierung für ein wichtiges Thema

Am Ende des Informationsabends fühlen die mehr als 30 anwesenden Eltern sich gut informiert und sensibilisiert. "Es ist ein sehr wichtiges Thema und sollte immer präsent sein", sagt eine Mutter. Das sieht auch Vater Darius Badowski so, obwohl er sich schon gut auskannte: "Was heute gesagt wurde, wusste ich eigentlich alles schon. Ein paar Dinge sind in Vergessenheit geraten, die ich wieder auffrischen konnte."

Trotzdem findet er es richtig und toll, dass über das Thema informiert wird: "Ich habe mir schon immer gewünscht, dass meine Kinder und andere Kinder eine Stelle haben, an die sie sich wenden können, um professionelle Hilfe zu bekommen. Als das mir passiert ist, hatte ich niemanden. Deshalb erzähle ich auch meine Geschichte, um die nächsten potentiellen Opfer zu schützen."

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