Die Mutter des getöteten Angestellten der Tankstelle in Idar-Oberstein sitzt gegenüber vom Angeklagten und seinen Verteidigern im Landgericht Bad Kreuznach (Foto: SWR)

Vor der Urteilsverkündung

Mordprozess um tödlichen Schuss an Tankstelle - ein Rückblick

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AUTOR/IN
Sibylle Jakobi

Seit März verhandelt das Landgericht Bad Kreuznach über Mario N. Er hatte an einer Tankstelle in Idar-Oberstein einen Kassierer erschossen. SWR-Reporterin Sibylle Jakobi schildert ihre Eindrücke vom Prozess.

Ein letztes Mal treffen sie am Dienstag aufeinander: Michaela R., die Mutter von Alex auf der linken Seite im Gerichtssaal. Und der Mann, der ihr einziges Kind erschossen hat, auf der rechten Seite, ihr genau gegenüber.

Mario N. vermeidet es, überhaupt nur zu der Frau hinüber zu schauen. Sie sucht immer wieder den Blickkontakt. Vielmehr aber sucht sie wohl Antworten, vielleicht auch so etwas wie Gerechtigkeit. 

Trauer, aber kein Hass

"Liebe war schon immer stärker als der Hass", hatte Alex' Mutter in einer bewegenden Rede bei der Trauerfeier für ihren Sohn gesagt. 400 Menschen waren bei der Feier in Idar-Oberstein im Oktober 2021 dabei. Sie beschrieb ihnen ihren Sohn - als einen liebevollen und lustigen jungen Mann.

Der 20-jährige Schüler jobbte an der Tankstelle in Idar-Oberstein, um sich unter anderem seinen Führerschein zu finanzieren. Auch Alex hätte nicht gewollt, dass unschuldige Menschen angefeindet würden, wie die Familie des Täters es erlebe, sagte seine Mutter vor den Trauergästen. Auch sie seien nur Opfer. "Diese Menschen haben nicht den Abzug gedrückt."

 "Hass bringt uns nicht weiter im Leben. Hass verbittert nur."  

Am Dienstag wird das Urteil fallen, über den, der den Abzug gedrückt hat. Wegen einer Maske. Der Maske, die Mario N. trotzig nicht aufziehen wollte, sich von einem Tankstellen-Kassierer nicht bevormunden lassen wollte.

Die Überwachungskamera hält alles fest

Selten ist in einem Mordprozess die Ausgangslage so klar. Es sind nicht nur Indizien, die mühsam zusammengeklaubt werden müssen, Zeugen, die die Tat beobachtet haben und sich schwer erinnern können, Blutspuren, die ausgewertet werden müssen. Der Täter steht fest.

Und die Tat ist dokumentiert. Die Überwachungskameras der Tankstelle haben alles aufgezeichnet. Mehrmals werden diese Videos beim Prozess gezeigt. Die Prozessbeteiligten, wir Medienvertreter, die Zuschauer im Gerichtssaal sind unerträglich nahe dran.

Die Tat am 18. September 2021

19:48 Uhr: Mario N. fährt zur Tankstelle in Idar-Oberstein, holt zwei Sixpack Bier aus dem Regal und geht zur Kasse, ohne Maske. Es gibt ein Streitgespräch zwischen ihm und Alex, der hinter der Plexiglasscheibe keine Maske tragen muss. Dann schmeißt Marco N. das Bier auf dem Tresen um und verlässt die Tankstelle. Danach fährt er zu einer anderen Tankstelle, dort hat er die Maske auf, kauft fünf Dosen Bier und fährt nachhause. 

21:19 Uhr: Eineinhalb Stunden nach seinem ersten Besuch kehrt Mario N. zur Tankstelle zurück. Dieses Mal trägt er eine Maske. Er holt ein Sixpack Bier und stellt sich an der Kasse an. Als er an die Reihe kommt, zieht er die Maske nach unten. Dann sind es nur wenige Sekunden: Alex fordert ihn auf, die Maske hochzuziehen. Stattdessen zieht der Angeklagte einen Revolver aus der Hose, hält ihn auf Alex gerichtet. "Echt?", fragt er. Alex sagt "ja". Dann fällt der Schuss. 

Mitschnitte einer realen und grauenvollen Tat

Alex' Mutter tut sich das nicht an. Sie verlässt den Gerichtssaal, wenn diese Videos zu sehen sind, die Rechtsmedizinerin aussagt oder Fotos der Schusswunde gezeigt werden. Der Angeklagte Mario N. muss sitzen bleiben. Mal guckt der 50-Jährige nach unten, mal mit reglosem Gesicht auf die Aufnahmen.

Es ist keine neue Tatort-Folge, die hier gezeigt wird, kein nachgespieltes Verbrechen bei Aktenzeichen XY, kein unscharfes Fahndungsfoto. Es sind Mitschnitte einer realen und grauenvollen Tat. Der schlechte Ton und die leicht krisseligen Bilder der Überwachungskameras machen dies umso bewusster. 

Der Angeklagte - gefangen in seiner eigenen Ideologie

Eine Phonetik-Expertin hat die Videos der Überwachungskameras bearbeitet, weil die Tonqualität zu schlecht war. Das interessiert Mario N. Wie hat sie das gemacht? Hat er, der Softwareentwickler, das alles richtig verstanden? In solchen Momenten verfestigt sich der Eindruck, der Angeklagte ist keiner, der alles über sich ergehen lässt. Er spricht ruhig und überlegt, er kann sich ausdrücken, formuliert präzise. Er ist intelligent und er will die Zügel in der Hand halten. 

Er will sich keine Corona-Regeln aufzwingen lassen, will nicht - wie er meint - in einer Diktatur leben. Die Maske macht ihn aggressiv. Wieder gibt es auch dazu Videomitschnitte, die sich wie ein roter Faden durch die Verhandlung ziehen. Zu sehen ist der Angeklagte, wie er auf einer Wiese steht, sich mit dem Handy selbst filmt und über seine Sicht auf die Welt schwadroniert. Unzählige dieser einminütigen Videos hat er aufgenommen, um sie als Nachrichten an seinen Schwager in den USA zu schicken.

Der Angeklagter sitzt im Tankstellenmordprozess auf der Anklagebank im Landgericht Bad Kreuznach. (Foto: dpa Bildfunk, Boris Roessler)
Der Angeklagter sitzt im Tankstellen-Mordprozess auf der Anklagebank im Landgericht Bad Kreuznach. Boris Roessler

Der Prozess zieht sich

Dann die Aufnahmen von der ersten polizeilichen Vernehmung. "Ich hab' das in vollem Bewusstsein getan", sagte Mario N., nachdem er sich einen Tag später der Polizei gestellt hatte. Aber hat er in vollem Bewusstsein gehandelt? Es ist die entscheidende Frage, die das Gericht beurteilen muss. Und sie erklärt, warum sich der Prozess trotz so eindeutiger Belege für die Tat länger hingezogen hat als geplant.

Die Verteidigung stellt immer wieder Anträge, die belegen sollen, wie sehr Mario N. durch die aus seiner Sicht völlig sinnlosen Corona-Maßnahmen beeinträchtigt war. Außerdem habe der Angeklagte am Tattag zu viel Bier gekippt, sei schon deshalb nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen. 

Der psychiatrische Sachverständige kommt zu dem Schluss, dass der Angeklagte voll schuldfähig ist - trotz möglicherweise 2 Promille Alkohol im Blut. Und prompt folgt ein Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen den Gutachter. Der psychiatrische Sachverständige sei Mario N. gegenüber voreingenommen, er stütze sein Gutachten auf Vermutungen. Und auch wenn das Gericht diesen Befangenheitsantrag wie einige andere Anträge ablehnt, die Verteidigung sammelt schon mal Angriffspunkte für eine mögliche Revision. 

Mord oder Totschlag? Die Plädoyers

Jeweils zwei Stunden Zeit nehmen sich sowohl Anklage als auch Verteidigung für ihre Plädoyers. Es sei Mord, sagt die Staatsanwältin. Darüber hinaus müsse die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden.

Für die Verteidigung stellt sich die Sache anders dar. Totschlag lautet das Plädoyer. Möglicherweise sei der Angeklagte auch vermindert schuldfähig.

"Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen"

Nach mehreren Verhandlungstagen, an denen der Angeklagte immer nur nach unten blickt und sich Notizen macht, schaut er am letzten Prozesstag seit Langem einmal wieder nach oben. Zögerlich kommen seine letzten Worte. Viel hat er nicht zu sagen. Er schließe sich seinen Anwälten an. Und er habe noch nie eine Gerichtsverhandlung erlebt. Womöglich sei währenddessen untergegangen, wie leid ihm die Tat tue. "Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen", mehr könne er nicht sagen.

"Ich kann Ihnen das nicht verzeihen"

In diesem Verfahren werden sich Alex Mutter und der Angeklagte am Dienstag ein letztes Mal gegenübersitzen. Er hat ihren Sohn erschossen. "Ich kann ihnen das nicht verzeihen", hatte sie dem Angeklagten im Prozess entgegnet. Wie er dafür büßen muss, entscheidet das Gericht. 

Idar-Oberstein

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Sibylle Jakobi