Eine Kinderkrankenpflegerin kümmert sich um einen Säugling, der beatmet werden muss.   (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Immer mehr Atemwegserkrankungen

RS-Virus bringt Kinderstationen und Arztpraxen in RLP in Bedrängnis

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Christian Papadopoulos
Stephanie Naab
David Flaßkamp

In viele Kliniken in Rheinland-Pfalz werden immer mehr Kleinkinder und Säuglinge mit Atemwegsinfektionen eingeliefert. Weit verbreitet ist vor allem das RS-Virus. Krankenhäuser, aber auch Arztpraxen kommen an die Grenzen ihrer Kapazität.

Wie der Hessische Rundfunk kürzlich berichtete, gibt es im Nachbarland eine ähnliche Entwicklung. Wie aber sieht es bei uns in Rheinland-Pfalz aus? Wir haben nachgefragt.

Klinikum Worms beklagt Fachkräftemangel

Der Leiter der Kinderstation am Klinikum in Worms, Markus Knuf, sagte dem SWR, dass es an vielen Kliniken einen Fachkräftemangel bei Ärzten, Ärztinnen und Pflegekräften gebe. Gleichzeitig würden immer mehr kleine Patienten mit Atemwegserkrankungen eingeliefert. Darunter seien auch viele RS-Virusfälle, so Knuf. Die Kapazitäten seien im Grunde ausgeschöpft, mehr Kinder könne man nicht aufnehmen.

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Knuf wies darauf hin, dass derzeit an Impfstoffen gegen das RS-Virus geforscht werde. Auch er selbst sei an einer Studie beteiligt. Einen marktfähigen Impfstoff gegen das RS-Virus für alle Patienten gebe es noch nicht. Derzeit sei ein Passiv-Impfstoff verfügbar, der aber nur für Säuglinge und Kinder mit angeborenem Herzfehler geeignet sei.

Auch eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover mit molekularen Antikörpern befasst sich mit der Entwicklung eines Impfstoffs. Dafür würden noch Säuglinge unter 12 Monaten gesucht, teilten die Forscher und Forscherinnen mit.

Ludwigshafen: Eltern übernachten im Krankenhaus bei den Kindern

Auch das Ludwigshafener Kinderkrankenhaus St. Annastift spricht von einer prekären Lage. Chefarzt Ulrich Merz wies darauf hin, das auch für das Pflegepersonal die RSV-Infektionen eine echte Belastung seien, weil ja meist die Eltern bei ihren kleinen Kindern im Krankenhaus blieben und untergebracht werden müssten. Nehme die Krankheit einen normalen Verlauf, dann könnten die Kinder in der Regel nach einer Woche wieder entlassen werden, sagte Merz.

Beim Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern und Pirmasens hofft man ebenfalls, keine Kinder wegschicken zu müssen. Nach Angaben von Chefarzt Hans-Georg Kläber aus Pirmasens stecken sich Kleinkinder vor allem bei älteren Geschwistern an, die in den Kindergarten oder die Schule gehen. Wenn dort der Husten umgehe, solle man ältere und jüngere Geschwister zumindest für den Moment auf Distanz halten.

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Hohe Fallzahlen auch in Koblenz

Nicht viel anders als in Worms sieht es in Koblenz am Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein aus. Thomas Nüßlein, der Chefarzt der dortigen Kinder- und Jugendmedizin, teilte dem SWR auf Anfrage mit: "Es gibt tatsächlich derzeit eine unglaubliche Welle vom Atemwegsinfektionen bei Kindern. Das berichten Kolleginnen und Kollegen aus den Praxen und gleichermaßen aus den Kliniken."

Genau diese Erfahrung machten auch die Kollegen und Kolleginnen an den Standorten in Mayen und Koblenz. Dadurch, dass die Kinder mit diesen Infektionen auch besonders krank seien, bestehe ein erheblicher Bedarf an stationärer Behandlung. Ein Problem sei, dass wie jeden Winter verschiedene Viren eine Rolle spielen, und die Kinder so lange einzeln untergebracht werden müssten, bis klar sei, um welches Virus es sich handelt. Dadurch seien die Häuser maximal belegt, hieß es.

Mainz: "Notfälle werden immer aufgenommen"

Nicht ganz so dramatisch sieht es an der Unimedizin in Mainz aus. Pressesprecherin Martha Lubosz teilte dem SWR mit: "Auch in unserer Kinderklinik werden derzeit mehrere junge Säuglinge und Kleinkinder wegen Atemwegserkrankungen, insbesondere mit RSV-Infektionen, stationär behandelt. Unsere Kapazitäten sind aktuell voll ausgelastet."

Gleichwohl versorge man als "Maximalversorger für Rheinland-Pfalz" und als einzige Kinderklinik in Mainz alle Notfälle und nehme alle Kinder auf, die eine stationäre Behandlung benötigen.

Der Leiter der Sektion Pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Pädiatrische Intensivmedizin an der Unimedizin Mainz, Professor Stephan Gehring, sagte dem SWR, dass eine RSV-Erkrankung nichts Neues sei, sondern, dass es immer im Herbst und Winter vermehrt zu Infektionsfällen komme. Daher habe man im Moment eine hohe Auslastung. Täglich werde etwa ein Kind mit dieser Erkrankung eingeliefert, so Gehring. Die Versorgung sei aber gewährleistet. Das sehe nach seinen Informationen in vielen anderen Kliniken in Rheinland-Pfalz anders aus.

Kein Zusammenhang mit Ende der Corona-Maßnahmen

Gehring wies darauf hin, dass der Krankenstand im Hinblick auf Atemwegsinfektionen inzwischen wieder auf Vor-Corona-Niveau sei, aber auch nicht höher. Da vor allem Frühgeborene sowie Kinder mit chronischen Herz- oder Lungenerkrankungen schwere Verläufe bei RSV hätten, sei auch kein Zusammenhang mit dem Ende der Corona-Maßnahmen erkennbar. Einige Experten hatten vermutet, dass die Corona-Maßnahmen wie Maskentragen und Abstandhalten in den vergangenen zwei Jahren das Immunsystem bei vielen Menschen geschwächt hätten, so dass sie nun wehrloser gegen etliche Viruserkrankungen seien - wie etwa Influenza oder eben auch RSV.

Nur Symptome können behandelt werden

Das RS-Virus kann Atemwegserkrankungen auslösen. Eine erschwerte Atmung, manchmal mit pfeifenden Geräuschen, hohes Fieber, eine blasse Hautfarbe und Trinkschwäche können auf eine Infektion hinweisen. Bei diesen Symptomen sollten Eltern ihre Kinder zum Arzt bringen. Normalerweise ist eine Infektion sehr gut zu behandeln. Danach geht es den meisten Kindern wieder gut.

Da es bisher keine Medikamente oder Impfstoffe gegen den Erreger gibt, können nach Aussagen von Medizinern bei schweren Verläufen nur die Symptome behandelt werden. Die Behandlung bestehe vor allem aus Sauerstoffversorgung, fiebersenkenden Mitteln und Flüssigkeitszufuhr.

Auch Kinderärzte haben kaum noch Termine frei

Aber nicht nur die Kliniken sind überlastet. Eltern fällt es zunehmend schwer, einen Termin für ihren Nachwuchs in einer Kinderarztpraxis zu bekommen. Das verdeutlicht der Fall einer Mutter aus Montabaur im Westerwald. Mitte Januar erwartet Julia Reinhardt ihr drittes Kind. Vor drei Wochen riet ihr die Hebamme, sich nach einer potenziellen Kinderarztpraxis umzusehen - für die ersten notwendigen Untersuchungen nach der Geburt.

Julia Reinhardt, Mutter aus dem Westerwald (Foto: SWR)
Julia Reinhardt aus Montabaur suchte lange nach einem Platz in einer Kinderarzt-Praxis.

Julia Reinhardt antwortete ihrer Hebamme: "Ich kann mich doch nicht schon jetzt um einen Kinderarzt kümmern, und dann sagt sie (die Hebamme): 'Oh doch, schau mal nach einem Kinderarzt, besser wäre das'. Und dann habe ich mich auf die Suche gemacht“.

Doch weder in Montabaur, wo die 46-Jährige wohnt, noch im Umkreis von 30 Kilometern hatte Julia Reinhardt Erfolg. "Ich schätze, so zwischen 20 und 25 Praxen habe ich angefragt. Bei den meisten habe ich auch jemanden erreicht – entweder telefonisch oder per E-Mail. Und ich habe von allen eine Absage bekommen“, klagt Reinhardt.

Westerwälder Arzt führt Patientenliste

Dass die Kapazitäten vieler Kinderarztpraxen im Westerwaldkreis am Limit sind, weiß Kinderarzt Sebastian Bartels nur zu gut. Seit Mitte 2020 führt er gemeinsam mit einer Kollegin seine Praxis in Montabaur mit einem großen Patientenstamm.

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"Wir haben gestern 140 Patienten zu zweit versorgt und keiner hat mal zwischendrin ein Glas Wasser trinken können. Wo sollen wir da dann noch Patienten unterbringen?“, fragte Bartels im Gespräch mit dem SWR.

Von der Politik würde er sich daher mehr Wertschätzung wünschen für die ambulante Versorgung und für deren Personal. Trotz allem nimmt auch seine Praxis immer wieder neue Patienten auf – aber mit Augenmaß.

"Bei uns ist das so: Ab der 20. Woche fragen die Eltern hier an. Wir führen eine Liste. Und die Liste hat bestimmte Plätze. Und wenn die Plätze voll sind, dann müssen wir da auch eine Strichlinie ziehen, weil danach schaffen wir es nicht mehr, diese Patienten entsprechend zu versorgen“.

Julia Reinhardt findet Kinderarztpraxis am Bodensee

Weil ihr auch die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkasse nicht weiterhelfen konnten, hat Julia Reinhardt in ihrer Hilfslosigkeit einen offenen Brief an den rheinland-pfälzischen Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) und die Landtagsfraktionen geschrieben.             

"Mit der Bitte, dass sie doch für eine Lösung sorgen sollten. Denn sie haben ja diese Entwicklungen in der Vergangenheit mitgestaltet und gestalten sie auch weiterhin mit. Also müssten die doch eine Lösung haben für mich", fordert Reinhardt.

Auf eine Antwort wartet Julia Reinhardt noch immer. Einen Platz beim Kinderarzt hätte sie mittlerweile – allerdings am Bodensee. Dort wohnt ihr Lebensgefährte und Vater ihres Kindes. Aber Julia Reinhardt gibt die Hoffnung nicht auf, bis Januar doch noch eine Kinderarztpraxis im Westerwaldkreis zu finden.                

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