Hitze Eppingen

Klimawandel und Extremwetter

Hitze, Trockenheit, Starkregen: So wappnen sich BW-Städte dagegen

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Susanne Veil
Bild von SWR-Redakteurin Susanne Veil

Die Städte unternehmen einiges, um die Sommerhitze erträglicher zu machen und sich gegen Trockenheit und Starkregen zu schützen. Doch was verschafft uns schon diesen Sommer Erleichterung?

Alle Zeichen sprechen dafür: Dieser Sommer wird heiß und trocken. Wieder einmal. Denn Baden-Württemberg ist überdurchschnittlich stark von der Erwärmung durch den Klimawandel betroffen. Bis 2040 wird es im Land im Schnitt um drei Grad wärmer sein als zu Beginn des Industriezeitalters 1881, das hat der Klimasachverständigenrat Baden-Württemberg berechnet. Anpassung ist notwendig. Was wird dazu in den Städten und Gemeinden getan, um Hitze und Trockenheit sowie andere Extremwetter abzufedern?

Was hilft gegen die Hitze in den Städten?

Städte wie Freiburg, Heidelberg und Karlsruhe sind berühmt für ihre Sonnentage und das mediterrane Klima. Nun sind sie auch ganz besonders von immer höheren Temperaturen und Trockenheit betroffen. Doch nicht nur sie versuchen, ihrer Bevölkerung Abkühlung zu verschaffen: Freiburg und Heidelberg arbeiten für diesen Sommer noch an einer "kühlen Karte", auf der Trinkwasserbrunnen, offene Kirchen und klimatisierte Museen eingezeichnet sind.

In Karlsruhe und Mannheim gibt es eine solche Karte für kühle Orte bereits. Darüber hinaus schaut man in Karlsruhe vor allem nach Frankreich. Dort wurden nach dem Hitzesommer 2003 sogenannte Hitzeaktionspläne zur Pflicht, erklärt Julia Hackenbruch, die Leiterin des Fachbereichs Klima in Karlsruhe. Sie schaut sich etwa an, wo genau Frankreich im öffentlichen Raum Tipps gegen Hitze aufhängt, um die meisten Menschen zu erreichen. In einer weiteren Alarmstufe werden in Frankreich alle Menschen ab einem gewissen Alter angerufen, um zu sehen, wie es ihnen geht. Außerdem gibt es dort Kühlräume mit medizinisch geschultem Personal.

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In Mannheim wird deswegen gerade an Videos gearbeitet, die in Straßenbahnen und auf Social Media auf das richtige Verhalten bei Hitzewellen aufmerksam machen sollen. Auf einer Hitzeschutzwebseite sind alle Tipps gebündelt.

Wie die Quadratestadt mit einem Hitzeaktionsplan gegensteuern will, erklärt Mannheims Bürgermeister Dirk Grunert (Grüne) auch im Interview auf der BUGA:

Stuttgart kümmert sich diesen Sommer erneut um die Menschen, die der Hitze schutzlos ausgeliefert sind. Das zweite Jahr in Folge soll ein Hitzebus bei Temperaturen über 32 Grad dorthin fahren, wo sich Obdachlose aufhalten. Vor Ort werden die Menschen dann von Beschäftigten des Roten Kreuz gefragt, wie es ihnen geht und es wird Wasser verteilt.

Wie lässt sich das Stadtklima dauerhaft verbessern?

Auf längere Sicht soll mehr Grün in der Stadt die Hitze erträglicher machen. Nicht nur in Heidelberg werden dafür Plätze entsiegelt - also Betonflächen für Pflanzen geöffnet. In Heilbronn soll in Zukunft ein sogenannter Klimaanpassungsmanager solche Maßnahmen koordinieren. Eine solche Klimaanpassungsmanagerin hat Freiburg schon seit drei Jahren. Verena Hilgers erklärt, dass Entsiegelung in Städten in einem Dreiklang passiert: Es gebe Flächen, die müssten eben versiegelt sein, Hauptverkehrsrouten zum Beispiel, dann gebe es wiederum komplett grüne Flächen. Interessant werde es bei dem, was dazwischen liegt: "Welche Flächen können Teilversiegelt bleiben? Parkbereiche zum Beispiel.“ Hier könne etwa ein Rasen-Gitter-Stein verlegt werden, der dazwischen Platz für Erde und Bepflanzung lässt.

Wie Städte grüner werden

Für wohltuenden Schatten werden in vielen Städten nun Bäume gepflanzt. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Baumpflanzungen stellen im urbanen Raum aufgrund vieler unterirdischer Leitungen eine Herausforderung dar, so die Stadt Heidelberg: "Ein Einsatz von Maschinen ist kaum möglich. Daher müssen die Baumgruben in kleinteiliger und aufwändiger Handarbeit hergestellt werden." Das macht jeden Baum sehr teuer.

Gar nicht so unwichtig ist auch die Frage, wer die vielen Pflanzen und Bäume dann gießen soll. Die Stadt Mannheim hat dafür ein intelligentes Bewässerungssystem angeschafft und arbeitet an einem digitalen Grünflächenmanagement, um effektiver vorzugehen.

Die Stadt Heilbronn experimentiert unterdessen mit mobiler Stadtbegrünung. Mit grünen Wänden, Pflanzen und Sitzgelegenheiten soll in "SommerZonen" Abkühlung und Aufenthaltsqualität entstehen. Dafür werden Pflanzen aufgestellt, Sitzgelegenheiten geschaffen und Nebelanlagen installiert. Auf öffentlichen Plätzen sollen zwei Klimawäldchen entstehen.

Wie Städte der Zukunft aussehen werden

Hanna Denecke leitet in Freiburg den Bereich für Stadtentwicklung. Sie sagt ganz kategorisch:

"Unsere Städte werden in ein paar Jahren nicht mehr so aussehen, wie sie heute aussehen."

Denn es gehe nicht nur um einzelne kühle grüne Inseln in der Stadt. Diese Orte sollen auch im Schatten erreichbar sein. "Wir denken die Begrünung und Verschattung im Straßenraum mit." Außerdem stellen sie sich die Frage: "Macht es Sinn dunkle Gebäudefassaden zu errichten oder sind nicht vielleicht weiße besser?" Gerade in der Corona-Zeit sei hier eine Art "Möglichkeitsraum" entstanden. Man habe erkannt, dass erstrebenswerte Innenstädte nicht mehr nur aus Einzelhandel bestehen, sondern eine Mischung aus Nutzungsformen bieten: Kultur, konsumfreie Räume, Einkaufen und Begegnung. Die Stadtplanerin verweist auf Ludwigsburg, wo ein kleiner Strand und Erholungsmöglichkeiten von den Menschen diesen Sommer hervorragend angenommen werden. "Das muss nun nur großflächiger gedacht werden, kleine Flächen sind ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Auch Privatleute sind gefragt

Doch Städte bestehen nicht nur aus öffentlichen Flächen oder Gebäuden in staatlicher Hand. Was ist mit Privatgrundstücken? In Freiburg wird versucht über Förderprogramme Hausbesitzer und Grundstückseigentümerinnen zu erreichen. Es finden Beratungswochen für Bürgerinnen und Bürger statt, die sich über Dachbegrünung, Fassadenbegrünung und Entsiegelung informieren können. Klimaanpassungsmanagerin Hilgers und Stadtplanerin Denecke sagen, bei Architektinnen und Bauherren bestehe großes Interesse.

Auch andere Städte in BW versuchen Privatleute über das Thema zu informieren und Anreize mit finanziellen Förderungen zu schaffen. In Mannheim beispielsweise ist eine Sanierungsoffensive geplant. Hausbesitzer werden hier bei der energetischen Sanierung unterstützt, denn die sorgt dann für kühle Innenräume.

Die Landeshauptstadt ist durch ihre topografische Situation besonders anfällig für Hitzestress, wie sie auf ihrer Webseite schreibt. Soll heißen: Im Kessel wird es heiß, denn dort staut sich die warme Luft. Auch hier sollen mehr Grün und mehr Wasser Abhilfe schaffen: Bäume pflanzen, Trinkwasserbrunnen installieren und Privatpersonen dazu ermuntern, Höfe, Fassaden und Dächer zu bepflanzen, lautet die Devise. 200 Millionen Euro will die Stadt für den Klimaschutz ausgeben. Ein Teil davon ist der Klima‐Innovationsfonds mit 13 Millionen Euro. Mit dem Geld fördert die Stadt Projekte von Fahrradwerkstätten bis zur Energieberatung.

Grün auch in der Vertikalen

Damit kühlendes Grün auch an der Fassade möglich wird, lautet das neue Zauberwort vieler Stadtplaner: Fassadenbegrünung. Vertikale Gärten entstehen, weil auf dem Boden die Fläche in der Stadt knapp ist. In Reutlingen experimentiert selbst ein Privathaushalt mit einer besonderen Form der Fassadenbegrünung. In dem Pilotprojekt wachsen ganze Bäume waagrecht aus der Fassade.

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Wie können Städte mit Starkregen besser umgehen?

Was dem Stadtklima gut tut, hilft auch bei Starkregen. Entsiegelung ist hier das Gebot der Stunde. Dahinter verbirgt sich die Überlegung, dass Flächen auf denen kein Wasser versickern kann, irgendwann vollaufen wie eine Badewanne. Denn zubetonierte Flächen sind versiegelte Flächen.

Julia Hackenbruch vom Fachbereich Klima in Karlsruhe erklärt, dass in Neubaugebieten nun darauf geachtet wird, auch tieferliegende Flächen einzuplanen, in denen sich Niederschlag sammeln kann. Genauso wichtig sei es aber, dass das Wasser direkt auf jedem Grundstück versickern könne. Nur so fließt das Wasser nicht in den Kanal, der bei Starkregen bereits überlastet sein kann. Eine "Schwammstadt" soll entstehen, das Stichwort ist etwa aus Stuttgart, Mannheim, Freiburg und Karlsruhe zu hören. Die Stadt soll in der Lage sein, Wasser wie ein Schwamm aufzusaugen. Der ideale Schwamm sind Grünflächen. Sie nehmen Wasser auf, das dann wieder verdunsten kann - und dabei die Stadt abkühlt.

Starkregenmanagement auf jedem Grundstück

Die Stadt Freiburg hat verschiedene Förderprogramme aufgesetzt, um private Hausbesitzer zu ermuntern, ihre eigene zubetonierte Garageneinfahrt auch in diesem Sinne zu überdenken. Denn der Umgang mit Starkregen setzt beim einzelnen Bürger an. Das macht ihn extrem kleinteilig. Laut Landesanstalt für Umwelt in BW muss dazu bei jedem Grundstück eigens vermessen werden, wie hoch die Mauern sind, wo eine Tiefgarage potentiell voll laufen könnte oder wo etwa besondere Fenster gegen Hochwasser eingebaut werden müssten.

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Städte verschaffen sich einen Überblick über die Gefahr

Zur Anpassung hat die Stadt Heidelberg ein Vorsorge-Konzept bei Hochwasser und Starkregen erstellt. Verschiedene Karten erlauben es, das Risiko an bestimmten Standorten abzuschätzen. Ähnliche Starkregenkarten gibt es bereits für Mannheim, Ulm und andere Städte in BW.

Was unternehmen kleinere Städte?

Zwar sind kleinere Städte nicht gleichermaßen von Hitze und Versiegelung betroffen wie die Großstädte im Land, doch trockener und heißer wird es auch hier. Die Stadt Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) plant Bachläufe wieder offenzulegen, damit sie die Stadt kühlen können. Reutlingen, Offenburg und viele weitere Städte stellen Trinkwasserbrunnen auf oder ertüchtigen alte Brunnen zu Trinkwasserqualität.

Gegen Starkregen werden auch in kleineren Städten Wasserumleitungen und Straßenabläufe angelegt, Starkregengefahrenkarten erstellt oder gar mit neuer Technologie experimentiert: In Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) kommt zum ersten Mal ein spezielles saugfähiges Betonpflaster zum Einsatz, das nicht nur Wasser versickert lassen soll, sondern es auch speichert.

Aus einer ehemaligen Parkplatzfläche in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) wird ein urbaner Garten. In Kirchheim unter Teck werden die Dächer städtischer Gebäude begrünt und wo vorher eine Industriebrache war, entstand der neue Bürgerpark.

Was muss in Zukunft passieren?

Die Herausforderung, vor der die Städte in BW gemeinsam stehen, zeigt sich exemplarisch an Reutlingen. Dort will man zur wasserbewussten Stadt werden: einer Stadt, in der Regenwasser nicht mehr als Abwasser, sondern als wertvolle Ressource gesehen und Verdunstung und damit Kühlung gefördert wird. Doch bislang gilt auch hier: Bepflanzung und andere Maßnahmen, die den langsameren Abfluss des Wassers erlauben, werden bisher vor allem in Modellprojekten umgesetzt. Auf die ganze Fläche der Stadt muss das Konzept erst noch übertragen werden.

Mitarbeit: Julia Kunert

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