Traurige Braut (Foto: IMAGO, IMAGO / Shotshop)

Gewalt gegen Frauen

Zwangsheirat: So wird Frauen im Landkreis Rastatt geholfen

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Markus Bender
Markus Bender, SWR (Foto: SWR)

Für manche junge Frauen ist ihre Hochzeit nicht der schönste, sondern schrecklichste Tag im Leben. Sie heiraten unter Zwang. Der Landkreis Rastatt will dagegen vorgehen.

Die Fälle von Zwangsheirat sind selten, sie gibt es aber auch in der Region Rastatt: "Wir hatten vor einigen Wochen einen Fall, da hat sich eine junge Frau an die Schulsozialarbeiterin gewandt", schildert Tamina Hommer, die für das Thema beim Landkreis Rastatt zuständig ist. "Gemeinsam konnte dann ein Weg gefunden werden, um dem Mädchen zu helfen." Sie wurde an eine Beratungsstelle vermittelt und die Zwangsverheiratung konnte unterbunden werden. Zwangsverheiratungen finden generell im Ausland statt, die Betroffenen werden dafür ausgeflogen.

Landkreis Rastatt will strukturiert gegen Zwangsheirat vorgehen

Im Landkreis Rastatt haben sich verschiedene Behörden für eine einheitliche Vorgehensweise abgestimmt. "Es muss vermieden werden, dass eine betroffene Person im Akutfall von einer Behörde zur anderen geschickt wird", so Hommer.

Unter anderem Sozialarbeiter und Lehrer sind oftmals der erste Kontakt zu Betroffenen. Sie sollen mit einer Arbeitshilfe so schnell und effektiv Hilfe einleiten können. Beispielsweise, dass betroffene Frauen unmittelbar einen Platz in einer Schutzeinrichtung bekommen. Das entsprechende Konzept wurde heute im Rahmen eines Fachtages mit Experten aus ganz Deutschland in Rastatt vorgestellt.

"Keine betroffene Person darf im Akutfall durch das soziale Netz fallen!"

Vorstellung der Arbeitshilfe gegen Zwangsverheiratung (Foto: SWR)
Tamina Hommer (links) und Carolin Merz sind im Landkreis Rastatt für das Thema Zwangsverheiratung zuständig. Am Mittwoch haben sie im Rahmen einer Fachtagung eine Arbeitshilfe für Vertrauenspersonen und Behörden vorgestellt.

Hohe Dunkelziffer bei Anzeigen bei der Polizei

Wie viele Menschen in Baden-Württemberg von Zwangsheirat betroffen sind, lässt sich nur schwer ermitteln. Die Polizei geht von einem sehr hohen Dunkelfeld in diesem Deliktsbereich aus - darunter fällt auch die versuchte Zwangsheirat. Im Bereich des Polizeipräsidiums Pforzheim wurden beispielsweise im Jahr 2021 vier Fälle zur Anzeige gebracht.

Die Statistik von Fachberatungsstellen zeigen deutlich höhere Zahlen. Die Beratungsstelle Yasemin aus Stuttgart berät in Baden-Württemberg junge Migrantinnen zwischen 12 und 27 Jahren, die unter anderem Schwierigkeiten mit ihrer Familie haben. Im vergangenen Jahr wurden allein hier 224 Personen beraten. Dabei ging es in 63 Fällen um Zwangsverheiratung.

Der schwere Weg des Ausstiegs

Betroffen sind laut Yasemin Frauen und auch Männer aus patriarchalisch-geprägten Familien. Die Herkunftsfamilien stammen beispielsweise aus der Türkei oder dem Iran. Viele Betroffene sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, leiden aber unter den strengen Familienstrukturen. Solche Familien stellen beispielsweise die Tochter unter Generalverdacht dass sie möglicherweise vorehelichen Sex haben könnten.

"Die Mädchen erleben über viele Jahre Formen von Gewalt", erzählt eine Mitarbeiterin von Yasemin. Ihr Name darf aus Schutzgründen nicht genannt werden. "Wir machen die Erfahrung, dass die Betroffenen nicht urplötzlich die Familie verlassen, sondern das ist ein Prozess über Jahre."

Zwangsheirat (Symbolbild) (Foto: IMAGO, IMAGO / agefotostock)
Die Beratungsstelle YASEMINE suchen unter anderem geflüchteten Personen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak auf.

Zufluchtsort nach der Flucht vor der Zwangsheirat

Ein Ausweg ist für viele Betroffene nicht nur das Beratungsangebot von Yasemine, sondern auch ein Zufluchtsort namens "Nadia" - ebenfalls ein Angebot von "eva", der Evangelische Gesellschaft in Stuttgart . Dort können Frauen, die unter anderem vor einer Zwangsheirat fliehen möchten, Schutz suchen.

Innerhalb von 12 Wochen werden die Frauen anonym untergebracht und mit ihnen eine gemeinsame Perspektive entwickelt. "Wir nehmen nur Frauen auf, die freiwillig zu uns kommen", sagt eine Mitarbeiterin. Die Frauen werden - wenn sie es möchten - darauf vorbereitet den Kontakt mit der Familie komplett aufzugeben und ihr eigenes Leben zu gestalten.

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