SWR2 Buch der Woche vom 30.10.2017 Patricia Hempel: Metrofolklore

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"Metrofolklore" heißt der Debütroman der 1983 in Berlin geborenen Schriftstellerin und Journalistin Patricia Hempel. Es ist ein Metropolenroman und zugleich eine derbe Parodie dieses Genres. Er handelt von einer Frau, die wie die Autorin selbst in Berlin Ur- und Frühgeschichte studiert und ganz sicher bald nach Hildesheim zum Literaturstudieren geht, weil es ihr nicht gelingen wird, ihren Hunger nach Poesie im Alltag zwischen Großstadt und Studium totzuschlagen.

Wie Patricia Hempel tief in jedes Fettnäpfchen des Großstadtromans klettert, daraus aber - wie aus einem Stahlbad der Satire und Selbstironie - literarisch unverwundbar wieder herauskommt, ist merkwürdig und schön zugleich.

dfg

Die Hohe Minne vor der Genderpolizei

Eigentlich haben mir ja die Herren immer schon leid getan, damals im Minnesang-Seminar. Was für eine vergebliche Liebesmüh. Standen da und klampften unten unterm Balkon der hohen, fernen Frauen und reimten aus sich heraus, was sie an lyrischem Kunstblut nur zusammenbringen konnten. Ohne Aussicht auf, letztlich ohne Willen zum Vollzug – jedenfalls im Fall der einzig wahren, der Hohen Minne.

Aventiuren der einsamen Herzen. Anbetungsgesänge auf Frouwen, die heute, würde einer von den armen Gottesnarren der Liebeslyrik sie auf eine Hauswand pinseln, allesamt auf Beschluss irgendeines völlig durchgendernden Antidiskriminierungsidiotenkomitees wegen strengem Sexismus-Verdachts von jener Hauswand wieder entfernt werden müssten – wie die herrlichen, frauenbewundernden „Avenidas“ das Eugen Gomringer, die zum Glück noch immer die Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin ziert.

Autorin Patricia Hempel (Foto: Tropen Verlag - Anette Hauschild)
Tropen Verlag - Anette Hauschild

Wer jetzt meint, wir würden hier doch ein bisschen arg heftig ins Allgemeine abdriften, irrt. Wir sind mittendrin! Gehört alles zu „Metrofolklore“. So heißt der Debütroman der 1983 in Berlin geborenen Schriftstellerin und Journalistin Patricia Hempel. Hempel hat Ur- und Frühgeschichte studiert. Dann ging sie nach Hildesheim ans Literaturinstitut. Sie wurde – wegen ihrer Fähigkeit Lyrik und Prosa zu mischen – Stadtschreiberin in Wolfsburg, wo sie die Bequemlichkeit stören und das Lachen fördern wollte. Was man ja beides nur gut heißen kann.

Der Charakter der Protagonistin ist mit der Hauptstadt nicht vereinbar

„Metrofolklore“ handelt von einer Frau, die in Berlin Ur- und Frühgeschichte studiert und ganz sicher bald nach Hildesheim geht, weil es ihr nicht gelingen wird, ihre Supercheckerbunnyhaftigkeit in der Archäologie angemessen im Zaum zu halten. Weil ihr Geist sich viel zu gern und viel zu sehr über alle Phänomene der Gegenwart im Allgemeinen und der deutschen Hauptstadt im Besonderen lustig macht und verstrahlt.

Weil es ihr nicht gelingen wird, ihre immanente Schöngeisterei, ihren Hunger nach Poesie im Alltag zwischen „Speiseresten einer elb-germanischen Siedlung“ und noch so fachgerecht exhumierten ollen Gebeinen totzuschlagen. Weil ihre so schnelle wie schnodderige Pointenfabrikation eben nicht – entgegen dem Rat ihrer „verschrumpelten Honorarprofessorin“ – in einer „Karriere bei der Springer-Presse“ enden darf. Und weil es natürlich hart ist, „lesbisch zu sein, wenn die Weiber um einen herum aussehen wie Walküren mit stark erhöhten Cholesterinwerten“.

Die Männer der Ur- und Frühgeschichte sind – das erstickt ein eventuelles Aufflackern bisexueller Anwandlungen im Keim – eher noch schrecklicher. Glaubt man Patricia Hempel. Oder besser: Der Frau, die in Patricia Hempels Roman „Metrofolklore“ betreibt.

Vor Klischees und Fettnäpfchen wird kein Halt gemacht

Die strudelt eines Nachts durch die Stadt an der Seite der Sängerin einer Mitteltalterband. Die Frau heißt Patricia. Sie „studiert Literarisches Schreiben in einem dieser Käffer bei Hannover“, und irgendwann erzählt sie, „von einem belanglosen Roman, den sie gerade schreibt, in dem es viel um Sex und Drogen geht. Hauptfigur ist ein Versager, der von einer Krise in die nächste rennt. Klingt nach einem dieser Trash-Pop-Storys, von denen es genug gibt, aber ich bekunde: Toll, würde ich kaufen!“

An dieser Stelle, die Patricia Hempel natürlich nur da hingeschrieben hat, damit ich und jeder sie jetzt zitieren und darauf hinweisen kann, dass sie mit Trash-Pop-Story und belanglos doch gar nicht Recht hat im Zusammenhang mit „Metrofolklore“, an dieser Stelle also würde man natürlich das hübsche dünne Buch gern zur Seite legen. Man kriegt es aber nicht hin: Weil Patricia Hempel es in ihrer Liebessuada einer sehrspätmittelalterlichen Minnesängerin – Trobairiz hießen die, wie man in „Metrofolklore“ lernt – wirklich tief in jede Klischeefalle, in jedes Fettnäpfchen des metropolen Großstadtromans schreibschülerhafter Prägung klettert, aber wie durch ein Stahlbad der Satire und Selbstironie gezogen literarisch unverwundbar wieder herauskommt. Was sehr merkwürdig ist. Und sehr schön.

Erzählt wird eigentlich so gut wie nichts. Ein paar Tage vor Weihnachten geht es los, ein paar Tage nach Weihnachten hört es auf. Die Erzählerin lebt mit einer Hete und einem Schwulen in einer WG. Sie ist – in niedriger Minne – verbunden mit Anika, die vom Fortpflanzungstrieb derart überfallen wird, dass sie sich mit dem grässlichen Sandkastenkumpel Carsten einlässt. War als eine Art Samenraub geplant, endet natürlich ganz  anders. In hoher Minne ist die nach allem, was ihr begegnet, auskeilende, geistig mehr als geringfügig hyperaktive Frau verbunden mit – wie sollte sie auch sonst heißen – Helene. Die wiederum ist so schön wie beinhart heterosexuell und noch dazu die Teilzeitgespielin des von allen angehimmelten Professors.

Eine radikal respektlose Formenvielfalt

Patricia Hempel schert sich einen Dreck um die Sprech-, Denk- und Erzählverbote des studentischen Mainstreams. Sie macht sich lustig. Sie springt durch die Zeiten (hyperaktiv halt), wechselt die Formen, Gedichte, Lieder gesungen. Situationen werden in erfundene Youporn-Video-Überschriften verwandelt („Ugly Slut works her big ass off“), Ovids Ratschläge aus der „Ars Amatoria“ bekommen endlich Hashtags. Listen, wie Helene ums Herz und um den Verstand gesungen werden könnte, werden überlegt. Listen werden gemacht, zu welcher Musik man sich am besten das Leben nimmt. Zum Beispiel. Es wird von Sex fantasiert, es wird Sex getrieben (man kann es leider nicht anders als sportlich ausdrücken).

Das alles und das Gedankengewitter, das Patricia Hempel über der Metropole, dem Babel der sexuellen und nichtsexuellen Möglichkeiten, aufblitzen lässt, können trotz allem die Verlorenheit, die Traurigkeit und die Leere in den Herzen beinahe aller, die sich in „Metrofolklore“ tummeln, kein bisschen aufhellen.

So ist die Lage. Und so tut sie weh. So ist allerdings auch die Metropolenliteratur. So konnte man es noch einmal machen. Weil Patricia Hempel eine ist, die auf dem Hildesheimer Lastenheft für die Verfertigung eines klassischen Metropolenromans unter Anwendung unter anderem stupenden musikalischen und nicht nur musikalischen Wissens (wer kennt schon noch Leo Delibes?) noch einmal Pogo tanzen kann. Solange, bis alles erfüllt und trotzdem nichts mehr von ihm übrig ist. Und man trotzdem berührt ist und verwirrt und gottesfroh, nicht mehr jung zu sein.

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