Buchkritik

Lisa Eckart – Boum

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AUTOR/IN
Helen Roth

Der Liebe wegen kommt die junge Österreicherin Aloisa nach Paris. Die französischen Zeitungen berichten parallel dazu von einem Serienmörder, der es auf Straßenmusiker abgesehen hat. Terrorexperten und Kommissare ermitteln zusammen. Lisa Eckharts neuer Roman ist eine Mischung aus Horrorgeschichte und Erotikkrimi. Er will als Satire verstanden werden, verstrickt sich jedoch allzu oft in wenig unterhaltsamen und dafür umso abgeschmackteren Klischees.

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Lisa Eckhart sagt in einem selbstironischen Statement, sie habe ihren neuen Roman geschrieben, während sie ihre Flucht von Mann und Kindern nach Paris vorbereite.

Er nennt sich Boum wie ein verliebter Herzschlag, Boum wie ein terroristischer Anschlag. Es wird trauriger, wie Les Misérables, lustiger als Louis de Funès und schärfer als Brigitte Bardot.

So viel gleich vorneweg, diesem Anspruch wird Lisa Eckharts neuer Roman keinesfalls gerecht. Ganz im Gegenteil verstrickt die krude Handlung sich allzu oft in abgeschmackte Klischees und pseudo-intellektuelle Abhandlungen über das Wesen von Mann und Frau.

Die Hauptfigur ist eine klassische „Unschuld von dem Lande“

Das fängt schon bei der Hauptfigur an. Eckhart stellt Aloisia als eine naive, weder schöne noch hässliche junge Frau aus Österreich vor. Aus Liebe fliegt sie nach Paris. Doch am Flughafen wartet nur die erste Enttäuschung. Ihr Liebster holt sie nicht ab. Doch ...

Einem Mann soll man nichts nachtragen. Weder den Koffer noch einen Fauxpas. Nach einer halben Stunde Fahrt in der RER B ist sie ihm also schon gar nicht mehr böse.
(Aus Lisa Eckhart: Boum, Seite 30)

Dabei ist Romain kein Hauptgewinn. Seine zahlreichen Eroberungen greift er Männern ab, die Frauen in Bars mit K.O.-Tropfen betäuben, um sie dann zu vergewaltigen. Bevor es soweit kommt, spannt er die benommenen Mädchen, den Filous – wie die Ich-Erzählerin die Täter geschmacklos nennt – aus. Nachdem Romain ihnen heldenhaft einen „Muntermacher“ in seinem heruntergekommenen Appartement gibt, schläft er selbst mit ihnen. Bei Aloisa läuft es zunächst anders.

Die hier brabbelt solchen Stuss, dass es ihm zu riskant erscheint, sie in dem Zustand zu vernaschen. Nicht bei Bewusstsein ist das eine. Nicht bei Sinnen etwas anderes.
(Aus Lisa Eckhart: Boum)

Eckhart erzählt hier einmal mehr die abgedroschene Liebesgeschichte von der Unschuld vom Lande und dem zwielichtigen Habenichts aus der Stadt. Auch der Autorin ist klar, dass diese dürftige Konstellation nicht trägt. Und so treibt auch ein Serienkiller in Paris sein Unwesen.

Ein Serienmörder und ein heruntergekommenes Ermittler-Gespann sollen Spannung generieren

Der notgeile Terrorexperte Monsieur Boum und der schlecht gealterte Kommissar „Tiger Brown“ nehmen sich dem Fall an. Doch dem König der Clochards ist nicht beizukommen.

Die Ähnlichkeiten zu Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ hat die Autorin sicherlich nicht zufällig gewählt. Jedoch bleibt es pures Namedropping, das Eckhart gerne als Stilmittel benutzt, zählt sie den Roman doch selbst zur Hochkultur.

Aloisia avanciert in der Zwischenzeit zur beliebtesten Hure der Stadt. Und zwar durch Eckharts Reproduktion von frauenfeindlichen Klischees.

Sie riecht noch nach Schulkantine. Und nach nassem Tafelschwamm. Nach den blauen Leichtturnmatten und nach vollen Bleistiftspitzern. In ihren Haaren hängt noch Chlor vom dienstäglichen Schwimmen.
(Aus Lisa Eckhart: Boum, Seite 225)

Platte Obszönitäten werden ausgebreitet

Die meisten Männer stehen also laut Eckharts Roman auf junge, noch unbedarfte Mädchen. Diese These wird noch untermauert,  insofern Aloisia kaum Französisch versteht. Dagegen kennt sie sich umso besser mit Fellatio aus. In den zahlreichen obszönen Sexszenen zeigt Eckhart leider über-anschaulich, dass Frauen in ihrem Roman zu jeder Tat bereit sind, sofern am Ende der Lohn stimmt.

Von Lust oder gar einem Erotikkrimi – wie der Klapptext des Romans verspricht – kann dagegen kaum die Rede sein. Verlässlich bedient die Autorin die Mär vom dauergeilen Mann und der erduldenden Frau. Eckhart ist Kabarettistin und übertreibt. Jedoch fehlt der Witz, denn ihr Schreiben enthüllt keine größere Wahrheit, sondern liefert nur eine sehr lahme Reproduktion misogyner Klischees.

Frauen wissen nicht, was sie wollen, weil sie nicht spüren, was sie wollen. Schuld an ihrem Wankelmut ist also nicht ihr Geist, sondern ganz allein ihr Körper. Männer wissen ebenso wenig, was sie wollen und was nicht, aber zumindest spüren sie es, denn ihr Schweif verrät es ihnen.
(Aus Lisa Eckhart: Boum)

Jaja, der gute alte Penis-Witz: auch bei Eckharts Kabarett-Shows ein verlässlicher Brüller. Welcher ältere Herr freut sich nicht über seine pochende Manneskraft. Und natürlich sind in Paris im Roman alle Menschen islamischen Glaubens Terroristen, und als wäre das nicht schon schlimm genug, findet sich zwischen den gemeinen Zeilen auch das rassistische N*-Wort.

Eine witzlose Ansammlung von Klischees

Die Autorin weiß genau, dass sie damit provoziert. Und offenbar will sie auch diesmal nichts anderes, denn es bleibt bei der bloßen Provokation. Der Roman entlarvt keine Klischees und Vorurteile, er bildet sie nur ab. Gelungene Satire geht anders.

Buchkritik Lisa Eckhart - Omama

Lisa Eckhart hat sich einen Namen als scharfzüngige Kabarettistin gemacht - nun legt die umstrittene Künstlerin ihren Debütroman vor: eine düster funkelnde Satire aufs Dorfleben der Nachkriegszeit, das sich in ihrer Schilderung allen gängigen Bildern entzieht.
Rezension von Helen Roth.

Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-552-07201-5
384 Seiten
24 Euro

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