Buchkritik

Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Max Frisch – „Wir haben es nicht gut gemacht.“

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AUTOR/IN
Wolfgang Schneider

Lang erwartet, endlich da: Der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch ist literaturgeschichtlich hochbedeutsam, berührt die Leser mit filigranen Beschreibungen von Liebesglück und Liebesunheil und erbringt den Beweis, dass Menschen, die wunderbar über Gefühle schreiben können, ihnen trotzdem hilflos ausgeliefert sind.

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Aus feministischer Perspektive wurde die Rolle von Max Frisch in dieser Beziehung kritisch gesehen

Sie standen um 1960 beide im Zenit ihres Erfolges: der weltbedeutende Romancier und Dramatiker Max Frisch und die als Primadonna der deutschen Lyrik gefeierte Ingeborg Bachmann. Ihre Liebesgeschichte ist von Legenden und Gerüchten umgeben und steht geradezu symbolisch für das gegenseitige Verfehlen von Männern und Frauen.

Bisher aber wurde immer mehr geraunt als gewusst über diese Beziehung, deren Destruktivität insbesondere von der feministischen Bachmann-Forschung sehr hoch eingeschätzt wurde: Frisch habe Bachmann in die Depression, den ruinösen Medikamentenmissbrauch und eigentlich in den Tod getrieben.

Ingeborg Bachmann als Opfer eines toxischen Mannes? Dieser Briefwechsel belehrt uns eines Besseren

Ingeborg Bachmann als Opfer eines toxischen Mannes, des Blaubarts Max Frisch? Dieser Briefwechsel belehrt uns nun eines Besseren. Es war Bachmann, die die Initiative ergriff, nachdem sich die beiden Schriftsteller aus der Distanz schon länger gegenseitig bewundert hatten.

Bachmanns Liebe war drängend, schon bei der ersten Begegnung in Paris am 3. Juli 1958, kurz nachdem sie sich von Paul Celan getrennt hatte. Drei Tage später zeigt sich Frisch im ersten Brief beglückt, aber auch etwas irritiert über die Absolutheit ihrer Liebe:

Frisch: Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein. Und ich bin glücklich und ratlos und zu feig, um über die Stunde hinaus zu denken.
(Aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Wir haben es nicht gut gemacht)

Was für ein steiler Beginn, was für ein Flug des Gefühls, der sich in den Briefen in beinahe lyrischen Tönen artikuliert, etwa wenn Bachmann zehn Tage später nach Neapel reist und den ersten Trennungsschmerz erleidet:

Bachmann: Die Fahrt war so lang, aber sie hätte noch länger sein müssen, dann hätte ich ganz begriffen, wie weit ich weg muss von Dir. Mein Liebster, das ist furchtbar. Jetzt geht draußen ein Wind um, ein wilder, es geistert im Haus… Ich glaube, mein Herz tut mir weh.
(Aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Wir haben es nicht gut gemacht)

Bachmann hat die Briefe von Frisch vernichtet. Erhalten sind nur Kopien von Frisch selbst

Zwei Drittel der Briefe stammen von Bachmann, was daran liegt, dass sie die Briefe von Frisch vernichtet hat. Von vielen hat Frisch allerdings Durchschläge oder Abschriften angefertigt, weil er die Korrespondenz auch als Material für den entstehenden Roman „Mein Name sei Gantenbein“ nutzte, in dem die Figur der Lila Züge Bachmanns trägt. 

Die Hoffnung auf eine dauerhafte Verbindung muss bei beiden im Jahr 1960 groß gewesen sein; Frisch machte damals ein Testament, in dem er zugunsten Ingeborg Bachmanns seine drei Kinder auf den Pflichtteil setzte.

Früh ist in den Briefen das Gefühl zu spüren, dass das Glück flüchtig und zerbrechlich ist

Allerdings ist in den Briefen früh eine Ruhelosigkeit und Unbehaustheit zu spüren, das Gefühl, dass das Glück flüchtig und zerbrechlich ist. Manchmal blickt Frisch auf die gemeinsame Wohnung wie auf eine Lebensform, die so entfernt ist wie die Ruinen von Pompeji.

Und dann quälen sich die beiden mit ihrer amourösen Toleranz, bis der Schmerz sich einschreibt in die Beziehung. Mit Hans Magnus Enzensberger hat Bachmann auf dem Höhepunkt der Liebesbeziehung mit Frisch eine längere Affäre, wie man hier zum ersten Mal erfährt. Noch mehr Gefühl brachte sie für den italienischen Germanisten Paolo Chiarini auf.

Max Frisch: Du machtest mich zum Arschloch

Zwar hatten sich Frisch und Bachmann in einem Vertrag darauf verständigt, eine offene Beziehung zu führen, die gelegentliche Seitensprünge erlaubte. Die Liebe zu Chiarini ging jedoch in ihrer emotionalen Tiefe darüber hinaus. Max Frisch ist in seinen Romanen nicht zufällig ein Spezialist für Eifersucht. 1965 resümiert er mit bitterer Schärfe:

Frisch:  Du hast Dich überall, wo Verehrung von einem Mann gekommen ist, als die unabhängige Frau ausgegeben, die zwar, wie man halt weiß, zusammen mit dem alten Frisch wohnt. (…) Es geht nicht darum, mit wem Du geschlafen hast oder nicht. (…) Sicher ist nur, dass meine Rolle eine seltsame war. Was deine Freunde sich dachten: ob ich dir zu alt bin oder nicht außerordentlich genug, soll mich nicht kümmern. Du machtest mich (da ich das Wort schon einmal in den Mund genommen habe, zögere ich nicht mehr es zu verwenden) zum Arschloch, wenn ich mich dann durchaus als deinen Gefährten ausgab.
(Aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Wir haben es nicht gut gemacht)

Frisch verliebte sich im Gegenzug in die junge Literaturwissenschaftlerin Marianne Oellers, mit der er dann ab 1964 zusammenlebte. Bachmann ermunterte ihn dabei sogar zunächst, war aber bald überfordert von der Ambivalenz. Und so wie sie beim Beginn der Beziehung und der Eskalation der Krise die Initiative hatte, so schließlich auch bei der Trennung, zu der sie sich in der Neujahrsnacht 1962/63 entschied:

Bachmann: Es ist unausweichlich. Wir müssen uns trennen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich mir noch länger etwas vormache, stundenweis Hoffnungen schöpfe. (…) Ich habe Dich wirklich und ganz und gar geliebt, auch in der Zeit, in der ich Dir einen Schmerz zugefügt habe in meiner Torheit und dafür bezahlt habe mit einem Schmerz und einer Angst um Dich, die nicht geringer waren als Dein Schmerz. (…) Es ist mir das Herz gebrochen.
(Aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Wir haben es nicht gut gemacht)

Bestimmend für den Bachmann-Opfer-Mythos war, dass Frisch aus der Beziehung scheinbar unversehrt hervorging

Immer offener wurden gegenseitige Vorwürfe laut. Frisch beschwerte sich über die „Lügen“ und ständigen Beschuldigungen Ingeborg Bachmanns, warf ihr unverschämte Unterstellungen vor. Bestimmend für den Bachmann-Opfer-Mythos war, dass Frisch aus der Beziehung scheinbar unversehrt hervorging, gleich wieder mit einer dreißig Jahre jüngeren Frau liiert, während Bachmann die zehn letzten Jahre ihres Lebens, bis zu ihrem Tod durch kalten Entzug, eine Gezeichnete war. „Es war Mord“ lautet der ominöse letzte Satz ihres Romans „Malina“. Da schien das Mann-Frau-Schuldgefälle völlig klar.

Auf alle Änderungswünsche von Bachmann am „Gantenbein“-Roman ging Frisch ein

Diese tendenziöse Lesart der Beziehung muss nun revidiert werden. Aus den Briefen geht hervor, dass Frisch seinen von feministischer Seite als Kränkung Bachmanns angefeindeten „Gantenbein“-Roman vor der Veröffentlichung von ihr prüfen und absegnen ließ; auf alle ihre Änderungswünsche ist er eingegangen. Der vermeintlich traumatische Schwangerschaftsabbruch von Bachmann im Januar 1963 war in Wahrheit eine Entfernung des Uterus. Und ihr Medikamentenmissbrauch setzte früher ein und wurde schon von Frisch besorgt beobachtet.

Frisch:  Ich wusste nicht nur darum, ich habe darunter gelitten. Ich habe vielerlei versucht, aber ohne Glück. Dein Nichtaufwachenwollen, dein Hindösen, seit wir diese Wohnung haben, deine Flucht in Narkotika, es war beängstigend.
(Aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Wir haben es nicht gut gemacht)

Beängstigend ist es auch, wie sich hier zwei Menschen in ihren Liebesbemühungen verfehlen, bei aller Befähigung, Gefühle auszusprechen und zu analysieren. Frisch und Bachmann sind nicht mehr losgekommen von ihrem Beziehungs- und Trennungsunheil.

Dieser Briefwechsel ist der Ur-Text für alle literarischen Nachspiele des Beziehungsunheils von Frisch und Bachmann

In vielen ihrer folgenden Werke spukt das herum, wird immer neu gespiegelt. Dieser Briefwechsel ist der endlich veröffentlichte Ur-Text für all diese literarischen Nachspiele und Variationen. Aber auch unabhängig von der enormen literaturgeschichtlichen Bedeutung liest er sich berührend und erschütternd.

Ist die Liebe nur eine Illusion?, fragt man sich nach der Lektüre. Eher wohl die gemeinsame Inszenierung eines Paares. Auch wenn das Stück am Ende auf zwei Bühnen gespielt wird.   


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Wolfgang Schneider